Alte Musik 2017 Mit (Alter) Musik durchs Jahr …

Telemann c. 1745, Kupferstich von Georg Lichtensteger
Telemann c. 1745, Kupferstich von Georg Lichtensteger | Foto (Ausschnitt): © Georg Lichtensteger

Die beiden großen Jubiläen von Luther und Telemann beherrschten das Jahr 2017. Anton Steck, Professor für Barockvioline, mit einem Rückblick auf die Alte Musik und aktuelle Fragen der historischen Aufführungspraxis.

Speziell in der sogenannten „Alten Musik“ wird häufig ein Jubiläumsjahr genutzt, um einen Komponisten oder ein Ereignis näher und intensiver zu beleuchten. Dabei wurde schon so mancher Komponist wiederentdeckt oder rückte plötzlich in den Fokus der Hörer. So geschehen im Jahr 1988, als der 200.Todestag des Bach-Sohnes Carl Philipp Emanuel gefeiert wurde und seine grandiosen Werke erst dann die entsprechende Wertschätzung in unserer Zeit erfuhren und seither in die Konzertsäle eingezogen sind.
 
Die Ausrichtung nach Jubiläen kann allerdings auch etwas einseitig sein und nicht zwangsläufig zu einem Kassenschlager werden. Nicht so in 2017 – da gab es gleich zwei Schwergewichte und beide hatten in unterschiedlichen Epochen einen maßgeblichen Einfluss auf die Musik und auf Europa: Martin Luther und Georg Philipp Telemann. Zunächst steht Luther ja für das Wort, für die deutsche Sprache. Ohne ihn wäre die Entwicklung sehr viel langsamer gegangen – der Buchdruck tat sein Übriges und so verbreitete sich die neue deutsche Sprache sehr schnell im ganzen Land. Etliche Redewendungen und sehr viele noch heute gebräuchliche Wörter (wie zum Beispiel Morgenland oder Herzenslust) entsprangen seiner Feder und die Wissenschaft ist sich einig, dass es ohne Luther keinen Bach gegeben hätte. Das berühmteste Beispiel ist die Kantate Ein feste Burg ist unser Gott (Bach-Werke-Verzeichnis 80). Und so entstanden knapp 200 Jahre nach dem Reformationsjahr weitere zwölf Kantaten von Bach. Diese insgesamt 13 als Luther-Kantaten bekannten Werke spielte der Kölner Alte-Musik-Spezialist Christoph Spering mit seinem Ensemble Das Neue Orchester bei der Deutschen Harmonia Mundi ein und erhielt dafür den Echo-Klassik Preis 2017.
 
Wie vielfältig und auch opulent das Angebot in ganz Deutschland war, lässt sich erahnen, wenn man den Begriff „Luther 2017“ in eine Suchmaschine eingibt. Auch wurden interessante Verbindungen in die Kunstszene gelegt, so zum Beispiel zu Lucas Cranach dem Älteren, der ein Freund Luthers war, ihn mehrfach porträtierte und sich zu dem charakteristischen Maler der deutschen Reformation entwickelte. Damit schließt sich ein wichtiger Kreis zwischen Kunst, Musik und Sprache. Von Luthers Texten und seiner Sprachgewandtheit war auch Georg Philipp Telemann angetan, dessen Todestag sich 2017 zum 250. Mal jährte. Beide galten als Europäer, denn beide waren über alle Landesgrenzen hinaus berühmt. Der eine setzte mit seinen Aussagen und der Kritik an den Praktiken der Religionsausübung eine europaweite Auseinandersetzung in Gang, der andere startete den erfolgreichen Versuch, die musikalisch verhärteten Fronten zwischen dem italienischen und französischen Musikgeschmack zu vereinen. Mit „les goûts réunis“ schuf Telemann eine neue, internationale Musiksprache, den „vermischten Geschmack“, der noch über drei Jahrzehnte in Europa vorherrschte, bis die Aufklärung die nächste Veränderung des Musikgeschmacks brachte.
 
Um also diesen musikalischen Großmeister zu würdigen, hatten sich zehn nationale und internationale Wohn- und Wirkungsstätten Telemanns zusammengetan: Die Städte Magdeburg, Claustahl-Zellerfeld, Hildesheim, Leipzig, Zary (ehemals Sorau) und Pszczyna (ehemals Pleß) in Polen, Eisenach, Frankfurt am Main und Hamburg sowie Paris haben zusammen ein Telemann-Netzwerk gebildet, um ihre zentralen Events miteinander abzustimmen und in einer gemeinsamen Außendarstellung die Veranstaltungen im Internet und in Form eines Programmbuches herbeizuführen. Jede der genannten Städte hatte dafür größere oder kleinere Festivals veranstaltet und so konnte man zum Beispiel in Hildesheim Telemanns Version des Orpheus hören. Die Inszenierung war dabei historisch, also ausschließlich mit Kerzenlicht, was inzwischen zum Markenzeichen der belgischen Regisseurin Sigrid T‘Hooft wurde. Auch arbeitet T‘Hooft mit den Sängern an einer Gestik, die den Text der Arien und Rezitative unterstreicht. Das ortsansässige Orchester wurde mit Barockbögen ausgestattet und durch Barockspezialisten angereichert. Und auch in diesem Werk erweist sich Telemann bei der Uraufführung 1726 in Hamburg als Europäer: Die typischen italienischen Bravour-Arien werden in italienischer Sprache gesungen, die im französischen Stil komponierten Arien auf französisch und die Handlung im Allgemeinen aber auf Deutsch.

2017 und der Nachwuchs

In diesem Bereich gab es ebenso interessante Entwicklungen zu verzeichnen. Deutschland gehört zu den wenigen Ländern, in denen an den meisten Musikhochschulen Alte Musik zum Grundangebot gehört und in den verschiedensten Facetten studiert werden kann – sei es „nur“ im Nebenfach, als zweites Hauptfach oder als vollwertiges Bachelor- und/oder Masterstudium.
 
Nachwuchs fängt allerdings nicht erst beim Musikstudium an und so erweitern inzwischen auch die Musikschulen ihr Angebot. Es ist also nicht verwunderlich, dass der Deutsche Musikrat in seinem Wettbewerb im März in Leipzig erstmalig das Fach Blockflöte zugelassen hatte. In den Jahren zuvor wurde schon das Fach Cembalo eingeführt und  2017 konnten sich dadurch auch Ensembles in unterschiedlichen Besetzungen mit historischen Instrumenten präsentieren. Diese Entwicklung ist auf die Tatsache zurückzuführen, dass die junge Generation ein großes Interesse an Alter Musik zeigt. Dadurch haben sich inzwischen mehrere Jugendbarockorchester formiert – hier zwei kurze Beispiele: Das Jugendbarockorchester Rheinland (Sitz: Bonn / Leitung Sylvie Kraus) führt seit seiner Gründung in 2012 nicht nur Konzertprogramme auf, sondern erarbeitet ganze Opern (wie Purcells Dido&Aeneas), die in Kooperation am Bonner Opernhaus aufgeführt wurden.

Das Landesjugendbarockorchester Baden-Württemberg (Sitz: Freiburg / Leitung Gerd-Uwe Klein, Schirmherr ist das Freiburger Barockorchester) hingegen ist hauptsächlich mit Instrumental- und Chormusik unterwegs und verzeichnet seit seiner Gründung 2015 bereits sieben große Arbeitsphasen mit Abschlusskonzerten. Beide Ensembles werden oft auch verstärkt durch professionelle Kräfte, wie zum Beispiel durch Musikerinnen und Musiker von Concerto Köln (für Bonn) oder Dozierende der Musikhochschule Trossingen bzw. Mitglieder des Freiburger Barockorchesters (für Freiburg). Dadurch haben die sehr jungen Musikerinnen und Musiker die Chance, noch vor dem Studium Einblicke in eine professionelle Orchesterarbeit zu bekommen und Teil einer Aufführung zu sein.

Alte Musik und das 19. Jahrhundert?

Ein großer Artikel über Alte Musik war vor einiger Zeit im Rondo-Magazin zu finden: Quo vadis, historische Aufführungspraxis? Ein sehr kluger und launiger Beitrag von Carsten Hinrichs, der sich mit der Entwicklungsgeschichte der historischen Aufführungspraxis in Kurzform auseinandersetzt. Dabei kommt er zum Ergebnis, dass die Alte Musik am Ende, die Aufführungspraxis aber erst am Anfang ist. Diese Verkürzung erscheint einem zunächst merkwürdig, aber wenn man sich die Veranstaltungskalender der berühmten Dirigenten und Instrumentalisten der Alten Musik anschaut, sieht man, dass sich viele schon seit längerer Zeit auch im 19. Jahrhundert aufhalten. Herreweghe dirigierte 2017 den Elias von Mendelssohn, 2018 allerdings Verdi. René Jacobs nahm sich 2017 die Periode 1790 bis 1830 vor (unter anderem mit der Urfassung von Beethovens Fidelio - Leonore) und der Altmeister Nikolaus Harnoncourt war am Ende seines Lebens bei Porgy&Bess angekommen …

Wie ist das möglich? Die Antwort ist simpel: Die meisten und wichtigsten Informationen der Aufführungspraxis und die daraus gezogenen Erkenntnisse finden entweder ihre Entsprechung in späteren Zeiten wieder, oder in direkten Abwandlungen oder Abweichungen. Dies zu verstehen und richtig zu deuten, ist neben der Verwendung des entsprechenden Instrumentariums das Wichtigste, um ein neues Klangbild entstehen zu lassen. Wenn Johannes Brahms den Wunsch äußerte, dass sein Trio mit Klavier, Horn und Violine doch bitte mit dem Naturhorn gespielt werden solle, da sonst die Balance zwischen den Instrumenten nicht gegeben ist und (Zitat) „alle Poesie verloren geht und der Klang von Anfang an roh und abscheulich (ist)“, kann man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.

Dieser Satz wird uns wie viele andere auch durch das Jahr 2018 begleiten und wir müssen wenigstens ein paar Antworten auf die vielen Fragen der vergangenen Epochen finden. Insofern ist Alte Musik beziehungsweise historische Aufführungspraxis, wenn sie ernsthaft und verantwortlich ausgeführt wird, so experimentell und brandaktuell, wie zeitgenössische Kompositionen es sind.