Übersetzer im Gespräch Marlis Lami

„Für mich war das literarische Übersetzen immer ein selbstverständlicher Teil eines viel breiter verstandenen Vermittelns und Verbindens unterschiedlicher Existenzen. Mein ganzes Leben ist eine einzige Übersetzung.“ 

Marlis Lami Marlis Lami | © Petra Lutnyk Wie sind Sie zum Übersetzen gekommen?

Ich kam Mitte der Achtzigerjahre zum ersten Mal nach Polen und wusste nur, dass ich sobald wie möglich hier leben will. Für eine österreichische Studentin einer Schweizer Universität gab es damals einige bürokratische Hürden, aber 1988 kam ich mit einem Austauschstipendium nach Krakau. Und da hatte ich das große Glück, sofort Robert Tekieli kennenzulernen. Er redigierte im Studentenheim, quasi nebenan, eine der damals (im wahrsten Wortsinn) aufregendsten polnischen Zeitschriften brulion. Unsere Diskussionen in diesen ja nicht unbedeutenden Jahren für Polen haben mich geprägt. In seinem winzigen Zimmer, eine Art „Redaktion“ der Zeitschrift, herrschte ein reges Kommen und Gehen. Ich erinnere mich zum Beispiel, wie ein Freund aus Danzig angekündigt wurde, der einen seltsamen Namen habe, und wie man den wohl korrekt aussprechen müsse. Das war Paweł Huelle. Nach 1989 habe ich dann versucht für einige der Autoren, die ich von brulion kannte, Verlage zu finden. Einfach war das nicht, denn wir waren ja beide, Autor wie Übersetzerin, absolute No-names und hatten auch keinerlei Unterstützung durch renommierte Institutionen wie zum Beispiel das Deutsche Polen-Institut. Karl-Markus Gauß war neugierig und mutig genug, um bald Übersetzungen aus dem Polnischen in Literatur und Kritik und in Anthologien abzudrucken. Manuela Gretkowskas Emigrantenroman hat er aber als rassistisch und antisemitisch abgelehnt. Seinen Brief mit dieser Begründung druckte dann brulion in ganzer Länge und in polnischer Übersetzung. Gauß hat aber schon 1992 die ersten Gedichte und Prosa-Fragmente von Halina Poświatowska auf Deutsch herausgebracht.
Diese wunderbare Lyrikerin kannte ich dank eines anderen Freundes, der später ebenfalls eine Literaturzeitschrift herausgab: Jan Wolski, Redakteur der Fraza, war mein Kollege an der Universität Bern und brachte mir noch, bevor ich nach Krakau kam, in kürzester Zeit die polnische Sprache und Literatur näher, indem er mir ganze Romane, zum Beispiel von Czesław Miłosz, laut vorlas. Dafür bin ich ihm bis heute dankbar wie auch Robert und seiner Frau Olga für unsere nächtelangen und oft ausweglosen Diskussionen. Auch später habe ich immer wieder gerne Autoren übersetzt, die ich von brulion kannte. So heterogen das Umfeld dieser Zeitschrift war, man fühlte sich doch irgendwie miteinander verbunden.

Welche Rolle kommt dem Übersetzer als Vermittler zwischen den Kulturen zu? 

Dass Literatur übersetzt werden muss, um den Zugang zu jener Kultur zu eröffnen, der sie angehört, bedarf keiner Erklärung. Wie diese übersetzt wird, dafür trägt der Übersetzer die Verantwortung. Also hat er eine entscheidende Rolle, die auch die Aufnahme eines Autors in einer anderen Literatur wesentlich mitbestimmt. Darüber hinaus leisten Übersetzer, wie wir alle wissen, noch viel mehr: Sie sind die ersten Auskunftspersonen für Verlage und gelten als Experten für die Literatur, aus der sie übersetzen, sie sind aber auch Informationsquelle für ihre Autoren; sie suchen passende Verlage für sie, beteiligen sich an Öffentlichkeitsarbeit und arbeiten mitunter auch an deren Texten mit. Das Tätigkeitsfeld von Übersetzern ist vielfältig. Das gilt sicher nicht für alle Übersetzende, denn Übersetzer haben unterschiedliche Persönlichkeiten und Lebenssituationen, und natürlich ganz einfach auch unterschiedliche Interessen, Talente und Vorlieben. Nicht jeder macht immer alles. Für mich war das literarische Übersetzen immer ein selbstverständlicher Teil eines viel breiter verstandenen Vermittelns und Verbindens unterschiedlicher Existenzen. Mein ganzes Leben ist eine einzige Übersetzung. Dadurch, dass ich seit Jahrzehnten in Polen lebe und hier auch sehr lange gearbeitet habe, und nicht wie die meisten meiner Kolleginnen in deutschsprachigen Ländern, fühlte ich mich von Anfang an eher der polnischen Kultur zugehörig als jener, in der ich geboren wurde. Vielleicht hat mir deshalb auch manchmal der Blick von außen gefehlt. Ich habe mich auch nie als Expertin für polnische Fragen gefühlt, sondern eher als das behandelte Objekt, wenn solche Experten sich über Polen oder „Osteuropa“ äußern. Dementsprechend selten finde ich mich in ihren Aussagen wieder.

Bei welchem polnischen Text, den Sie übersetzt haben, war für Sie die kulturelle Distanz am deutlichsten spürbar?

Ich erlebe die sogenannte kulturelle Distanz zwischen Wien und der Schweiz, wo ich auch lange gelebt habe, als weitaus größer als diejenige zwischen Wien und Krakau, den beiden Städten, in denen ich heute lebe und die sich nicht nur geografisch sehr nahe sind. Ihre wechselseitige Beeinflussung hat eine lange Geschichte, und ihr Verhältnis zueinander unterscheidet sich doch sehr vom, sagen wir, polnisch-bundesdeutschen. Doch wer fragt nach der kulturellen Distanz der Schweizer Literatur zur deutschen oder österreichischen? Ich würde sogar behaupten, dass auch in sprachlicher Hinsicht Wien und zumindest der südpolnische Raum viel mehr verbindet, als uns gemeinhin bewusst ist, während wir von den Schweizer Dialekten doch sehr weit entfernt sind. Ich darf das vielleicht gerade deshalb aussprechen, weil ich einen Katzensprung von der Schweizer Grenze geboren wurde. Vielleicht kann aber der oben erwähnte Vorwurf des Rassismus eines österreichischen Kritikers und Autors an eine junge polnische Autorin unmittelbar nach dem Fall des eisernen Vorhangs als Beispiel dafür dienen, zu welchen absurden Missverständnissen eine sogenannte kulturelle Distanz führen kann. In diesem Fall war sie meiner Meinung nach den unterschiedlichen Kontexten der Achtzigerjahre geschuldet. Die Spuren der Volksrepublik Polen sind auch heute noch für westliche Intellektuelle nicht leicht nachzuvollziehen. Das gilt aber nicht nur für die polnische Literatur, sondern auch für andere Literaturen des ehemaligen „Ostblocks“.

Welche sprachlichen Schwierigkeiten haben Sie beim Übersetzen schon einmal an den Rand der Verzweiflung gebracht?

Verzweifeln lässt mich allein die Tatsache, dass ich nicht alle Sprachen, die ich kenne und liebe, gleichzeitig sprechen beziehungsweise schreiben kann. So fängt es an, man muss sich entscheiden. Beim Übersetzen fällt dann eine Entscheidung nach der anderen, manchmal unbewusst oder nur halb bewusst oder als Folge einer grundlegenden Entscheidung zu Beginn. Je klarer das Bewusstsein dessen ist, welche Konsequenzen eine bestimmte Entscheidung hat, desto größer die Verzweiflung. Denn jede Entscheidung für die eine Variante schließt ja gleichzeitig eine andere aus. Ich erinnere mich, dass ich den ersten Satz von Halina Poświatowska 1989 aus purer Neugier übersetzte, weil ich hören wollte, wie er auf Deutsch klingt. Bei allen Übersetzungen ist mir immer der Klang und die Melodie wichtig, für die ich bereit bin vieles zu opfern, nicht nur in der Lyrik und lyrischen Prosa. Gerade Leser von Lyrik schätzen es deshalb sehr, wenn verschiedene Übersetzungen zusammen mit dem Original abgedruckt werden, leider ein seltener Luxus.

Welche Rolle spielt für Ihre Arbeit das Gespräch mit dem Autor?

Wie gesagt habe ich mit Übersetzungen von Autoren der sogenannten brulion-Generation, die auch die meine ist, begonnen. Einige kannte ich von Anfang an persönlich. Wahrscheinlich sind meine Übersetzungen davon beeinflusst. Dabei bin ich mir nicht einmal sicher, ob das für die Übersetzung immer gut ist. Ich erinnere mich jedoch nicht daran, dass ich mich zum Beispiel mit Jacek Podsiadło über seine Gedichte austauscht hätte. Aber ich nehme an, dass sich vieles von selbst versteht, wenn man, sagen wir, miteinander Fußball spielt. Man darf dabei nicht vergessen: Zwischen dem Erscheinen des Originals und der Übersetzung liegen oft Jahre. In der Zwischenzeit arbeitet der Autor an seinem nächsten oder gar übernächsten Buch und ist mit ganz anderen Fragen beschäftigt. Oft mag er seine älteren Texte nicht einmal mehr lesen. Ich erinnere mich an einen der ersten Auftritte von Gretkowska im Goethe-Institut in Krakau. Sie lachte beim Lesen laut auf: „to takie stare – nie mogę!“ Das war nicht nur Koketterie, sondern enthält auch einen wahren Kern.

Gibt es ein polnisches Buch, das Sie besonders gern übersetzen würden?

Im Moment habe ich keine Zeit zum Übersetzen, aber es gibt viele Bücher, die ich gern übersetzt sehen würde, ich nenne nur Andrzej Dybczaks Gugara oder seinen außergewöhnlichen Text über Afghanistan Szkło. Am liebsten übersetze ich wie gesagt Lyrik und lyrische Prosa.

Betrachten Sie Ihre Übersetzungsarbeit als Kunst und Ihre Übersetzungen als eigenständige Kunstwerke?

Als Tochter einer Galeristin, die mit Künstlern und Diskussionen über Kunst aufgewachsen ist, ist mir der Kunstbegriff suspekt. Es interessiert mich einfach nicht, was Kunst ist und was nicht. Wer entscheidet das? Eine vergleichbare Frage habe ich übrigens dreizehn Autorinnen und Übersetzerinnen gestellt, Sie finden ihre Antworten in dem vor kurzem erschienenen Band Queren. Zum Schreiben in vielen Sprachen. Um ehrlich zu sein, habe ich mich nie als Übersetzerin verstanden, zumindest nicht als literarische. Ich vermute, dass vielen meiner Kolleginnen solche Etiketten ebenfalls nicht besonders wichtig sind.

Wie kamen Sie auf die Idee, ein Buch mit Übersetzergesprächen zu veröffentlichen? Was hat Ihnen das Projekt persönlich an neuen Einsichten gebracht?

Ich wollte denen eine Stimme geben, die zu wenig zu Wort kommen und doch am besten Bescheid wissen, wenn es um das Arbeiten in und mit verschiedenen Sprachen geht. Eine Möglichkeit davon ist das literarische Übersetzen. Und ich wollte besser verstehen, wie wir konkret arbeiten, was uns antreibt, und wie wir geworden sind, was wir sind. Insbesondere wollte ich aber mehr über das Verhältnis zwischen Übersetzen und Schreiben erfahren und über diese schon erwähnte Vielfalt literarischer Tätigkeit. Und außerdem interessierte mich die emotionale Beziehung der Autoren zu ihren verschiedenen Sprachen und ihre individuelle Sprachbiografie. Eines der Resultate dieser Arbeit ist meine zweite Publikation hier, da und dort, die gleichzeitig erschienen ist und auf andere Art zeigt, wie Fragen nach Identität und Fremdsein verarbeitet werden, auch was den Aspekt der Geschlechter-Identität anbelangt.

Können Sie vom Übersetzen leben?

Ich habe es nie versucht, nicht zuletzt deshalb, weil ich mit einem Kind allein und ohne Unterstützung (auch nicht finanzielle) in immer wieder neuem Umfeld auf ein regelmäßiges Einkommen angewiesen war. Deshalb hatte ich immer mehrere Berufe, die es mir dann aber oft nicht erlauben, einen Übersetzungsauftrag anzunehmen oder ein Projekt weiterzuverfolgen, wenn es nötig wäre. Sehr oft nehmen dann Kollegen auf und führen weiter, was ich angestoßen habe. Das macht mir immer große Freude.

Zuletzt erschienen:

  • Queren. Zum Schreiben in vielen Sprachen. Gespräche, Wieser Verlag 2012.
  • hier, da und dort, Wieser Verlag, Klagenfurt 2012.

Auswahl literarischer Übersetzungen:

  • Kunst und Literatur aus Polen, 5 Jahre Georg-Trakl-Preis der Stadt Krakau, Die Preisträger, in: Lichtungen, Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik 66/XVII Jg. 1996.
  • Felix Mitterer, Czas odwiedzin, (Deutsch: Besuchszeit), Sic Verlag, Warszawa 1996.
  • Annäherungen, Eine illustrierte Literaturgeschichte in Epochen, hrsg. von W. Walecki, Igel Verlag, Paderborn, 1999.
  • Natasza Goerke, Rasante Erstarrung, Skarabaeus, Innsbruck 2003.