Berlinale-Blogger 2017 Aus der Galerie auf die Leinwand

Rudzienko
© Sharon Lockhart, 2016. Courtesy the artist, neugerriemschneider, Berlin and Gladstone Gallery, New York and Brussels

Das Forum Expanded, eine Sektion mit experimentellen Werken, die üblicherweise in Galerien und Museen gezeigt werden, bietet eine außergewöhnliche Gelegenheit, Filme außerhalb ihres normalen Aufführungskontextes zu betrachten.

Experimentelle „Galeriefilme“ kümmern sich nicht um Dinge, wie Handlung, Protagonisten und Spannungsaufbau. Sie funktionieren in einem völlig anderen semantischen Raum. Manche Einstellungen dauern über zehn oder zwanzig Minuten, viele Filme laufen als Endlosschleife. Sie sind nicht immer ganz einfach zu verstehen, doch zwischen Autoren und Rezipienten besteht eine stillschweigende Vereinbarung: Man darf einen experimentellen Film jederzeit verlassen und später zu ihm zurückkehren. Galerien bieten besondere Aufführungsbedingungen. Die Zuschauer sind mit Kopfhörern voneinander getrennt, und da nur eine gewisse Anzahl von Kopfhörern zur Verfügung steht, bildet sich für gewöhnlich eine Schlange. Darüber hinaus haben die Besucher nicht unbegrenzt Zeit, sodass Filme, die eine Stunde oder länger dauern, zwangsläufig nur ausschnittsweise angesehen werden. Im Kino ist die Situation genau entgegengesetzt. Der Zuschauer erscheint zu einer verabredeten Zeit, der Saal wird abgedunkelt, statt Kopfhörern gibt es Lautsprecher (wodurch zwischen den Zuschauern sowohl eine visuelle als auch eine auditive Gemeinschaft entsteht), und eine stillschweigende Vereinbarung zwischen Autoren und Rezipienten besagt, dass man sich den Film bis zum Ende ansieht. Wenn ein experimenteller Film in einem Kino gezeigt wird, verändert sich nicht nur seine Rezeptionsform, sondern es entsteht de facto ein neues Werk.

Sharon Lockharts Film Rudzienko ist hierfür ein gutes Beispiel. Er entstand über mehrere Jahre hinweg in Zusammenarbeit mit den Bewohnerinnen einer Jugendeinrichtung für Sozialtherapie. Im Rahmen von Workshops versuchte Lockhart, den jungen Frauen „eine Stimme zu geben“, sie darin zu bestärken, sich auszudrücken. Dazu kam die polnische Sprache, die Sharon Lockhart wie eine klangvolle Melodie erschien, weswegen sie auf traditionelle Untertitel verzichtete. Stattdessen werden die Dialoge von längeren Sequenzen mit schriftlichen Übersetzungen ins Englische durchbrochen. Wir tauchen ein in die Welt der Natur und lauschen den Gesprächen zwischen den jungen Frauen, die ein wenig wie surrealistische Poesie klingen. Der Film hat eine geradezu meditative Wirkung, die für den Abschluss der Berlinale wie gemacht ist.