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Holocaust
Die Gärten des Gedenkens und Vergessens in Jumpravmuiža

Projektion "Tnansport von Europäischen Juden nach Riga vom Bahnhof Bielefeld am 13. Dezember 1941" auf dem Bahnhofsgebäude Šķirotava.
Projektion "Tnansport von Europäischen Juden nach Riga vom Bahnhof Bielefeld am 13. Dezember 1941" auf dem Bahnhofsgebäude Šķirotava. | © Dr. Karen Frostig

Vor über zehn Jahren besuchte Dr. Karen Frostig, Professorin der Lesley University, Künstlerin und Kulturhistorikerin, zum ersten Mal Riga, um das Lager Jungfernhof (Jumpravmuiža) zu finden, in dem ihre Großeltern, österreichische Juden aus Wien, ums Leben gekommen waren. Wir haben sie zu einem Gespräch gebeten über verschiedene Wege zu Stätten des Gedenkens und Vergessens für die Opfer des Holocaust sowie Möglichkeiten, diese zu errichten und schützen in einer Zeit, da Augenzeugen der Ereignisse nicht mehr unter uns sind.
 

Von Lolita Tomsone und Raivis Sīmansons

Wie sind Sie aus Boston nach Riga gekommen? War die Entscheidung einfach, nach Lettland zu kommen, mit dem Ihre Familie schmerzhafte Verluste verbindet?
 
Ich wollte Frieden und Klarheit schaffen, um den Ort zu finden, an dem meine Großeltern ruhen. Das Verhältnis zwischen Großeltern und Enkeln ist besonders eng und bedeutsam, aber ich weiß nicht, wie das ist – mir war nicht vergönnt, das zu erleben. 2007 bin ich nach Lettland gefahren und habe den Ort gesucht, wo sich einst das Gut Jungfernhof befand. Er schien so weit weg und versteckt, ganz mit Büschen zugewachsen. Damals gab es auch keine Schilder dorthin, es war ein ungezähmter Ort. Langsam ließ ich mich mehr darauf ein, dieses Land faszinierte mich. Ich wollte die Erinnerung daran bewahren, denn den anderen war das nicht wichtig. Als ich 2019 zurückkehrte, war der Ort wie desinfiziert – völlig verändert und hergerichtet, verwandelt in einen Park entlang der Daugava mit beleuchteten Spazierwegen.  Doch die Informationstafeln, die aufgestellt worden waren, verrieten nicht die gesamte Geschichte der Umgebung von Gut Klein-Jungfernhof.
 
Verständlich, dass dies für Sie ein besonderer Ort ist. Wie müsste man die Erinnerung an solche Orte bewahren?
 
Darüber habe ich viel nachgedacht. Es gab dort einmal Gemüse- und Obstgärten. Auch als das Gut Jungfernhof ein 200 Hektar großes Konzentrationslager mit etwa 4.000 gefangenen Juden aus Deutschland und Österreich war, wurden diese auf den Feldern eingesetzt. Mir war nicht klar, wo genau sich die Massengräber befanden. Ich suchte Gleichgesinnte sowohl in Österreich als auch in Deutschland und Lettland, denn gemeinsame Arbeit ist eine Erfahrung, die die Wunden der Vergangenheit heilt. Dieses Jahr hat eine Forschergruppe der Christopher Newport University unter der Leitung von Richard Freund die Massengräber in Jumpravmuiža mithilfe von Bodenwiderstandssondierungen und Elektrotomografie gefunden. Der Winter 1941/1942 war besonders hart, die Menschen im Lager starben an Typhus und anderen Krankheiten, die Erde war gefroren und die Verstorbenen konnten nicht begraben werden. Um das Massengrab auszuheben, wurde die Erde mit Dynamit gesprengt, und erst im Frühling wurde das Grab wieder zugeschaufelt. Solche Gräber kann man durch Sondierungen der Bodendichte finden, und zwei davon haben wir tatsächlich gefunden. In einem davon befinden sich auch meine Großeltern – das ist eine riesige Belastung. Von einem Erinnerungsort meiner Familie wird es nun zu einem wichtigen Projekt für die breitere Gesellschaft.
 
Zusammen mit den Forschern haben Sie versucht, Informationen über die Gefangenen im Jungfernhof zu sammeln – ihre Erinnerungen, Fotografien, die Namen aller Deportierten. Wie gut ist Ihnen das gelungen?
 
Wir haben sogenannte „Erinnerungstaschen“, in denen wir gefundene Gegenstände, Familienreliquien, Briefe und Fotos aufbewahren und die Namen dieser Menschen sammeln, die das nationalsozialistische Regime auslöschen wollte. In einer Erinnerung fanden wir, dass fünf alte Juden an der Scheunentür erschossen worden waren, weil sie sich im Lager am Feuer gewärmt hatten. Die Menschen sind vernichtet, aber wir müssen ihre Namen finden und bewahren. Auf den Fotos, auf denen Juden aus deutschen und österreichischen Städten mit Bündeln am Bahnsteig stehen, wissen sie – im Gegensatz zu uns – noch nicht, dass das Regime lügt bei dem Versprechen, sie in Dörfer mit Häusern und Schulen zu schicken. Der erste Transport mit Juden aus Berlin endet direkt im Wald von Rumbula.
 
Diesen Frühling haben Sie zusammen mit Umweltarchitektur-Studenten von der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) im Museum „Juden in Lettland“ an einer Denkmallandschaft gearbeitet. Waren die Visionen der Studierenden Ihren ähnlich?
 
Das Gut Jungfernhof war ein Ort unvorstellbarer Grausamkeit und Angst, aber es befand sich inmitten der Natur; die Felder wurden nicht von Gutsherren bestellt, sondern von den deportierten Juden, die Zwangsarbeit leisten mussten. Die jungen Architekten haben mich überrascht, die Art, wie sie diesen Erinnerungsraum realisiert und mit dem Bahnhof Šķirotava verbunden haben. Eine der Ideen war ein Besinnungspfad, auf dem man sich unterwegs hinsetzen und lesen oder erblicken kann, was mit den Menschen geschah, die diesen Weg während des Holocaust gingen. Für sie war es wichtig, den Gegensatz zu betonen zwischen den friedvollen Gärten, grünen Pflanzen und dem naturgegebenen Schutz einerseits und dem Hunger und der Kälte, denen die Deportierten aufgrund der Grausamkeit oder Gleichgültigkeit ihrer Mitmenschen ausgesetzt waren, andererseits.
 
Was ist Ihre Vision von diesem Ort, was würden Sie gerne bewahren?
 
Mir ist das Denkmal Lock(er) of Memory sehr wichtig, auf dem die Namen stehen und Daten, an denen der Genozid geschah, Namen verschwanden, Familien verschwanden. Ich möchte jeden der 3.836 Namen der Juden aus Berlin, Nürnberg, Stuttgart, Wien und Hamburg nennen und auf den vier Stein- oder Metallwänden des Denkmals festhalten. Die Opfer sind keine anonymen Menschen. Es muss beständiges Material sein, denn mit der symbolisierten Dauerhaftigkeit wehren wir uns gegen das Vergessen, das am einfachsten ist. Der Name des Denkmals Lock(er) of Memory ist ein Wortspiel: ein Erinnerungsschloss oder -schlüssel, ein Schließfach der Erinnerungen, das lange verschlossen war, aber vielleicht geöffnet werden muss, damit wir entdecken können, was dort versteckt ist. Auf der Innenseite soll die Geschichte des Lagers Jungfernhof stehen. Ich denke an einen einfachen Unterstand am Massengrab, der mit der Dämmerung beleuchtet wird, damit das Licht sich kräuselt wie der Atem, der durchtrennt wurde. Jetzt müssen wir sehen, was von alldem wir verwirklichen können.
 
Haben der Holocaust und die familiären Wurzeln Sie schon immer interessiert?
 
Nein, mein Vater hat nie über den Holocaust oder die Geschichte seiner Familie aus Wien gesprochen, er hat nur manchmal allgemein die 6 Millionen vernichteten Juden erwähnt, ohne das zu erklären. Im Haus gab es keine Familienbilder, außer zwei kleinen Passfotos von meinem Großvater und meiner Großmutter. Viel später erzählte mir mein Onkel, dass mein Vater aus Österreich geflohen war, aber seine Eltern nicht retten konnte. So wurden meine Großeltern Beile und Moses Wolf am 3. Dezember 1941 im Waggon Nr. 13 nach Riga deportiert, kamen zunächst an den Bahnhof Šķirotava und dann in das Lager Jungfernhof.

Mich hatte auch der Dokumentarfilm „Nacht und Nebel“ über den Holocaust von Alain Resnais psychologisch traumatisiert. Ich hatte ihn zu Studienzeiten in einem leeren Kino gesehen und den Holocaust aus meinem Leben verdrängt, als hätte ich überhaupt nichts damit zu tun. Als in der Nähe unseres Hauses Wald zerstört wurde, sind mein Sohn und ich Bäume beerdigen gegangen, das war eine künstlerische Aktion. Und da dachte ich an meine Großeltern, die im Wald geblieben waren. Auf der Suche nach ihren Wurzeln kam ich nach Wien, nahm die österreichische Staatsbürgerschaft an und erlangte die Stadt und die Geschichte wieder, die meinen Eltern geraubt worden war. Ich organisierte dort die Kunstaktionen „The Vienna Project“ zum Gedenken an den Holocaust. Das waren Gedenkvorstellungen – sie bestanden nur für kurze Zeit und verschwanden dann, aber die Erinnerung blieb. Auf meiner Suche kam ich auch nach Riga. Was für ein Verhältnis kann ich mit Lettland aufbauen, wenn meine Verbindung zu diesem Land der Ort ist, an dem die Stimmen meiner Großeltern verstummten?
 
Was erwarten Sie von uns in Lettland? Es gibt hier Denkmäler und Gedenkstätten, aber wer müsste die Verantwortung für den Jungfernhof als Holocaustgedenkstätte übernehmen?
 
Wie kann man unterschiedliche Geschichtserfahrungen verbinden, die von Vergessenheit bedroht sind? Müsste dieser Ort vergessen werden, weil er unbequem ist? Bislang ist es mir nicht gelungen, alle beteiligten Parteien davon zu überzeugen, dass eine solche gemeinsame Arbeit wichtig ist, obwohl schon vieles erforscht ist. Vielleicht klingt es überheblich, aber das Bewahren von Erinnerungen beinhaltet Widerstand und Aktivismus, Verantwortung und eine besondere Entschlossenheit. Zum Vergessen ist keine Verantwortung nötig, das geschieht unausweichlich. Der Bahnhof Šķirotava ist eine Gedenkstätte für die Deportationen von Letten, deren Leidensweg in den Gulag hier begann. Aber an demselben Bahnhof endete der Weg deutscher und österreichischer Juden, von denen nur wenige überlebten. Es muss einen Weg geben, dem zu gedenken. Wir sind komplizierte Menschen und können über die widersprüchliche Geschichte nachdenken, über die paradoxe Rolle dieses Ortes im 20. Jahrhundert. Derzeit befindet sich dort ein Denkmal für die deportierten Letten, das ist wichtig.
 
Ich überlege, was eine Möglichkeit wäre, am Bahnhof Šķirotava auch den europäischen Juden zu gedenken, für die dies die Endstation war. So könnten wir die Mauern der Stille einreißen und eine Gemeinschaft sein, die zusammenkommt, um ihrer eigenen Schmerzen und der anderer zu gedenken. Meine Idee war, am 30. November die Namen und Fotos aller deportierten Juden, die an den Bahnsteigen standen, bevor sie nach Riga kamen, an den Bahnhof Šķirotava zu projizieren.  Offenbar gibt es ziemlich viele fotografische Zeugnisse. Auch Passagiere in vorbeifahrenden Zügen würden bemerken, dass es an diesem Bahnhof noch eine weitere Schicht tragischer Erinnerungen gibt. Das wäre zumindest eine Begegnung, wenn auch eine kurze.
 
In Lettland bin ich Auswärtige und bin mir dieser Abgetrenntheit bewusst, aber wir müssten einmal unsere Unterschiede betrachten, diese nicht fürchten, und miteinander sprechen. Das ist meine Hoffnung in dieser Welt: eine sichere Umwelt zu schaffen, in der wir einander mit Mitgefühl und Verständnis anhören können – so verbessern wir die Welt.
 

Dieses Jahr vor 80 Jahren wurden viertausend Juden aus deutschen und österreichischen Städten nach Riga deportiert. Zur Gedenkzeremonie am Bahnhof Šķirotava kann Dr. Karen Frostig aufgrund der pandemiebedingten Einschränkungen nicht kommen.
 

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