Uwe Timm: Ikarien

Ausschnitt aus „Ikarien“ von Uwe Timm

© 2017, Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KG, Köln/Germany
Abdruck des Ausschnitts dank freundlicher Genehmigung des Verlages Kiepenheuer & Witsch
 

Er lebt.
Ich bin Zeuge.
Er hat überlebt.
 
Er lief durch die Straße und lachte und rief etwas und tanzte, ein wenig tapsig, aber es war ein Tanz, und er klatschte in die Hände. Niemand hatte ihn je zuvor gesehen. Wie vom Himmel gefallen. Gedrungen war er und lallte, ging die Straße hinunter, vorbei an den Trümmern des Eckhauses, entlang der tarngrauen Fassade, aus der weiße Betttücher hingen, vorbei an dem Milchladen, am Schuhgeschäft, am Fischladen Grün, ihm entgegen kam Adolf Andersen, an diesem Frühlingstag nicht in brauner Uniform und glänzenden Schaftstiefeln, sondern in unauffälligem Grün, grün, grün, grün sind alle meine Kleider, auch hob er nicht, wie gestern noch, den Arm, rief nicht Heil, nein, er zog den Hut, grüßte übertrieben freundlich nach rechts und links, stutzte, blieb stehen, als dieser tapsende Junge ihm grinsend entgegenkam und seine kurzfingrige Hand ausstreckte, die Andersen nahm, überrascht und verlegen, und schon tappte der Junge weiter, stieß eigentümlich gurgelnde Rufe aus, Schreie, kein Schmerz, wohl eher Lust, vielleicht beides, Schmerzlustschreie - aus dem Mund, der zu klein schien für die Zunge, quollen Worte: Wolken meinte wohl eins, ein anderes Baum und eins Himmel. Oder Himmler?
Nein, Himmel.
Der Junge klatschte wieder in die Hände, tatsächlich, er tanzte, ein ungelenker Tanz, deutlich zu sehen, wie er einen langsamen Rhythmus mit den Händen klatschte, wie er zum Baum ging, dem einzigen hier stehen gebliebenen, der Bomben, Brand und die Sägen im Winter überstanden hatte, eine Kastanie mit Blättern wie kleine grüne Tatzen. Der Junge drängte sich an den Stamm, befühlte die Rinde, und seinem Mund entströmte ein Gurgeln. Er lief über die Straße, schlug mit den Armen, als wolle er fliegen, stieß heisere Schreie aus und folgte den Krähen, ahmte ihren Ruf nach.
 
Drei, vier Monate später, inzwischen wieder eingeübt in das, was normal sein sollte, begannen die Kinder, ihn zu ärgern. Sie verstanden ihn nicht. Er drohte mit der Faust. Aber selbst wenn es ihm gelang, eines von ihnen zu ergreifen, schlug er es nicht, sondern sagte nur:
Schlaf brav! Und sagte: Schön leise!
Warum schlafen?
So spricht das Kind: Ich war der Jüngste und habe am längsten zu ihm gehalten. Wie wundersam, wenn er die Wolken mit einem Besenwegschieben wollte. Als auch ich ihn zu hänseln begann, fragte die Mutter, warum tust du das?
Weil er komisch ist.
Nein, er ist nicht komisch, nicht böse. Kinder können böse sein. Er nicht. Er tut niemandem etwas. Er wird immer ein wenig Kind bleiben.
So ungefähr war das Gespräch. Und mit ihm verbunden das Gefühl der Scham, jemanden verraten zu haben, um anderen zu gefallen.
 
Zwölf Jahre hatten die Eltern ihn in der Wohnung versteckt gehalten.
Ein Mietshaus, acht Parteien, vierter Stock, eine Endwohnung. Dort lebten zwei Erwachsene und ein Kind. Das Kind wurde in der Wohnung gehalten. Es galt aufzuteilen, was für zwei Erwachsene auf der Lebensmittelkarte vorgesehen war: Butter, Brot, Käse, Gemüse und Kartoffeln. Kaum, dass es für zwei reichte, wie denn für drei. Und der Junge aß viel, hatte Hunger, ständig Hunger, so die Mutter, wie ein Scheunendrescher, so der Vater, der hin und wieder von der Arbeit etwas mitbrachte, Karotten, etwas Kohl, ein Stück Seife und sehr selten Honig. Ein Kollege des Vaters in der Behörde für Wasserwirtschaft hielt in seinem Garten zwei Bienenstöcke. Er wusste von dem Jungen und seinem Versteck. Bienenhonig war ein Fest.
Wussten die Mieter im Haus etwas? Vielleicht der eine oder andere, vielleicht die darunter Wohnenden, weil sie, auch wenn die oben auf Socken gingen, doch hören mussten, dass sich da nicht nur zwei Menschen bewegten. Sie haben nichts verraten. Er war etwas anders.
Man hätte ihn getötet.
Sie haben geschwiegen.
Hätten sie geschwiegen, wenn es eine jüdische Familie gewesen wäre?
Der Schrecken, das Unaussprechliche.
 
Es muss zur Sprache kommen.