Übersetzer im Gespräch Katarzyna Leszczyńska

„Das Übersetzen hat für mich etwas Magisches, es ist die Transformation ganzer Welten von einer Sprache in die andere, eine Erweiterung der Grenzen der eigenen Kultur. Es bedeutet, andere Menschen für das, was mich selbst fasziniert, zu begeistern.“

Katarzyna Leszczyńska Katarzyna Leszczyńska | © Manfred Bächler

Wie sind Sie Übersetzer geworden?

Eher Übersetzerin. Diese Bemerkung verweist bereits auf einen der Gründe, warum ich mich mit dem Übersetzen beschäftige. Auf Ihrer Website verwenden Sie in der deutschen Fassung Ihrer Fragen die weibliche Form Übersetzerin, auf Polnisch jedoch steht auch in den Fragen, die Sie Frauen stellen, die männliche Form Übersetzer. Inwieweit spiegeln sich hier bestimmte kulturelle Muster? Was vermittelt die Sprache auf diese Weise? Diese unglaubliche, oft verborgene und keineswegs immer bewusst wahrgenommene Macht der Worte und ihre Anmut, die in Wortverbindungen versteckten Überraschungen reizen mich an der Kunst der Übersetzung. Das Übersetzen hat für mich etwas Magisches, es ist die Transformation ganzer Welten von einer Sprache in die andere, eine Erweiterung der Grenzen der eigenen Kultur. Es bedeutet, andere Menschen für das, was mich selbst fasziniert, zu begeistern.

Bei mir begann alles damit, dass ich meine Entdeckungen mit Freunden teilen wollte. Ich hatte einen Freund, mit dem mich die Leidenschaft fürs Lesen verband. Wir trafen uns in der fast leeren Wohnung seiner verstorbenen Großmutter, in die er gern vor der Welt floh und wo er feierte, in einem heruntergekommenen Haus in Ochota, unweit des Hauses, in dem Białoszewski wohnte, und wir streiften bei einem Glas Wein durch die Weltliteratur. Das war zu Beginn meines Studiums, ich hatte Kafkas Ein Landarzt entdeckt und war sicher, dass das Geschichten für meinen Freund wären. Ich übersetzte sie ihm also in dieser Kulisse aus dem Stehgreif und sicher unbeholfen. Für uns war das ein faszinierendes Abenteuer. Ich bin sicher, dass die Begeisterung die Schwächen der Übersetzung wettmachte.

An der Warschauer Germanistik, für die ich mich recht zufällig entschied, hatte ich das Glück, Karol Sauerland, Bożena Chołuj, Andrzej Kopacki und Anna Wołkowicz zu begegnen, sie waren für mich das Licht am Ende des dunklen Tunnels eines sehr „verschulten“ Studiums: Sie ließen uns an dem teilhaben, was sie in der Literatur und Philosophie faszinierte, beschränkten sich nicht auf das eigentliche Terrain der Germanistik, sondern zeigten uns die deutsche Literatur in ihrem Dialog mit anderen Literaturen. Sie debattierten über die politische Kraft der Literatur und stellten Überlegungen zur Kunst der Übersetzung an. Sie ermutigten uns zum Lesen und zu eigenen Gedanken.

Das fand dann eine Fortsetzung an der Schule für Sozialwissenschaften der Polnischen Akademie der Wissenschaften, unter anderem in den Lehrveranstaltungen von Jolanta Brach Czaina und Maria Janion, die es auf geniale Weise verstanden, die Fremdsprachenkenntnisse ihrer Doktoranden dafür zu nutzen, um noch nicht ins Polnische übersetzte Publikationen in die Diskussion einzubeziehen. Referenten übersetzten in ihren Seminaren gleichzeitig auch die besprochenen Texte. Dort lernte ich dann wieder Polnisch zu schreiben, nachdem diese Kompetenz im Germanistikstudium komplett vernachlässigt worden war. Es ist kein Zufall, dass meine ersten Übersetzungen für eigene Texte entstanden.

Welche Rolle kommt dem Übersetzer als Vermittler zwischen den Kulturen zu?

Ich denke, meine erste Antwort bezieht sich teilweise auch auf diese Frage. Übersetzer bewegen sich oft in einem Raum, in dem sich beide Sprachen – von denen jede, wie Herta Müller schreibt, „andere Augen“ hat – nie begegnen. Es ist die Aufgabe der Übersetzer, Worte zu finden, die Texten in der anderen Kultur Leben verleihen. Zur Rolle des Vermittlers oder der Vermittlerin gehört es auch, für Autoren, die uns so wichtig sind, dass wir sie den Lesern im eigenen Land näherbringen möchten, Verlage zu finden, über sie zu schreiben, von ihnen zu erzählen, sie in den Dialog der eigenen Kultur einzubringen und beizutragen, dass ihre Texte in dieser Kultur präsent sind und zu sprechen beginnen. Das versuchte ich jahrelang mit Hanna Arendts Rahel Varnhagen. Ich hatte in einer Lehrveranstaltung von Brach Czaina in den Neunzigerjahren begonnen darüber zu schreiben, übersetzte dann Teile davon für den Midrasz und veröffentlichte eine Besprechung des Buches im Przegląd Polityczny. Dieses Buch begleitete mich also über Jahre. Erst vor einem Jahr gelang es mir, einen Verlag zu finden, und es wird dank Pogranicze bald zusammen mit meinem Nachwort erscheinen, in dem ich versuche, das Schicksal des Buchs und die Rezeption von Rahel selbst darzustellen. Ob es seinen Platz in Polen bekommen wird, wie weit es dem polnischen Leser nicht nur Rahel, sondern auch eine außergewöhnliche Zeit im kulturellen Leben Deutschlands näherbringen kann, wird sich in Kürze zeigen, ich bin jedenfalls glücklich, dass ich meinen Traum verwirklichen konnte. Ein anderes Beispiel ist der Band von Aglaja Veteranyi Kto znajduje, źle szukał, den ich für den Verlag Czarne fertigstellte. Er setzt sich aus Texten von ihr zusammen, die nie veröffentlicht wurden oder in diversen Zeitschriften erschienen. Es sind Texte über sie selbst oder Texte, die im Dialog mit ihr entstanden. Dieses Buch gibt es ausschließlich auf Polnisch und es entstand aus meiner Faszination für die Verbindung von Theater und Literatur im Werk und im Leben der Autorin. Soviel ich weiß, hat dieser Band einige Schauspielerinnen und Regisseurinnen für Veteranyjs Werk begeistern können und zu meiner großen Freude dazu geführt, dass sie auch andere Bücher von ihr im Theater verwendeten.

Sie leiten ein ungewöhnliches Reisebüro, das auch literarische Reisen anbietet. Ist diese Tätigkeit in irgendeiner Weise mit Ihrer Tätigkeit als Übersetzerin verbunden?

Ich denke, sogar sehr. Kulturvermittlung findet auf unterschiedliche Weise statt, das Übersetzen ist nur ein Element von vielen, wenn auch ein sehr wichtiges. Da mir die Rolle der Vermittlerin großen Spaß macht, versuche ich in diesem Sinn auf verschiedenen Gebieten aktiv zu sein. Vor einigen Jahren zum Beispiel hielt ich meine Eindrücke von Wien oder Zürich fest, das war ein Versuch, diesen Städten, als ich in ihnen lebte, näherzukommen und meine Eindrücke mit Lesern in Polen zu teilen. Als ich Deutsch unterrichtete, ermunterte ich meine Studenten leidenschaftlich dazu, deutschsprachige Literatur zu lesen, deutsche Filme anzusehen und Musik zu hören. Meine Tätigkeit für Wisent Reisen ist nichts anderes. Auch hier versuche ich, deutschsprachigen Touristen „mein“ Polen und „meine“ Ukraine und was mich in diesen Ländern fasziniert und irritiert zu zeigen: zum Beispiel auf literarischen Spaziergängen durch die Welt Galiziens, entlang der einst von vielen Kulturen geprägten Ostgrenze Polens, in Begegnungen mit Menschen und mit interessanten Kulturprojekten sowie durch die Geschichten, die in der Landschaft zu lesen sind.

Hatte die Verleihung des Nobelpreises an Herta Müller Einfluss auf Ihre Arbeit?

Er war für mich vor allem eine riesengroße Freude, da ich schon vorher viele Bücher von Herta Müller übersetzt hatte, sie war „meine“ Autorin, die ich auch privat kannte. Deshalb freute ich mich über ihren Erfolg. Es war aber auch eine einmalige Erfahrung für mich, denn als das Komitee seine Entscheidung bekanntgab, läutete das Telefon den ganzen Tag lang, den letzten Anruf nahm ich kurz vor Mitternacht entgegen. Die Journalisten stellten die merkwürdigsten Fragen, ich kann also sagen, dass ich den Nobelpreis am eigenen Leib erlebt habe. Drittens machte ich auch die Erfahrung einer außergewöhnlichen Gemeinschaft. Wenn ich als Leserin in einen Text eintauche, wenn er mich plötzlich über die Grenzen des Sagbaren führt, wenn mich mit der Autorin/dem Autor das Verstehen verbindet, entsteht ein Wir-Gefühl, das die Voraussetzung für das leidenschaftliche Übersetzen ist.

Ein ähnliches Wir-Gefühl stellt sich ein, wenn man mit Freunden über den übersetzten Text diskutiert oder auch während der Übersetzungsarbeit mit der Lektorin oder dem Lektor. Der Atemschaukel verdanke ich noch ein anderes wunderbares und einmaliges „Wir“: Nach dem Nobelpreis von Herta Müller haben einige Übersetzer in verschiedenen Ländern zur gleichen Zeit an diesem Buch gearbeitet und ein Netz gebildet. Einige Monate lang lebten wir in einem sehr intensiven Gespräch – miteinander und mit Herta Müller: wir haben uns gegenseitig inspiriert und manchmal beneidet – um Möglichkeiten und Lösungen in der jeweiligen Sprache, die in der eigenen fehlen ... Es war unbeschreiblich: man schickte mitten in der Nacht ein E-Mail los mit einer Frage, die einen quälte, und oft kam wenige Minuten später eine Antwort aus Ungarn, Italien oder Frankreich.

Bei welchem deutschen Text, den Sie übersetzt haben, war für Sie die kulturelle Distanz am deutlichsten spürbar?

Im europäischen Raum würde ich nicht von einer kulturellen Distanz sprechen. Es gibt unterschiedliche Nuancen, abweichende Interpretationen bestimmter Begriffe oder Phänomene, andere Erfahrungen, Gewohnheiten und Emotionalitäten, aber alle gehören irgendwie zu „unserer“ Kultur. Eine größere Herausforderung sehe ich darin, in die Welt des jeweiligen Autors einzutauchen und sich den von ihm geschaffenen Kosmos zu Eigen zu machen. Eine kulturelle Distanz spüre ich im ersten Moment, wenn ich ältere Texte übersetze, wenn ich erst ein Gefühl für die Epoche entwickeln muss, um zu begreifen, wie Ausdrücke, Vorstellungen, Alltäglichkeiten, der Sprachgebrauch funktionieren. Aber auch hier verschwindet die Distanz, je länger man sich mit dem Text beschäftigt; wenn mich der Text anspricht.

Welche sprachlichen Schwierigkeiten haben Sie beim Übersetzen schon einmal an den Rand der Verzweiflung gebracht?

Das kommt recht häufig vor und ist, glaube ich, ein fester Bestandteil übersetzerischer Arbeit. Nur bringen mich diese Schwierigkeiten weniger oft an den Rand der Verzweiflung, als dass sie mich aus der Einsamkeit herausreißen und hin zu einem Austausch führen: mit befreundeten Übersetzern, mit meinem Partner, mit der Autorin, mit mir selbst, wenn ich den Text laut lese und seine Melodie suche.

Wonach entscheiden Sie, was Sie übersetzen?

Nach dem, was mich fasziniert, sei es sprachlich, oder ganz einfach an einem Text begeistert, man möchte ihn dann jemandem vorlesen, mit jemandem teilen, in meinem Fall ist das oft mein Partner, dem ich halbe Nächte lang Texte vorlese, die mich faszinieren, dabei vergewissere ich mich immer wieder, dass er noch nicht eingeschlafen ist. Mit ihm teile ich auch polnische Neuerscheinungen und übersetze ihm aus dem Stehgreif Fragmente. So wartet er dann schon ungeduldig auf deren deutsche Übersetzungen. Ganz ähnlich funktioniert es auch umgekehrt: Darüber, was ich aus der deutschen Literatur übersetzen will, entscheidet meine Lust, andere für einen Text zu begeistern. Häufig wähle ich Bücher, die mich verstören, die etwas Wesentliches ausdrücken, die provozieren, die im Sinne Hannah Arendts politisches Potential haben. Meist sind das Texte, die in diesem Moment meines Lebens auch für mich selbst bedeutend sind.

Welche Rolle spielt für Ihre Arbeit das Gespräch mit dem Autor?

Ich hatte viele Gespräche mit Herta Müller und Mariella Mehr über ihre Bücher, die mir beim Übersetzen sehr halfen, wir hatten aber auch ganz private Gespräche, an die ich mich gerne erinnere. Wenn uns mit dem Autor von Texten, die uns gefallen, das Gefühl der Sympathie verbindet, ist das ein sehr interessantes und bereicherndes Erlebnis, das mittelbar auch etwas vom Geheimnis seines Schreibens verrät. Für die Arbeit an der Übersetzung ist es jedoch nicht entscheidend, sie findet eher im Gespräch mit dem Text statt. Der Autor kann dabei aus einigen Sackgassen und Missverständnissen heraushelfen, aber er kann uns nicht mit unserer eigenen Sprache helfen. Gewiss würde die Zusammenarbeit mit einem Autor, der Polnisch kann, anders aussehen, aber diese Erfahrung fehlt mir.

Gibt es ein deutsches Buch, das Sie besonders gern übersetzen würden?

Ja, das gibt es, und ich habe es soeben übersetzt: das schon erwähnte Buch von Hannah Arendt über Rahel Varnhagen. Mit diesem begann meine Leidenschaft für das Schreiben und in gewissem Sinne auch für das Übersetzen. Aber ich entdecke laufend Bücher, die ich übersetzen möchte, und hoffe, das wird auch so bleiben.

Betrachten Sie Ihre Übersetzungsarbeit als Kunst und Ihre Übersetzungen als eigenständige Kunstwerke?

Die Übersetzung ist eine interpretierende Kunst, oft ein mühsames Herumtüfteln, ständiges Dazulernen und häufig detektivische Kleinarbeit. Diese unablässige Konfrontation mit dem eigenen Nichtwissen hält den Geist jung. Ein Übersetzerkollege von mir sagte einmal, dass man, wie man von Rubinsteins Chopin spreche, von – um eine ältere Übersetzung zu nennen – von Kafka in der Interpretation von Schulz sprechen müsste. Da ist wohl etwas dran. Obwohl solche Zuschreibungen für mich keine Rolle spielen. Wichtig ist, dass ich Freude an meiner Arbeit habe, dass ich dabei dazulerne und dass sie mich inspiriert. Solange das gegeben ist, möchte ich übersetzen.

Können Sie vom Übersetzen leben?

Nein, ich lebe ja teilweise in Zürich, wo man mit polnischen Honoraren, die nicht einmal in Polen zum Leben reichen, nicht weit kommt. Aber ich bin nicht sicher, ob ich ausschließlich übersetzen wollte. Bisweilen muss man die einsame Arbeit am Schreibtisch verlassen und etwas anderes tun. Nicht selten endet das dann wieder mit dem nächsten übersetzerischen Projekt.

Wichtigste Übersetzungen:

  • Herta Müller: Huśtawka oddechu, Wydawnictwo Czarne 2010 [Originaltitel: Atemschaukel]
  • Herta Müller: Król kłania się i zabija, Wydawnictwo Czarne 2005 [Originaltitel: Der König verneigt sich und tötet]
  • Aglaja Veteranyi: Kto znajduje źle szukał. In Übersetzung, Bearbeitung und mit Vorwort von Katarzyna Leszczynska, Wydawnictwo Czarne 2009 [Originaltitel: Sammlung verschiedener unbekannter Texte von Aglaja Veteranyi]
  • Mariella Mehr: Oskarżona(mit einem Nachwort der Übersetzerin), Wydawnictwo Czarne 2011 [Originaltitel: Angeklagt]
  • In Vorbereitung: Hannah Arendt, Rahel Varnhagen(mit einem Nachwort der Übersetzerin) Pogranicze