Übersetzer im Gespräch Agnieszka Hofmann

„Das, was ich mache, betrachte ich als ein Oszillieren zwischen Handwerk und künstlerischer Tätigkeit. Als Übersetzer bewegen wir uns in einem Bereich nahe der Kunst, schöpfen aus kreativer Quelle, aber dennoch ist der Autor der schöpferische Geist. Der Übersetzer steht zwar ohne kreative Ader hilflos da und kurz vor der Kapitulation, verbirgt sich jedoch im Schatten des Autors.“

Agnieszka Hofmann Agnieszka Hofmann | © Agnieszka Hofmann Wie sind Sie zum Übersetzen gekommen?

Im Alter der Träume und Schäume, als mir die ganze Welt offenstand und es nichts Unmögliches gab, beschloss ich, mich der Medizin zu widmen. Dieser Gedanke wurde mir erfolgreich von einer befreundeten Ärztin ausgetrieben, die ich damals sehr verehrte. Als kluge und erfahrene Frau, die die Welt mit der angemessenen Distanz und einer gehörigen Portion Ironie betrachtete, legte sie mir als optimale Lösung einen Ehemann nahe, an dessen Seite ich mich zu keiner beruflichen Tätigkeit herabzulassen bräuchte... Auf diesen Rat hörte ich jedoch trotz aller Verehrung nicht. Als sich später auf dem Gymnasium meine linguale Ader zeigte, steckte ich all meine Begeisterung und überschüssige Energie in die deutsche Sprache. Doch deren bloße Beherrschung, und sei sie auch tadellos, reichte mir nicht – es zog mich auf den linguistischen Parnass, und der Beruf des Übersetzers erschien mir damals als das Höchste, was in dieser Disziplin zu erreichen war. Ich wollte die Sprache im wahrsten Sinne des Wortes beherrschen, sie bändigen und mir gefügig machen, wie ein Magier seine Zauberformeln beherrscht. Die Germanistik verschmähte ich – sich nur einer einzigen Sprache zu widmen erschien mir eine zu eingeschränkte Option – und entschied mich für ein Studium am Institut für Angewandte Linguistik an der Universität Warschau, der damals einzigen Fachrichtung, in der Übersetzer ausgebildet wurden – die „Schule der Magier“ sozusagen. Diese Entscheidung erwies sich als Volltreffer. Das Studium gab mir ein solides Grundgerüst, stattete mich mit dem notwendigen Fachwissen aus, zweifellos prägte es mich auch und wies mir eine bestimmte Richtung, doch Erfahrung erwirbt man in dieser Disziplin beim Übersetzen selbst – jede weitere Übersetzung ist eine Bereicherung und Vervollkommnung der eigenen Fähigkeiten, wobei jedoch nie Perfektion erreicht werden kann.

Welche Rolle kommt dem Übersetzer als Vermittler zwischen den Kulturen zu?

Ach, schwer ist das Los des Übersetzers! ... Einerseits lastet eine große Verantwortung auf ihm – wenn er nicht wäre, würden die meisten Leser sich nur in der kleinen Welt ihrer einheimischen Literatur bewegen, ohne die Wohltat einer frischen Brise großer Weltliteratur zu erfahren –, und andererseits soll er möglichst unsichtbar bleiben, gleich einer Membran, durch die bei der Osmose Inhalte aus einer sprachlichen Wirklichkeit in die andere dringen. Natürlich funktioniert die Osmose nicht immer zu hundert Prozent, und bei aller „Unsichtbarkeit“ hat der Übersetzer dennoch das Recht zur Interpretation oder Adaptation eines Werkes. Die Aufgabe des Übersetzers ist wie Seiltanzen: Er muss die Gewichte so austarieren, dass er vom dünnen Seil nicht in den Abgrund des Zuviel oder des Zuwenig rutscht. Ein guter Übersetzer ist ein Kenner beider Kulturen, kann das Fremde vertraut machen und das Unbenennbare benennen. Allem Anschein zum Trotz gibt es auch an der Schnittstelle zweier verhältnismäßig naher Kulturen wie der polnischen und der deutschen viele unbenannte, weit auseinanderliegende, unverständliche Bereiche. Und oft ist dann der Übersetzer Erforscher und Wegbereiter für die Erkenntnis, indem er im wahrsten Sinne des Wortes bestimmte Phänomene für die Leser „über-setzt“.

Haben sprachliche Schwierigkeiten Sie beim Übersetzen schon einmal an den Rand der Verzweiflung gebracht?

Nicht nur ein Mal! Ich könnte hier eine Menge Anekdoten über die Suche nach der passenden Entsprechung für ein Idiom oder Wortspiel anführen – eine solche Feuerprobe war für mich die Übersetzung der nur auf den ersten Blick einfach gestrickten, in Wirklichkeit jedoch höllisch schweren Kindergeschichten von Dagmar Chidolue, in denen es von Fußangeln und absolut unübersetzbaren Wortschöpfungen nur so wimmelte – eine umso kompliziertere Situation, als das bequeme Hintertürchen der Fußnote nicht in Frage kam.
Eine ziemliche Herausforderung war auch die „Bayerischkeit“ der Krimis von Volker Klüpfel und Michael Kobr. Die ganze Komik dieser Romane fußt auf der Ursprünglichkeit des Bayerischen und seinem Aufeinanderprallen mit der allgemeindeutschen Kultur. Vieles ist im Dialekt geschrieben, durch den sich besonders Kommissar Kluftingers Vorgesetzter Lodenbacher auszeichnet. Ich habe damals lange hin- und herüberlegt, ob ich das Dialektale überhaupt in der Übersetzung berücksichtigen sollte, schließlich funktionieren die Dialekte im Polnischen nicht analog zu den deutschen. Deren Rolle und Verbreitungsgrad lassen sich schwerlich mit dem Nischendasein polnischer Mundarten vergleichen, derer sich nur noch eine verschwindend geringe Minderheit von Sprechern bedient. Lodenbacher seines Dialekts zu berauben hätte aber bedeutet, der Figur Ecken und Kanten und auch ihre ganze Komik zu nehmen, eine unverzeihliche Beschneidung. Und so verbrachte ich viele Stunden mit dem Studium des schlesischen, masurischen, Góralendialekts und ging in meinen Bemühungen, das Original getreu wiederzugeben, sogar so weit, einen waschechten Góralen zu konsultieren – er lieferte mir herrliche Dialoge in reinstem Zakopanedialekt, einfach wunderbar! Einige Zweifel blieben jedoch und nach einem regen Gedankenaustausch in der Redaktion kamen wir zu dem Schluss, dass es unstimmig sei, einem Allgäuer Polizeichef Worte im Zakopanedialekt in den Mund zu legen. So wurde dann die ganze Übersetzung noch etwas umgearbeitet und einem letzten Schliff unterzogen, und Lodenbacher bewahrte seinen kauzigen Charakter.

Wonach entscheiden Sie, was Sie übersetzen?

Es ist gut, sich wenigstens ein bisschen in der Materie auszukennen, die man übersetzt. Jemand, der noch nie im Leben einen Fantasyroman gelesen hat, sollte auch keine Übersetzung aus dem Bereich Fantasy übernehmen. Er würde viele Konnotationen gar nicht verstehen, Mehrdeutigkeiten, Anspielungen, Digressionen nicht erkennen, ganz zu schweigen vom Wortschatz. Ein Übersetzer muss einen Text fühlen, erfassen und verstehen, sonst überträgt er ihn lediglich hölzern ins „Übersetzte“, um es mit Harry Rowohlts Worten zu sagen. Texte, die einen faszinieren, in denen man sich wohlfühlt, die man selbst „entdeckt“ hat – übersetzen sich auch fast von selbst. Das sollte man bei der Wahl einer Publikation bedenken, an die man sich auf translatorischer Ebene wagen möchte.

Welche Rolle spielt für Sie das Gespräch mit dem Autor?

Der Kontakt zum Autor ist eine wertvolle Erfahrung – er ist oftmals nicht nur beim Verständnis konkreter Textpassagen hilfreich, sondern auch dabei, die Persönlichkeit des Autors, seine Art zu denken, seinen Kosmos zu verstehen, und erlaubt es daher, sich besser in einen Text einzufühlen. Das Gespräch mit dem Autor hat mir bereits viele Male geholfen, meine Zweifel zu zerstreuen, aber auch, eine persönliche Verbindung des gegenseitigen Verstehens zu knüpfen. So ist es leichter, den mentalen Pfaden des Autors zu folgen.

Betrachten Sie Ihre Übersetzungsarbeit als Kunst und Ihre Übersetzungen als eigenständige Werke?

Das, was ich mache, betrachte ich als ein Oszillieren zwischen Handwerk und künstlerischer Tätigkeit. Als Übersetzer bewegen wir uns in einem Bereich nahe der Kunst, schöpfen aus kreativer Quelle, aber dennoch ist der Autor der schöpferische Geist. Der Übersetzer steht zwar ohne kreative Ader hilflos da und kurz vor der Kapitulation, verbirgt sich jedoch im Schatten des Autors.

Können Sie vom Übersetzen leben?

Wenn ich eine Liste der Gründe aufstellen sollte, aus denen ich mich gerade dem Übersetzen verschrieben habe, so würde das große Geldverdienen sicherlich an einer der letzten Stellen stehen. Vom Übersetzen allein kann man nicht leben, besonders wenn man den Ehrgeiz hat, die Werke mit der nötigen Ehrfurcht zu behandeln, den Text ruhen und reifen zu lassen, und nicht Seite um Seite im Akkord herunter tippt. Die den Übersetzern gebotenen Honorarsätze sind geradezu beleidigend niedrig.

Sie bieten Ihren eigenen Blog an. Welche Bedeutung hat das Internet für Ihre Arbeit?

Das Internet ist ein vielseitiges Werkzeug, aber eben nur ein Werkzeug, und übernimmt nicht die Arbeit des Übersetzers. Was wir mit ihm anfangen, liegt nur an uns allein. Sein Potenzial ist unbestreitbar groß, und der Nutzen, der sich aus dem Zugang zu Quellentexten und der Möglichkeit zur sofortigen Konsultation von Sachkundigen ergibt, ist der größte Fortschritt seit Erfindung der Schrift. Der Komfort bei der Arbeit hat sich dadurch enorm vergrößert. Eine ganz andere Sache ist der Blog, den ich seit einem Jahr führe. Ursprünglich als eine Art Experiment gedacht, ist er mit der Zeit zu einem empfindlichen Seismographen für die Stimmungen der Leser, einer Plattform zum Meinungsaustausch und zur Verbreitung eigener literarischer Vorlieben, einem Treffpunkt und einer Quelle wertvoller Erfahrungen geworden. Es besuchen ihn nicht nur literaturbegeisterte Menschen auf der Suche nach Leseinspirationen, sondern auch Verleger, die den deutschen Buchmarkt besser kennenlernen möchten. In meinen regelmäßigen Einträgen aus der Reihe „Unübersetzbares übersetzen“ versuche ich, den Lesern übersetzerische Zwickmühlen nahezubringen und sie zugleich dazu zu ermuntern, sich selbst auf diesem Feld auszuprobieren. Die Resultate sind manchmal erstaunlich ... Doch unabhängig von alldem ersetzt nichts den direkten, regen Kontakt mit denen, für die wir schlussendlich tätig sind – mit den Lesern.

Ihre wichtigsten Übersetzungen:

  • eine Reihe von Kinderromanen aus der Feder von Dagmar Chidolue: „Milenka w Berlinie” [Titel des Originals: „Millie in Berlin], „Milenka w Paryżu” [Titel des Originals: „Millie in Paris“], Egmont 2010
  • Volker Klüpfel / Michael Kobr „Operacja Seegrund” [Titel des Originals: „Seegrund“], Akcent 2012
  • Inge Löhnig „Zapłatą będzie śmierć” [Titel des Originals: „Der Sünde Sold“], Initium 2012
  • Inge Löhnig „W białej ciszy” [Titel des Originals: „In weißer Stille”], Initium 2012
  • in Vorbereitung: Cornelia Funke „Reckless. Nieustraszony” [Titel des Originals: „Reckless – Lebendige Schatten”], Egmont 2013