Übersetzer im Gespräch Judith Arlt

„Ich spüre beim Übersetzen keine kulturellen Distanzen, da ich mich in beiden Sprachen, beiden Welten zu Hause fühle, in beiden Sprachen selber schreibe. Literarisch und wissenschaftlich. Jedoch werden mir zuweilen kulturelle Distanzen der einen oder anderen Seite schmerzlich bewusst.“

Judith Arlt Judith Arlt | © Judith Arlt Wie sind Sie zum Übersetzen gekommen?

Als Studentin in Basel übersetzte ich für eine Chemiefirma Texte aus dem Russischen, es ging um Nahrungsergänzung von Sportlern, viele Fachbegriffe, die, einmal nachgeschlagen, nicht mehr überdacht werden mussten. Also wenig Kopfzerbrechen. Kein stilistisches Strudeln. Null Bedenken über den ethisch-moralischen Hintergrund der Texte. Die Sportmedizin jenseits des Eisernen Vorhangs war offenbar damals viel weiter entwickelt als diesseits. Das weiß ich heute. Damals wusste ich nur, dass der Job lukrativ war. Ich wurde nach Zeile und in Schweizerfranken bezahlt. Hinter mir standen Dutzende Kommilitonen bereit, die mir die Arbeit sofort abgenommen hätten.

Bei welchem polnischen Text, den Sie übersetzt haben, war für Sie die kulturelle Distanz am deutlichsten spürbar?

Ich spüre beim Übersetzen keine kulturellen Distanzen, da ich mich in beiden Sprachen, beiden Welten zu Hause fühle, in beiden Sprachen selber schreibe. Literarisch und wissenschaftlich. Jedoch werden mir zuweilen kulturelle Distanzen der einen oder anderen Seite schmerzlich bewusst. So anlässlich meiner Lesung im Polenmuseum in Rapperswil (Schweiz) Ende Oktober 2013. Ich führe eine zweisprachige Website, trotzdem „übersetzte“ man in Rapperswil die polnische Version meiner Biographie selbst zurück ins Deutsche. So wurde ich zur „promovierten Polnisch-Lehrerin“. Ich kenne keinen männlichen Kollegen, dem dieses Etikett je in seiner ganzen Laufbahn verpasst worden wäre.

Welche sprachlichen Schwierigkeiten haben Sie beim Übersetzen schon einmal an den Rand der Verzweiflung gebracht?

Als schreibender Mensch befindet man sich immer am Rand der Verzweiflung. Dies ist ein höchst kreativer, produktiver Ort und Zustand, den man möglichst nie verlassen oder beenden sollte. Sobald Ruhe eintritt, entstehen Automatismen. Und dann werden die Texte Fliessbandware.

Welche Rolle spielen bei Ihnen für den Übersetzungsprozess die Kontakte und der Austausch mit den Autoren?

Bei lebenden Autoren finde ich es nur natürlich, dass ich den Kontakt suche. Aber es ist gefährlich, ein Minenfeld. Es kam auch schon vor, dass ich meine Anfragen wörtlich im nächsten Werk wiederfand. Ein seltsamer Umkehreffekt. Seither hüte ich mich vor schriftlicher Nähe und investiere Zeit und Kreativität lieber in eigene Texte.

Gibt es ein polnisches Buch, das Sie besonders gern übersetzen würden?

Nein. Aber ich hätte gerne, dass meine deutschen Romane ins Polnische übersetzt würden, Die Fölmlis (2009) und Zu Fuß auf den Haleakala (2014). Meine eigenen Texte kann ich nicht selber übersetzen, ich kann sie in der einen oder in der anderen Sprache schreiben – aber ich kann sie nicht über-setzen in die andere Sprache.

„Einer Übersetzung darf man auf keinen Fall anmerken, dass sie eine Übersetzung ist“ – „Dem Leser einer Übersetzung muss ein bestimmtes Maß an Fremdheit zugemutet werden dürfen.“ Welcher der beiden Aussagen stimmen Sie eher zu und warum?

Ich möchte zu keiner Kollegenschelte anheben und schweige diplomatisch. Aber: meinem Roman Die Fölmlis dürfte natürlich in der polnischen Übersetzung die swissness nicht genommen werden, sonst wäre es ja nicht mehr mein Roman.

Können Sie vom Übersetzen leben?

Eine Frage, die keiner anderen Berufsgruppe gestellt wird. Fragen Sie mal die Kassiererin im Supermarkt, ob sie von ihrer Arbeit leben kann. Oder den Bäcker an der Ecke. Es ist fatal, wenn Übersetzer sagen, sie könnten vom Übersetzen nicht leben und es trotzdem tun. Es verdirbt die Preise, wenn Übersetzer sagen, sie lebten von Stipendien und Auszeichnungen. Es ist haarsträubend und halsbrecherisch, wenn in der Freizeit, nebenher, als Hobby übersetzt wird. Ich lebe natürlich von meiner Arbeit, wovon sollte ich sonst leben?  

Übersetzte Texte:

  • Jarosław Zieliński. Mokotowska-Strasse 25 – Die Geschichte des Zuckerfabrikantenpalais – Sitz des Adam-Mickiewicz-Institus. (Originaltitel: Mokotowska 25 – Dzieje Pałacyku Cukierników – siedziby Instytutu Adama Mickiewicza). Warszawa, Instytut Adama Mickiewicza 2013.
  • Unkenrufe. Der Film nach der Erzählung von Günter Grass. (Originaltitel: Wróżby kumaka. Film na podstawie powieści Güntera Grassa). Begleitband, darin: „Aber Liebende vermögen Unglaubliches“. Krystyna Janda im Gespräch. „Wie ruft die Unke?“ Anmerkungen zu den Dreharbeiten von Robert Gliński. „Das war eine große Herausforderung“. Der Regisseur Robert Gliński im Gespräch mit den polnischen Drehbuchautoren Paweł Huelle und Cezary Harasimowicz. Berlin, Aufbau Verlag 2005
  • Unkenrufe, von Klaus Richter, Cezary Harasimowicz und Paweł Huelle 2004 (Drehbuch zu einem Spielfilm nach der Erzählung von Günter Grass)
  • Olga Tokarczuk. Gesichter, Materie (Titel des Originals: Twarze, materia). In: Beatrix Sassen, Skulpturen. Katalog zur Ausstellung in der Villa Aichele in Lörrach und anlässlich der Aufstellung der Skulptur "Licht im Kopf - meine dunkle Schwester" auf dem Meraner Platz in Lörrach Villa Aichele/Lörrach, 2002
  • Heaven, von Krzysztof Kieślowski und Krzysztof Piesiewicz Revised Draft 1 (May 2000) by Tom Tykwer, 2000 (Filmdrehbuch, aus dem Deutschen ins Polnische übersetzt zusammen mit Maria Kolenda)