Geschichte und Medizin Goethe im Lichte von Krankheit und Tod

Apothekengefäß für Laudanum (Deutschland, 18. Jahrhundert)
Apothekengefäß für Laudanum (Deutschland, 18. Jahrhundert) | Foto: Radek Chalupa, Karel Nesměrák

Opium, Aderlass und Blutegel werden Sie heute eher nicht von Ihrem Arzt verlangen. Für Goethe hingegen waren diese Dinge vollkommen normal. Häufige Krankheiten führten ihn wiederholt an den Rand des Todes und beeinflussten grundlegend sein Leben und Werk.

Die Rache für den Kritiker

„Er wird sich gleich in eine Pfütze setzen, / Das ist die Art, wie er sich soulagiert, / Und wenn Blutegel sich an seinem Steiß ergetzen, / Ist er von Geistern und von Geist kuriert." Diese Verse, mit denen Goethe im Faust den Literaturkritiker Christoph Friedrich Nicolai mit Spott überzieht, stellen einen von vielen Verweisen auf das Thema Krankheit im Werk des Dichters dar. Nicolai stilisierte sich stets als Widersacher des Aberglaubens und parodierte zu seiner Zeit sogar den Werther. In einer seiner Vorlesungen aber gab Nicolai zu, dass ihm bei Humboldts auf Schloss Tegel über mehrere Tage Geister erschienen waren. Die Wahnbilder ließen erst dann nach, als ihm ein Arzt Blutegel im Bereich des Mastdarms anlegte. Nicolais kritischen Blick bedenkt Goethe auch mit der Benennung einer seiner Romanfiguren. Durch die Verbindung der altgriechischen Bezeichnungen für den Mastdarm (proktos) und Angstzustände durch Visionen oder Geister (fantazo) erschafft er Nicolais Alter Ego: den Proktophantasmist.
 
Der Proktophantasmist bleibt aber nicht die einzige Verbindung zwischen Faust und der Welt der Krankheit. Goethe beschreibt mit der Sprache der Poesie, aber pharmakologisch korrekt die beruhigende Wirkung der damals üblichen Opiumtinkturen: „Ich sehe dich, es wird der Schmerz gelindert, / Ich fasse dich, das Streben wird gemindert, / des Geistes Flutstrom ebbet nach und nach." Und in der Szene Vor dem Tor modelliert er die Ärztefiguren Fausts Sohn und Fausts Vater nach dem Begründer der Makrobiotik Christoph Wilhelm Hufeland (1762–1836) und dessen Vater Johann Friedrich. Beide waren Goethes behandelnde Ärzte und gewährten dem Dichter fachmännischen Rat beim Schreiben seines Hauptwerkes.
 
  • Medizinische Blutegel (Hirudo medicinalis) Foto: Karl Ragnar Gjertsen, (CC BY 2.5)
    Medizinische Blutegel (Hirudo medicinalis)
  • Dose für Butegel. England, 1830-1870. Foto: Wellcome Collection gallery, CC-BY-4.0
    Dose für Butegel. England, 1830-1870.

Krankheiten im Schatten des Todes

Goethe wird vor allem als genialer Dichter und Schriftsteller wahrgenommen. Dabei wird aber oft vergessen, dass er auch ein von häufiger Krankheit geformter Mensch war und damit wiederholte Nahtoderfahrungen hatte. Es genügt, sich die Tuberkuloseerkrankung während seines Studiums in Leipzig in Erinnerung zu rufen, durch die er, seiner Autobiografie Aus meinem Leben. Dichtung Wahrheit zufolge, vollkommen abgewrackt nach Hause zurückkehren musste; die Leiden hervorgerufen durch eine Vergiftung mit Bleidämpfen während der anschließenden Behandlung in Frankfurt; die Erkrankung an einer schmerzhaften, die Augen und das Gehirn bedrohenden Kopfrose; Nierenkoliken und Gichtanfälle oder der Bluthusten, der 1830 den 81-jährigen Goethe ereilte und als Vorbote seines Endes wahrgenommen wurde.
 
Die Bemühungen, seinen schlechten Gesundheitszustand zu verbessern, führten ihn wiederholt in die böhmischen Bäder, wo er insgesamt dreieinhalb Jahre verbrachte. Aus Karlsbad schrieb er 1806 beispielsweise seiner künftigen Frau Christiane: „Seitdem ich den Sprudel trinke, habe ich keine Tropfen eingenommen und die Verdauung fängt schon an recht gut ihren Gang zu gehen". In einem Brief vom 9. Juli 1820 an den Arzt Heidler wiederum verneigt er sich vor der Marienbader Kreuzquelle: „Der Ruf des Wassers hat sich auch schon bis zu uns verbreitet, es ist in unserer Gegend zu haben, ich bediene mich desselben zur Nachcur und habe mehrere Freunde dazu aufgemuntert.“

„Uns lehrt eigener Schmerz der Andern Schmerzen zu theilen“

Der Dichter aber durchlitt nicht nur passiv seine Krankheiten, sondern dachte nach über das Leiden, dem er ausgesetzt war. Dies mündete in einem eigenwilligen Blick auf den Zustand von Krankheit. Nachdem er seine akute Tuberkuloseinfektion 1768 in einem Brief an seine Leipziger Liebe Kätchen Schönkopf mit den Worten „Ich habe viel in der Kranckheit gelernt, das ich nirgends in meinem Leben hätte lernen können“ glossiert, notiert er siebzehn Jahre später im Gedenkbuch an Fritz vom Stein: „Leiden giebt dem Gemüth doppeltes Streben und Kraft. Uns lehrt eigener Schmerz der Andern Schmerzen zu theilen.“ Und seiner Ehegattin Christiane schreibt er am 16. Juni 1813 aus Teplitz: „diese Kranckheiten, wenn sie glücklich vorüber gehen bringen eher Nutzen als Schaden.“ Dies entspricht Goethes Blick auf Krankheit: Krank sein bedeutet gesund sein zu können, gesund sein zu wollen. Im Übrigen führt er bereits in seinem Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre, erschienen zur Jahreswende 1795–1796, den Gedanken an, dass „die Natur, die ihren Liebling nicht wollte zugrunde gehen lassen, ihn mit Krankheit anfiel, um ihm von der andern Seite Luft zu machen.“
 
Ähnlich intensiv wie die Frage von Krankheit nimmt Goethe auch das Thema Tod wahr. Die Frage des Umgangs mit dem Tod Nahestehender gehörte zu den wichtigsten im Leben Goethes. Ob nun durch den Tod seiner Schwester Cornelia („Mit meiner Schwester ist mir so eine starcke Wurzel die mich an der Erde hielt abgehauen worden“, schreibt er 1777 in einem Brief an seine Mutter), seiner Kinder (von fünf erreichte nur Sohn August das Erwachsenenalter) oder enger Freunde, zum Beispiel von Herzog Carl August. In einem Brief an Schiller vom November 1795 überlegt Goethe, welcher Weg der bessere wäre:„ob man besser thut sich dem Schmerz natürlich zu überlassen“ oder „sich durch die Beyhülfen die uns die Cultur anbietet zusammen zu nehmen“. Er kommt aber zu dem Schluss, dass er, sollte er sich für die zweite Möglichkeit entscheiden, Besserung nur für einen kurzen Augenblick erwarten könne, weil „die Natur durch andere Krisen immer wieder ihr Recht behauptet“.
Goethe während seiner Tuberkuloseinfektion in Leipzig (Radierung nach Kaspar Kögler) Goethe während seiner Tuberkuloseinfektion in Leipzig (Radierung nach Kaspar Kögler) | Bild: Radek Chalupa, Karel Nesměrák

Die Lanzette und Hinterhalte der Liebe

Die Gedichtsammlung Römische Elegien stellt nicht nur den markantesten literarischen Verweis auf Goethes Aufenthalt in Italien dar, sondern auch eine der überhaupt ersten Schilderungen von Syphilis in der schöngeistigen Literatur: „Gar verdrießlich ist mir einsam das Lager zu Nacht. / Aber ganz abscheulich ist's, auf dem Wege der Liebe Schlangen zu fürchten…"
 
Im bereits erwähnten Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre beweist sich Goethe als begabter Beobachter körperlicher Erscheinungen, wiederholt auch von Ärzten geschätzt. Den Vater der Heldin Therese „ganz unvermutet von einem Schlagflusse befallen wurde… der ihm die rechte Seite lähmte und den reinen Gebrauch der Sprache benahm. Man mußte alles erraten, was er verlangte, denn er brachte nie das Wort hervor, das er im Sinne hatte.“ Goethe inspirierte sich hier an der Erkrankung seines Großvaters Johann Wolfgang Textor. Deshalb erscheint Thereses Schilderung so überzeugend, wenn die Worte aus den Erfahrungen des Dichters erzählen: „Soviel schien mir gewiß, daß er mir etwas zu vertrauen hatte… Sonst konnt ich ihm alles an den Augen ansehen; aber jetzt war es vergebens. Selbst seine Augen sprachen nicht mehr.“ Während Thereses Vater schließlich stirbt, lässt Goethe in seinem Anschlussroman Wilhelm Meisters Wanderjahre oder die Entsagenden den Protagonisten das Leben seines Sohnes durch Aderlass retten: Wilhelm griff sogleich nach der Lanzette, die Ader des Arms zu öffnen; das Blut sprang reichlich hervor, und mit der schlängelnd anspielenden Welle vermischt, folgte es gekreiseltem Strome nach.

Gerade in der Arbeit eines Wundheilers, also eines praktischen Chirurgen, findet der Romanheld nämlich den Sinn des Lebens. Durch sie wird der Sohn einer reichen Kaufmannsfamilie, der eigentlich davon geträumt hatte Schauspieler zu werden, schließlich in seinen eigenen Augen zu einem nützlichen Mitglied der Gesellschaft.
Wilhelm Meister bettet den Sohn zum Schlaf (Radierung nach Erdmann Wagner) Wilhelm Meister bettet den Sohn zum Schlaf (Radierung nach Erdmann Wagner) | Bild: Radek Chalupa, Karel Nesměrák