Deniss Hanovs empfiehlt Moses und Homer

Moses und Homer © De Gruyter Verlag Schrecklich schön! Das kam mir in den Sinn, als ich Bernd Wittes neue Monografie über die Wechselwirkung der altgriechischen und jüdischen Kulturen in der deutschen Philosophie der Aufklärung im 18. und 19. Jahrhundert las. Der Autor beleuchtet die Rolle des Kunstdiskurses in der späteren rassistischen und nationalsozialistischen Ideologie, als die Bewunderung für altgriechische Kunst dabei half, jüdische Leben im Horror des Holocaust auszulöschen.
 
Zu Beginn der Untersuchung wird die – intellektuelle und körperliche – Freiheit des deutschen Intellektuellen, Homosexuellen und Kenners altgriechischer Literatur Johann Joachim Winckelmann beschrieben. Für ihn ist eine altgriechische Skulptur die Verkörperung absoluter Schönheit. Zu einer Zeit, als die Kultur der europäischen Juden in den deutschen intellektuellen Raum vorstößt, hofft Winckelmann mit der Formulierung einer Verbindung zwischen den Kulturen durch die Bilder von Moses und Homer, dass diese den Europäer des 18. Jahrhunderts von seiner ideologischen Begrenztheit befreit und die Verbindung mit dem Zeitalter der edlen Helden aus Homers Epen stärkt.
 
Mit Schillers Schriften über die Ästhetik und Goethes Lobeshymnen auf Homer zog eine neue politische Idee in die deutsche literarische Tradition ein – der Nationalismus als Begründung von Kulturvorherrschaft und Hierarchien. In der neuen Vorstellungsstruktur – dem Begriff des deutschen Volkes – wurde eine alte antijudaische Tradition wiedergeboren, die sich in den klassischen Weimarer Texten, Fichtes und Wagners Abhandlungen, mit einer neuen Interpretation verband. Das altgriechische Körperideal der Glorifizierung Spartas wurde zur Erklärung dafür, warum die deutschen Juden weder schön noch in der Lage waren, einen Nationalstaat zu bilden, und somit – sic! – als bemitleidenswert, verdächtig und prinzipiell fremd zu bezeichnen waren. Auch der soziale Darwinismus des 19. Jahrhunderts eilte zur Hilfe, und so wuchs die Hierarchie zu einer Massenvernichtung aus. Schönheit wurde in der Verachtung und späteren Vernichtung des Andersartigen gefunden. Töten, um schön zu sein. In den Vorstellungen der Verehrer des antiken Griechenland wurde das deutsche Volk zum auserwählten, zum Erbe der alten Griechen.
 
Bernd Witte präsentiert in seinem Buch eine neue Version der Frage, die uns bis heute beschäftigt – wie man im neoklassizistischen Gedankenraum, im aufgeklärten Deutschland des 18. Jh., Hass- und Todeselemente verstecken konnte, die das nationalsozialistische Regime zu diesem grotesken, aber für viele anzüglichen Todesmechanismus zusammenschraubte.
De Gruyter Verlag

Bernd Witte
Moses und Homer. Griechen, Juden, Deutsche: Eine andere Geschichte der deutschen Kultur
De Gruyter, Berlin, 2018
ISBN 978-3-11-056217-0
384 Seiten