Weiss János empfiehlt Autonomie und Befreiung

Autonomie und Befreiung. Studien zu Hegel © Christoph Menke Dieses Buch ist der fünfte Band der von James Conant und Andrea Kern herausgegebenen Reihe „Analytischer Deutscher Idealismus“. Man könnte also meinen, die im Buch befindlichen Studien reflektierten auf die Ende des vorigen Jahrhunderts innerhalb der analytischen Philosophie entstandene Hegel-Renaissance. Dem ist aber nicht so: Das Buch enthält kaum Hinweise auf diese Autoren (aus diesem Kreis lediglich auf Terry Pinkard und Robert B. Pippin). Thematisch betrachtet unternimmt das Buch den Versuch, den Hegel’schen Begriff der Befreiung mit umsichtiger Gründlichkeit zu rekonstruieren. Im dritten Teil der Enzyklopädie schreibt Hegel unter § 382: „Die wirkliche Freiheit ist also nicht etwas unmittelbar im Geiste Seiendes, sondern etwas durch seine Tätigkeit Hervorzubringendes.“ Die Theorie der Befreiung ist somit eigentlich die Theorie der Freiheit. Die grundlegende These von Christoph Menkes Buch besagt, dass die Theorie der Freiheit nur als die Konzeption der Befreiung ausgearbeitet werden kann. „Weil das Sein der Freiheit im Prozess ihres Werdens besteht, im Werden durch sich selbst, im Prozess des Sich-Hervorbringens, der seinen Anfang in der Unfreiheit nimmt und sich dieser entgegengesetzt entfaltet.“ Bei der Darlegung dieser Konzeption wendet Menke die Hegel’sche dialektische Methode souverän und oft bravourös an, wobei er immer wieder neue Begriffe mit in die Analyse einbezieht: so auch den der „Zweiten Natur“ und den der „Bildung“.

Den theoretischen Hintergrund des Buches bildet mit Sicherheit die Tradition der Frankfurter Schule (auch Menke selbst ist seit 2009 Professor an der Universität Frankfurt). Bereits der Untertitel weist auf Adorno hin, der einem in der ersten Hälfte der Sechzigerjahre erschienenen kleinen Buch den Titel Drei Studien zu Hegel gab. An einer entscheidenden Stelle zitiert Menkes Buch dann eine These über die enge Zusammengehörigkeit von Freiheit und Unfreiheit, die aus einer 1965 von Adorno gehaltenen Universitätsvorlesung stammt. Anknüpfend am Mitte der Sechzigerjahre von Adorno vertretenen Programm scheint Menke bestrebt zu sein, die Bedeutung der philosophischen Termini herauszuarbeiten; unter diesen Termini misst er der Freiheit (und der Befreiung) eine primäre Bedeutung zu. Die Befreiung verändert die Gesellschaft; da sie sich aber in der Sphäre der ständigen Wiederholung bewegt, kann das „Reich der Freiheit“ nicht errichtet werden. Und aus diesem Grund hätte man nicht zum Programm der Schaffung selbstständiger gesellschaftstheoretischer (soziologisierender) Konzeptionen übergehen dürfen, wie es Jürgen Habermas und Axel Honneth getan hatten. Zugleich polemisiert Menkes Konzeption latent gegen einen Vortrag von Honneth („Drei, nicht zwei Begriffe der Freiheit“), den Honneth im Juni 2015 auch im Budapester Goethe-Institut gehalten hat. Darin schlug Honneth die Einführung des Begriffs „kommunikative Freiheit“ vor. Das aber stellt nach Menkes Ansicht eine Sackgasse dar.

Deutsche Übersetzung: Lutz Heis
Suhrkamp Verlag

Christoph Menke
Autonomie und Befreiung. Studien zu Hegel
Suhrkamp Verlag, Berlin, 2018
ISNB 978-3-518-29866-4
215 Seiten
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Anmerkung des Übersetzers: Das Hegel-Zitat wurde folgendem Link entnommen:
www.archiv-swv.de

Das Menke-Zitat wurde sinngemäß aus dem Ungarischen ins Deutsche übersetzt.