46 Jahre Konzeptkunst Die Idee ist alles

Juergen Staack „Silent Talk“, Performance mit Taubstummen (2012), „more Konzeption Conception now“, Museum Morsbroich
Juergen Staack „Silent Talk“, Performance mit Taubstummen (2012), „more Konzeption Conception now“, Museum Morsbroich | Foto: Achim Kukulies

In einer gewagten Schau zeigte das Museum Morsbroich im Jahre 1969 die erste Ausgabe deutscher Konzeptkunst. 46 Jahre später spürte eine Neuauflage von Konzeptkunst in dem Leverkusener Museum den künstlerischen Strategien dieser Kunstrichtung nach.

Im Herbst 1969 präsentierte das barocke Jagdschloss Morsbroich einen Monat lang Objekte einer neuen Kunstströmung, die radikal mit der hergebrachten Kunstauffassung brach. Die Leverkusener Ausstellung Konzeption Conception war eine der weltweit ersten, die sich dieser Bewegung widmete und zugleich die erste museale Schau in Deutschland. Ausgewählt von dem Galeristen Konrad Fischer zeigte der damalige Museumsdirektor Rolf Wedewer Arbeiten von mehr als 40 Künstlerinnen und Künstlern, die anstelle abgeschlossener, sichtbarer Kunstwerke lediglich Skizzen, Entwürfe, Beschreibungen, Fotografien, Fotokopien, Notizen oder gar nur Briefe lieferten.

Diese vorwiegend papierene, schwer verdauliche Schau traf weitgehend auf Unverständnis und Widerstand. Die offene Form der Arbeiten verlangte vom Betrachter eigenes Weiterdenken. Inzwischen längst als Klassiker geltende Künstler waren damals dabei, federführend Sol LeWitt, daneben Robert Barry aber auch Gilbert & George und die Deutschen Bernd und Hilla Becher, Hanne Darboven, Sigmar Polke und Timm Ulrichs. Das Schloss wurde von den Künstlern berechnet, beschrieben, mit Zetteln beklebt und mit teils gesellschaftskritischen Aktionen herausgefordert.

Breites künstlerisches Spektrum

Konzeptkunst kümmert sich weniger um die bildliche Anschauung als vielmehr um das Vergegenwärtigen zeitrelevanter Probleme und philosophischer Überlegungen. Außerdem nehmen kunstimmanente Fragestellungen breiten Raum ein. Den Ausschlag gibt jeweils die Idee, die aber nicht zwingend realisiert werden muss. Damit ist auch die Bedeutung des Originals beiseitegeschoben und entmystifiziert.

Die Werke der europäischen Künstler sind weniger abstrakt und konsequent theoretisch als die der amerikanischen Wortführer. Sie führen ihren Ausbruch aus dem herkömmlichen Kunstgeschehen etwas anschaulicher vor. So gibt Ulrichs seinen bisweilen tautologischen Ansichten skulpturale Gestalt, Darboven breitet kulturgeschichtliche Themen in raumfüllenden, mit Gegenständen angereicherten Tagebuchaufzeichnungen aus und Polke schließlich steht an der Spitze einer kritisch experimentierenden Kunstrichtung. Allein die Auflistung der Namen und der dazugehörenden Werke zeigt, wie breit das künstlerische Spektrum ist. Denn das spiegelt sich auch in den Unterströmungen der Konzeptkunst wieder. Diese ist eng mit der Minimal Art verzahnt, aus der sie letztlich hervorgegangen ist, sowie mit zeitgleichen Strömungen wie Land Art, Anti-Form, Prozess- und Kontextkunst.

Postkonzeptionelle Generation

Im Jahr 2015 führte das Museum Schloss Morsbroich nun vor, dass sich die Konzeptkunst der 1960er-Jahre auf die nächste Generation folgenreich und inspirierend ausgewirkt hatte. Dabei sind die Beiträge der 20 ausgestellten Künstler keineswegs trocken, sondern strahlen vor allem Sinnlichkeit aus. Tiefgang und Leichtigkeit paaren sich zu aussagestarken Bildern. Auf die radikale Entmaterialisierung der ersten Generation antworten sie mit anschaulicher Vergegenwärtigung zeitgemäßer Fragestellungen.

Willem de Rooij, Bouquet VI (2010), „more Konzeption Conception now“, Museum Morsbroich Willem de Rooij, Bouquet VI (2010), „more Konzeption Conception now“, Museum Morsbroich | Foto: Achim Kukulies Auch wenn jede Kunst konzeptuell sein sollte, so hebt sich die Generation der postkonzeptionellen Künstler darin ab, dass in ihren Arbeiten der konzeptuelle Ansatz prägend ist. Dies zeigt sich den erweiterten medialen Möglichkeiten gemäß in unterschiedlichster Gestalt, etwa in publikumsnahen Performances (Studio for Propositional Cinema) oder demonstrativen Videos (Christian Falsnaes). Das Konzeptuelle wird auch im Verweischarakter einer Arbeit deutlich. Immer noch spielen das Abwesende, die Negation und Leere eine Rolle; doch die neue Generation benennt dies nicht nur, sondern macht es erlebbar. So fragt Sven Johne in einer sozialkritischen Fotoserie nach dem Authentischen von verwaisten Plätzen in Ostdeutschland, auf denen ein Zirkus seine Zelte abgebaut hatte.

Die Mehrzahl der Künstler nimmt heute auf lokale, soziale, politische, sogar ethnische Probleme Bezug. Die Sprache wird weniger theoretisierend, als vielmehr erläuternd oder auch poetisch eingesetzt: Wie Partituren lassen sich die feinen farbigen Zeichnungen von Jorinde Voigt nach Texten des Soziologen und Gesellschaftstheoretikers Niklas Luhmann lesen. Juergen Staack erhebt in Silent Talk (2012) Sprache geradezu existentiell zum Thema, wenn er in einer Performance zwischen Gehörlosen und Besuchern zeitversetzt irritierend vermittelt.

Die Idee einer Raumvermessung, einst von Mel Bochner vorgemacht, führt Ceal Floyer in Title Variable mit einem über Wände gespannten elastischen Band ad absurdum. Hier zeigt sich zudem ein wesentlicher Aspekt der postkonzeptuellen Kunst: der humorvolle Umgang mit Ideen und Materialien und die Selbstironie und Skepsis allen Lehrsätzen gegenüber. Daher rührt auch die Widersprüchlichkeit der Inhalte und die Schwierigkeit, Werke eindeutig zu interpretieren. Wenn dies nicht ein Indiz für die Langlebigkeit der Konzeptkunst ist.
 

Zur Ausstellung erschien ein zweiteiliger Katalog more Konzeption Conception now (2015), herausgegeben von Stefanie Kreuzer. Beim ersten Band handelt es sich um ein Faksimilereprint des vergriffenen Katalogs Konzeption Conception von 1969. Der zweite Band dokumentiert nicht nur die Ausstellung von 2015 sondern publiziert auch unveröffentlichte Dokumente der Ausstellung von 1969. Beide Kataloge sind gleichzeitig „Künstlerbücher“, da die Künstler und Künstlerinnen ihre Seiten selbst gestalteten konnten.