Übersetzer im Gespräch Maria Przybyłowska

„Ich bevorzuge schwierigere, aber dafür tiefer schürfende und stilistisch interessantere Bücher. Bei sogenannten 'seichteren' Titeln muss ich sehr auf der Hut sein, dass ich das Buch nicht auf die leichte Schulter nehme, sondern es genauso gewissenhaft übersetze wie die Werke 'besserer' Autoren.“

Maria Przybyłowska Maria Przybyłowska | Foto: privat Wie sind Sie zum Übersetzen gekommen?

Literarische Übersetzerin wollte ich schon von der zweiten Klasse im Lyzeum an werden. Fremde Sprachen faszinierten mich, in der Schule lernte ich Russisch und Deutsch, ich las sehr gern, also beschloss ich Germanistik zu studieren und dann Bücher zu übersetzen. Natürlich wusste ich nicht, wie die Arbeit und das Leben so einer Übersetzerin aussieht, das erfuhr ich erst, als ich es geworden war.
Mein Thema für die Magisterarbeit wählte ich so, dass ich mich auf Übersetzungen literarischer Werke aus dem Deutschen ins Polnische und umgekehrt beziehen konnte. Nach dem Studium hatte ich das Glück in dem Seminar für junge Übersetzer zu landen, das der damalige polnische Schriftstellerverband und die Zeitschrift Literatura na Świecie 1974/1975 organisiert hatten. Das Seminar ging über zwei Semester, danach nahm sich unsere hochgeschätzte Mentorin Teresa Jętkiewicz–Rządkowska, die Übersetzerin von Böll, unserer deutschsprachigen Gruppe an. Die folgenden zwei Semester lud sie uns zu sich nach Hause ein. Bei den Diskussionen wie der eine oder andere Abschnitt eines Buches übersetzt werden müsse, ging es mitunter höchst stürmisch zu!
Ich bin nicht der Ansicht, dass man das Übersetzen von Literatur erlernen kann, weil meiner Meinung nach dafür ganz bestimmte Veranlagungen notwendig sind, aber ähnliche Seminare oder Workshops können einem Übersetzer in spe durch den Vergleich mit anderen Anwärtern schon Mut machen, und erfahrene Übersetzerkollegen können uns ihr Fachwissen, ihre Erfahrungen über die Zusammenarbeit mit Verlagen usw. vermitteln.
Mein Einstieg war die Übersetzung des ersten Bandes der Autobiographie von Elias Canetti Die gerettete Zunge.

Welche Rolle kommt dem Übersetzer als Vermittler zwischen den Kulturen zu?

Gewiss, ich bin der Ansicht, Übersetzer und Übersetzerinnen vermitteln zwischen den Kulturen der jeweiligen Sprachgebiete, obwohl ich gestehen muss, dass weder die deutsche Literatur in Polen und schon gar die polnische in Deutschland besonders viel gelesen wird. Ich glaube, wichtig ist auch der persönliche Kontakt zu Übersetzern aus unterschiedlichen Ländern, den u.a. die Häuser für Übersetzer in diversen Ländern Europas möglich machen. Gleichermaßen wichtig ist außerdem die Arbeit von Institutionen wie das Goethe-Institut, das Österreichische Kulturforum oder die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia. Zusammenkünfte, Gespräche, ja bisweilen auch Freundschaften zwischen Autoren und ihren Übersetzern führen ebenfalls zu besserem gegenseitigen Verständnis und, was daraus folgt, zum Verschwinden so mancher Klischees über verschiedene Länder.

Ist es Ihnen schon passiert, dass sprachliche Schwierigkeiten bei der Übersetzung Sie an den Rand der Verzweiflung brachten?

Was mich beim Übersetzen zur Verzweiflung bringt?
Bekanntlich sind nicht alle Bücher, die man unter Vertrag nimmt, unsere eigene Wahl. Beim ersten Lesen gefällt uns das Buch mitunter sehr gut, doch sowie wir mit der Arbeit begonnen haben, stellen wir eine Menge Mängel daran fest. Je nun – in so einem Fall muss man „dem Autor etwas unter die Arme greifen“, wie das einer der besten literarischen Übersetzer in Polen genannt hat.

Was ist bei der Wahl eines zu übersetzenden Textes für Sie entscheidend?

Bei der Wahl eines zu übersetzenden Textes lasse ich mich in erster Linie davon leiten, ob mir das Werk gefällt. Ich bevorzuge schwierigere, aber dafür tiefer schürfende und stilistisch interessantere Bücher. Bei sogenannten „seichteren“ Titeln muss ich sehr auf der Hut sein, dass ich das Buch nicht auf die leichte Schulter nehme, sondern es genauso gewissenhaft übersetze wie die Werke „besserer“ Autoren.

Ist der Kontakt eines Übersetzers zu seinen Autoren ersprießlich?

Das ist ganz verschieden. Meistens hilft so ein Kontakt bei der Arbeit, doch es gibt auch andere Fälle. Gott bewahre uns vor Autoren, die da meinen, sie könnten Polnisch, in Wahrheit aber können sie es nur recht flüchtig. Zur Anekdote wuchs sich ein Titel aus, den ein bekannter tschechischer Schriftsteller vorschlug: „Das Leben ist anderscher“ anstatt „Das Leben ist anderswo“. Das Schlimmste war, dass er sich vom Lektor des polnischen Verlags nicht überzeugen ließ, wodurch sich die Gespräche darüber lange hinauszogen. Glücklicherweise siegte schließlich die Vernunft.

Kann man die Übersetzungsarbeit als Kunst bezeichnen?

Ich denke schon. Ein Übersetzer sollte über künstlerische Fähigkeiten verfügen, wenn er Belletristik übersetzen will. Bei dem Wort „Künstler“ allerdings müsste ich überlegen, denn ein Schriftsteller muss über alles verfügen: über den Einfall und über die Ausführung. Während hingegen jemand, der übersetzt, den Einfall schon hat: den Einfall des Schriftstellers. Er muss folglich das Buch dieses Schriftstellers „nachbilden“. Demnach wäre „Nachbildner“ vielleicht die beste Bezeichnung?

Können Sie vom Übersetzen leben?

Ob ich vom Übersetzen leben kann?
Die Antwort ist kurz. Nein, kann ich nicht, und ich konnte es eigentlich nie.

Wie organisieren Sie Ihren Tagesablauf als literarische Übersetzerin?

Früher musste ich tagsüber als Fachübersetzerin Geld verdienen und als literarische Übersetzerin nachts. Auf die Art arbeitete ich zwölf und mehr Stunden pro Tag, aber damals war ich alleinstehend, hatte noch keine Familie. Seitdem ich sie habe, muss ich meine Zeit zwischen Familie und Arbeit aufteilen. Heute ist das nicht mehr schwierig, weil ich seit siebzehn Jahren eine sogenannte Freiberuflerin bin. Mein Mann arbeitet auch zu Hause, als Autor, wir teilen uns also die häuslichen Pflichten, nicht immer ganz gleich, wenn einer gerade kurz vor der Textabgabe steht, übernimmt der andere den größeren Teil. Es ist für mich unvorstellbar, dass ich beruflich arbeiten könnte, wenn die ganze Hausarbeit auf mir lastete.

Auszeichnungen:

1993 – Preis von Literatura na Świecie für das Gesamtwerk, insonderheit für die autobiographische Trilogie von Elias Canetti
1993 – Förderpreis für die Übersetzung von Canettis Masse und Macht (gemeinsam mit Eliza Borg)
1993 – Preis des Österreichischen Ministers für Kultur und Sport für das Gesamtwerk
2005 – Karl-Dedecius-Preis
2006 – Prämie des Bundeskanzleramtes Österreich
2007 – Preis des polnischen PEN-Clubs

Wie meine fünf wichtigsten Übersetzungen auswählen?

Machen wir das etwas anders: Ich wähle drei der für mich wichtigsten Autoren: erstens – neun Bücher von Elias Canetti, Nobelpreisträger 1981, darunter die Autobiographie (vier Teile); der große Essay Masse und Macht (gemeinsam mit Eliza Borg); Band mit literarischen Essays Das Gewissen der Worte, mehrere Bände Aufzeichnungen. Das ist entschieden der Autor meines Lebens, und ich bedaure sehr, dass die Verleger sich immer weniger für ihn interessieren.
Der zweite für mich wichtige Autor ist Horst Bienek, gewiss kein Schriftsteller vom Format Canettis, aber mir nahestehend durch das Multikulturelle an ihm. Ich habe vier Bücher von ihm übersetzt, darunter zwei Bände der Oberschlesischen Tetralogie: Die erste Polka und Erde und Feuer.
Eine für mich wichtige Autorin war auch Emine Sevgi Özdamar mit ihrem Buch Die Brücke am Goldenen Horn. Das Buch ist interessant und sehr gut geschrieben.
Zusammenfassend gesagt: Am meisten interessieren mich Schriftsteller mit multikulturellem Hintergrund.