Langzeitdokumentation Die Filme „Die Kinder von Golzow“ und „Turpinajums“ als Spiegel der Zeit

Die Kinder von Golzow
Die Kinder von Golzow | © absolut Medien

Sowohl Winfried Junges „Die Kinder von Golzow“, als auch Ivars Seleckis' „Turpinājums“ dokumentieren die Schicksale mehrerer Kinder und spiegeln so den Lauf der Geschichte wider. Was haben die Werke und Arbeitsmethoden der beiden Regisseure gemeinsam und was unterscheidet sie

Die Premiere des neusten Films „Turpinājums“ („Fortsetzung”)  des renommierten lettischen Dokumentarfilmers Ivars Seleckis wurde im März in Riga gefeiert. In den 60er Jahren gehörte Seleckis zu den Gründern der Rigaer Schule des poetischen Dokumentarfilms, die sich durch ihre poetischen Bilder auszeichnete. In seinen Filmen interessiert er sich für die kleinen Leute und ihre alltäglichen Probleme, was in der Sowjetzeit einen Kontrast zu der offiziellen Doktrin bildete. Die Filme von Ivars Seleckis gehören zu dem Besten, was das lettische Kino zu bieten hat. Sein berühmtestes Werk ist „Crossroad Street“ (1988), das auch mit dem Europäischen Filmpreis als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet wurde. Zu den Helden dieses Films kehrte Seleckis noch zwei Mal zurück. Zehn Jahre später im Film  „New Times at Crossroad Street“ (1999) und zwanzig Jahre später in „Capitalism at Crossroad Street“ (2013). So ist eine Langzeitdokumentation dieser kleinen Straße am Rande von Riga entstanden. Auch „Turpinājums“ ist als ein Filmzyklus angelegt, in dem über einen längeren Zeitraum fünf lettischen Kindern beim Heranwachsen zugeschaut wird.

In der Filmgeschichte gibt es nicht viele Langzeitdokumentationen. Die längste unter ihnen ist „Die Kinder von Golzow“, die Winfried Junge mit seiner Frau Barbara zwischen 1961 und 2007 gedreht hat. Er dokumentiert die Leben von achtzehn zwischen 1953.-1955 geborenen Kindern, später Erwachsenen, aus Golzow. Im Laufe der Zeit sind 20 Filme mit der Gesamtlänge von 42 Stunden und 50 Minuten entstanden. So übertreffen sie bei Weitem das zweite bekannte Beispiel solcher Langzeitdokumentationen – die „Up“-Serie der britischen Filmemacher Paul Almand und Michael Apted, die im eisernen Rhythmus alle sieben Jahre zu den vierzehn Helden ihrer Filme zurückkehren und die bisher insgesamt 12 Stunden und 49 Minuten an Material geliefert hat.

Zwei Zeitalter in einem Film

Zwischen „Die Kinder von Golzow“, dem „Up“-Zyklus und „Turpinājums“ gibt es einen großen Unterschied. Während die Kinder für die letzten zwei Werke sorgfältig ausgewählt wurden, so, dass sie verschiedene soziale Schichten in ihren jeweiligen Ländern repräsentieren, sind „Die Kinder von Golzow“ zufällig zu Helden eines Kinofilms geworden – sie gingen alle zusammen in die erste Klasse. Für Junge war der Drehort ausschlaggebend.

Golzow - zum Start des Zyklus noch ein kleines Dorf in der Deutschen Demokratischen Republik - befindet sich am Ufer der Oder, nahe der Grenze zu Polen. 1961 wurde hier eine neue Schule eröffnet, wo Kinder aus den umliegenden Gemeinden gemeinsam bis in die 10. Klasse zur Schule gehen konnten. Damit wollte die DDR demonstrieren, dass die kleinen Schulen auf dem Lande ausgedient haben. Das offizielle Ziel des Filmzyklus war es zu dokumentieren, wie bis 2000 in der DDR der Kommunismus aufgebaut wird. Aber die aktuellen Entwicklungen der Weltgeschichte haben dieser Vorstellung von Zukunft einen Strich durch die Rechnung gemacht. Dank des Falles der Berliner Mauer wurden die Kinder von Golzow zu Bürgern eines vereinten Deutschlands. Ein Teil von ihnen schaffte es, sich der neuen Lage anzupassen, andere verstanden sich als Wendeverlierer. Der Berliner Mauerfall brachte aber auch neue Freiheiten mit sich, die den Zyklus bereicherten. Ab jetzt durfte man sich ohne Selbstzensur zu den Lebensbedingungen in der DDR offen äußern und auch Filmaufnahmen verwenden, die bisher wegen ideologischer Abwägungen in den Filmen ausgelassen worden waren. Der Zyklus der Kinder von Golzow zeigt über deren Schicksale die Geschichte des Ostdeutschlands auf, die im Narrativ der gesamtdeutschen Geschichte ausgeklammert wird. Zuschauer, die bis Anfang der 80er Jahre geboren wurden, werden im Film einiges wiedererkennen.

Der bewertende Regisseur

Junge ist in seinen Filmen kein neutraler Beobachter. Auffällig und oft sogar störend wirkt seine Beurteilung der Lebenswege seiner Helden. In mehreren Filmen des Zyklus stellt Junge die Frage, wer daran schuld sei, dass das Leben bestimmten Helden gegenüber nicht fair gewesen ist. Wobei seine Betonung nicht auf der Unausweichlichkeit des Schicksals liegt, sondern er nennt konkrete Menschen – Eltern, Lehrer, die das Kind nicht genug unterstützt hätten, so dass die Noten nicht gut genug ausfielen und es für das Gymnasium letztlich nicht reichte, was wohl, laut dem Regisseur, der erstrebenswerteste Weg gewesen wäre. Dieser einschätzende Blick hat aber auch Folgen für den Film. Im Laufe der Zeit lassen einige der Helden die Filmleute nicht mehr in ihre Leben, informieren sie nicht mehr über die anstehende Hochzeiten oder Kindsgeburten. In den Interviews betonen die Helden der Langzeitdokumentation, dass sie sich nur so lange filmen lassen werden, wie sie sich als Gewinner des Lebens darstellen können. Eine Lehre, die die Macher von „Turpinājums“ sich merken sollten.

Von Fakten bis zur Interpretation

Der innige Wunsch des Menschen in allem eine Verkettung von Ursache und Folgen zu sehen, die dann eine Geschichte entstehen lässt, ist für Junge charakteristisch. Das kann man auch in Bezug auf Bernd, dem Helden der Serien „Eigentlich wollte ich Förster werden - Bernd aus Golzow“ und „Lebensläufe 1981/1982“ beobachten. Bernd wollte Förster werden, arbeitet aber stattdessen in einer Schweröl-Raffinerie. Schon durch diese Gegenüberstellung zwischen den Wünschen des Kindes und den Realitäten des Erwachsenenlebens wird ein Narrativ sichtbar, welches auch eine Interpretation der Filmemacher ist – die romantische Idee vom Förster im Oderbruch und das Grau einer industriell geprägten Kleinstadt der DDR.

„Turpinājums“ von Ivars Seleckis hat diese Zeitdimension noch nicht. Dieser Film ist bisher nur eine Zustandsbeschreibung – die Verhältnisse, aus denen die Kinder kommen, die Orte, wo sie aufwachsen und die Helden selber. Dies ist eine Einleitung, in der die Beschreibung und die Aufzählung dominieren, die aber noch keine Story darstellt. Wenn die Kinder zu Persönlichkeiten heranwachsen werden, wird auch in „Turpinājums“ eine Entwicklung der Ereignisse Einzug halten und so die Zustandsbeschreibung durch eine Story ersetzt.

Wann setzt man bei einer unendlichen Geschichte einen Punkt?

Die Filmhelden aus Golzow hingegen sind am anderen Ende der Erzählung angelangt. Die ehemaligen Kinder sind jetzt weit über sechzig und, auch, wenn ihre Leben weitergehen - die Stories sind zu Ende. Das betont auch Winfried Junge in einem Interview – das, was anhand des gedrehten Materials möglich war zu erzählen, ist nun ausgeschöpft. Sogar die Filmförderanstalten haben erleichtert aufgeatmet, als die hörten, dass das Projekt nun fertiggestellt ist. Und zu guter Letzt: Junge hatten den Eindruck, dass sich niemand mehr für die Kinder von Golzow interessierte.

Die nächste Folge für „Turpinājums“ wird in sieben Jahren gedreht. Ivars Seleckis, Jahrgang 1934, äußert in seinem neusten Film die Hoffnung, dass es in Zukunft keine Kriege mehr geben wird; dieser Wunsch erscheint auch immer wieder in den Filmen des Golzow-Zyklus. Das ist wohl der wichtigste Wunsch, den die Menschen des 20. Jahrhunderts den Kindern, die im Rhythmus des 21. Jahrhunderts aufwachsen werden, mit auf den Weg geben können.
 

Am Donnerstag, den 29. März 2018, wird im Deutschen Filmclub der Film „Eigentlich wollte ich Förster werden – Bernd aus Golzow“ gezeigt, der zu dem Zyklus „Kinder von Golzow“ gehört. Dieser ist als die längste Langzeitdokumentation in die Filmgeschichte eingegangen. „Die Kinder von Golzow“ diente auch Ivars Seleckis als Inspiration, deshalb findet vor dem Film ein Gespräch der Filmwissenschaftlerin Zane Balčus mit Ābrams Kleckins und Ivars Seleckis statt, in dem es um die Vergleichbarkeit der Geschichte und dem Leben von Menschen mit dem Kino geht.