Dagmar Gausmann empfiehlt Stadtbär

Stadtbär © Moritz Verlag, Frankfurt a. M., 2019 Eine gängige These der Forschung zur Leseförderung sagt, dass das Lesenlernen mit Bildern leichter geht. Und je besser das Kind lesen kann, desto weniger Bilder bräuchte es, um sinnentnehmend zu lesen. Daher werden dann auch die Bilder in den Büchern für Kinder immer weniger, je höher die Anforderungen an die Lesekompetenz formuliert werden. Warum nur diese Verkürzung der Bedeutung, die Bilder im Buch haben können? Bilder sind doch viel mehr als eine Leselernhilfe. In unserer auf Bilderbotschaften basierenden Kommunikation sollte das Bilderlesen gleichermaßen und zwar lebenslang gelernt werden. Für diese Rezension habe ich deshalb ein sogenanntes Erstlesebuch gewählt. Viele Bücher dieser Kategorie bestechen durch besondere Einfallslosigkeit und unterfordernde Simplizität in Text und Bild. Nicht jedoch Katja Gehrmanns neues Bilderbuch Stadtbär.

Erzählt wird eine witzige, pointiert bis zum Schluss entwickelte Geschichte von den Tieren des Waldes, die in die große Stadt auswandern. Dort leben sie angepasst, unsichtbar und bequem, indem sie sich in den steinernen Nischen der Stadt einrichten und vom Abfall der Menschen profitieren. Fuchs, Marder, Dachs und die anderen Kleintiere des Waldes möchten ihr neues Leben in der Stadt nicht mehr missen. Der große Bär, bis zuletzt im Wald zurückgeblieben, will nun auch dorthin. Das missfällt den anderen Tieren, denn sie fürchten, der ungeschickte Bär könne die Menschen so sehr stören, dass auch sie selber ihren neuen Lebensraum wieder verlieren könnten. Sie wollen deshalb versuchen, den Bären in den Zoo zu verfrachten. Dieser Plan misslingt auf sehr amüsante Weise.

Im Laufe der 93 Seiten langen Geschichte, auf denen das Bild dominiert und der schön formulierte Text fein in das Bild integriert ist, sind es gerade die angepassten Tiere, die auffällig werden in ihrem Bemühen, die drohenden Katastrophen, die der etwas dumme Bär anzurichten droht, abzuwenden. Eine tierische Attacke auf die städtische Infrastruktur nach der anderen passiert und findet sich dann als Sensationsstory auf den Titelseiten der örtlichen Presse wieder. Ja, obwohl die Stadt in diesem Buch oft eher wie ein grünes Dorf am Fluss anmutet, kommen moderne Elemente der Stadt, die Polizei, die Presse und jede Menge Handys zum Einsatz. Immer, wenn die Tiere meinen, den Bären überlisten zu können, begeben sie sich selbst in Gefahr. Schließlich ist es der Bär, der alle Tiere spektakulär, aber selber ahnungslos über den Hintergrund aller Aufregungen, vor der Polizei rettet. Am guten Schluss gehen sie gemeinsam wieder zurück in den Wald: Bär, Marder, Dachs, nun in echter Solidarität vereint. Schöne Geschichte!

Wunderbar in Szene gesetzt durch Katja Gehrmanns Illustrationskunst, die nicht trennt zwischen Bild und Textfeld: Doppelseiten von grandioser, expressiv leuchtender Farbigkeit und Figuren und Szenerien, die den Tieren individuellen Ausdruck verleiht, den wilden Wald und die große Stadt in Szene setzt in grünstem Walddickicht, mit starkfarbigem Hafenwasser, buntem Zoo, Straßenmusikern, Kiosken und Cafés. Es ist eine große Freude, wie Gehrmann ihre Papiere zunächst mit intensiv leuchtenden Farben grundiert, dann auf durchsichtigen Folien die figürliche Szenerie anlegt, Malgrund und Folie dann zur Deckung bringt und damit auf einzigartige Weise Malerei und Zeichnung in ihren Bildern vereint. Die leuchtende Farbenpracht könnte Katja Gehrmann aus Mexiko und Spanien mitgebracht haben, wo sie studienhalber lebte, bevor sie in Hamburg ihr Studium der Illustrationskunst an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften mit dem dortigen Schwerpunkt Kinderbuchillustration abschloss. Die vielfach ausgezeichnete Künstlerin hat schon viele, herrlich leuchtende Bilderbücher geschaffen, die es vorstellbar machen, dass der Sonnenaufgang in Wald und Stadt zuweilen rosa und orange leuchtet und sich in dieser Farbigkeit auch auf dem Waldboden wie im Stadthimmel und den Hausfassaden einer Stadt wiederfindet.

Stadtbär erzählt in Bild und Text eine kleine Parabel über Anpassung, Anderssein und über mögliche Beweggründe, solidarisch zu sein. Kindlich leicht, anspruchsvoll, detailreich, in Text und Bild stimmig aufeinander bezogen, wie es selten ist. Nicht nur in einem Erstlesebuch für junge Lese- und Bilderlernende ab ungefähr sieben Jahren. Schade, dass viele Erwachsene dieses Bilderbuch wohl meistens nicht genauer anschauen werden, weil das Kind ja nun schon selber lesen kann.
Moritz Verlag

Katja Gehrmann
Stadtbär
Moritz Verlag, Frankfurt a. M., 2019
ISBN 978-3-895-65376-6
96 Seiten

Rezensionen in deutschen Medien:
Der Spiegel
Kapitelreise