Übersetzer im Gespräch Karolina Niedenthal

Karolina Niedenthal
Karolina Niedenthal | © Chris Niedenthal

„Es interessiert mich sehr, was für Menschen die von mir übersetzten Autoren sind, ich lese Interviews mit ihnen, verfolge ihre offiziellen Aussagen. Ich bemühe mich immer, so weit das möglich ist, einen direkten Kontakt mit dem Autor des Buches herzustellen, das ich gerade übersetze.“

Wie wurden Sie Übersetzerin?

Bereits in der Mittelschule faszinierten mich dieser Beruf und der schöpferische Prozess, in dem der Übersetzer mit einem geheimen, nur ihm bekannten Schlüssel für den Leser eine andere Welt öffnet. Ich erinnere mich, dass ich, als ich die Aufnahmeprüfung für Germanistik ablegte, meine Begeisterung für diesen Beruf den Vertretern der Kommission mitteilte. Es musste allerdings einige Zeit verstreichen, ehe ich es selber wagte, den Wunsch in die Tat umzusetzen. Während des Studiums übersetzte ich oft „für die Schublade”. Es fehlte mir das Vertrauen in meine eigenen Fähigkeiten. Erst ein paar Jahre nach dem Studium klopfte ich an die Tür der Redaktion für deutschsprachige Literatur des Panstwowy Instytut Wydawniczy. Nachdem ich den ersten Roman übersetzt hatte, vertraute man mir weitere Titel an. Wie die meisten Kollegen meiner Generation bin ich auf diesem Gebiet ein Autodidakt, ich kann mich an keine einzige Lehrveranstaltungen während des Studiums erinnern, die sich mit literarischer Übersetzung beschäftigt hätten. Manchmal beneide ich jüngere Kollegen um ihre Vorbereitung für den Beruf. Ich glaube, eine theoretische Grundlage hätte mir am Beginn meiner Tätigkeit recht gut getan. Andererseits bin ich sicher, dass die Theorie allein nicht ausreicht, denn als Übersetzer muss man, so wie als Autor, geboren werden. Ich bin der Ansicht, dass man neben einer guten Kenntnis beider Sprachen noch andere Voraussetzungen mitbringen muss – Sprachgefühl, Geduld, Genauigkeit, eine entsprechende Empfindsamkeit und dann noch das, was manche Talent nennen ...

Welche Rolle spielt der Übersetzer als Vermittler zwischen den Kulturen?

Eine sehr wichtige. Eine andere Kultur mit Hilfe ihrer Literatur zu verstehen, ist wohl der beste Weg. In der Zeit des Eisernen Vorhangs waren es gerade Übersetzer aus dem Westen, die mit großer Konsequenz die Literaturen Osteuropas propagierten und regelrechte Brücken zwischen diesen beiden Welten schlugen. Gar nicht hoch genug ist in diesem Zusammenhang die Arbeit der Übersetzer des Deutschen Polen Instituts mit dem unermüdlichen Karl Dedecius an der Spitze einzuschätzen. So eine Arbeit braucht es nach wie vor, immer noch muss der Übersetzer als Vermittler helfen, den Weg zu einer anderen Kultur zu finden. Mit seiner Übersetzung kann er bewirken, dass der Leser in ein Thema eindringt und sich ernsthaft für eine fremde Kultur interessiert. Wenn es um weniger bekannte Fakten oder schwierigere Themen geht, können gut und sachlich redigierte Einführungen, Nachworte oder Anmerkungen sehr hilfreich sein. Auch diese Aufgabe übernimmt in vielen Fällen der Übersetzer.

In welchem der von Ihnen übersetzten Texte haben Sie am deutlichsten eine kulturelle Distanz verspürt?

Heutzutage erscheint es schwer vorstellbar, dass zwei europäische Länder eine besondere kulturelle Distanz trennte. Ich habe jedenfalls nie wirklich so eine Distanz gespürt, weder auf sprachlicher Ebene, noch was die Sitten angeht. Manchmal verblüfft einen etwas, aber wenn man es dann tiefer analysiert, findet man verschiedene Analogien und kann getrost weiter übersetzen. Vielleicht deshalb, weil sich die polnische, die deutsche und die österreichische Kultur meines Erachtens nicht grundlegend voneinander unterscheiden. Damit hatte ich jedenfalls nie große Probleme, jedenfalls nicht während der Arbeit an einer Übersetzung. In dieser Hinsicht kann ich nur mit positiven Erfahrungen aufwarten.

Was ist für Sie wichtig, wenn Sie einen Text zur Übersetzung auswählen?

Das Buch muss mir einfach gefallen. Es muss etwas Interessantes enthalten, sowohl was den Inhalt als auch die Form angeht. Es muss gut geschrieben sein. Manchmal lasse ich mich auch von der Meinung anderer leiten, lese Rezensionen, führe Gespräche ...

Welche Rolle spielt für Ihre Arbeit ein Gespräch mit dem Autor?

Es interessiert mich sehr, was für Menschen die von mir übersetzten Autoren sind, ich lese Interviews mit ihnen, verfolge ihre offiziellen Aussagen. Ich bemühe mich immer, so weit das möglich ist, einen direkten Kontakt mit dem Autor des Buches herzustellen, das ich gerade übersetze. Wenn ich dann am Text arbeite, kann ich mich mit verschiedenen Problemen an ihn wenden. Meine bisherigen Autoren waren mir immer sehr freundlich gesinnt und stets bereit, zu helfen. Ich muss allerdings gestehen, dass ich nur dann wage, ihnen die Zeit zu rauben, wenn ich wirklich nicht mehr weiter weiß.

Ist es Ihnen bei der Arbeit an einer Übersetzung schon passiert, dass irgendwelche sprachlichen Schwierigkeiten Sie an den Rand der Verzweiflung brachten?

An so eine Situation kann ich mich nicht erinnern. Vielleicht, weil ich schwierige Herausforderungen liebe. Manchmal muss man sich ja wirklich ordentlich anstrengen, wenn man auf Worte oder Begriffe stößt, die schier unübersetzbar erscheinen, aber das bedeutet nicht, dass man sie nicht doch übersetzen kann. Wenn ich wirklich nicht mehr weiter weiß, kann ich zum Glück zum Telefon greifen oder schreiben und einen deutschsprachigen Kollegen um Hilfe bitten.

Gibt es ein deutschsprachiges Buch, das Sie besonders gern übersetzen würden?

Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich nur gute Vorschläge bekomme, und die Verlage, an die ich mich mit konkreten Titeln wende, sind mit mir in der Regel einer Meinung. Manche Autoren würde ich gern weiter übersetzen. Eine solche Kontinuität erscheint mir sehr wichtig. In Zukunft möchte ich mich auch der Poesie zuwenden, zum Beispiel der Übersetzungen von Gedichten Georg Trakls. In Polen hat man sich verhältnismäßig spät für ihn zu interessieren begonnen. Vielleicht gibt es also noch etwas zu übersetzen ...

Betrachten Sie Ihre Tätigkeit als künstlerische Tätigkeit, und Ihre Übersetzungen als eigene künstlerische Werke?

Das ist eine schwierige Frage. Ich würde gern meine Übersetzungen so sehen können. Meines Erachtens muss ein Übersetzer ein guter Handwerker, aber auch ein Künstler sein. Ganz sicher braucht es für die Ausübung dieses Berufes neben einer guten Beherrschung des Handwerks so etwas wie einen „göttlichen Funken”. Ich glaube aber nicht, dass man eine literarische Übersetzung als eigenständiges Kunstwerk betrachten kann. Sie stellt ja für sich kein autonomes Werk dar. Ein Text im Original kann ohne Übersetzung funktionieren, die Übersetzung hingegen wird ihm gegenüber immer sekundär bleiben. Aber ganz sicher verdient unsere Arbeit mehr Aufmerksamkeit. Es schmerzt mich, dass unsere Mühe nicht immer die nötige Beachtung findet.

Können Sie vom Übersetzen leben?

Ganz sicher nicht. Die Arbeit des Übersetzers wird nicht genügend geschätzt und elend bezahlt. Das empfinde ich als sehr ungerecht.

Wichtigste Übersetzungen:

Gert Hoffmann: Na wieży, PIW, 1987 [Originaltitel: Auf dem Turm; Luchterhand Verlag 1982].
Marielouise Janssen-Jurreit: Zbrodnia miłości w środku Europy, Warszawa: PIW, 2007 [Originaltitel: Das Verbrechen der Liebe in der Mitte Europas; Rowohlt Verlag 2000].
Martin Pollack: Cesarz Ameryki, CZARNE, 2011 [Originaltitel: Kaiser von Amerika; Paul Zsolnay Verlag 2010].
Bernhard Schlink: Lektor, MUZA SA, 2009 [Originaltitel: Der Vorleser; Diogenes Verlag 1997].
Arno Geiger, U nas wszystko dobrze, MUZA, 2009 [Originaltitel: Es geht uns gut; Carl Hanser Verlag 2005].