Übersetzer im Gespräch Benjamin Voelkel

„Literarische Texte sind Texte, in denen künstlerische Verfahren zum Einsatz kommen. Darin unterscheiden sich das Original und die gelungene Übersetzung nicht voneinander, selbst wenn an einzelnen Textstellen oder sogar ganz systematisch Unterschiede zwischen ihnen bestehen können. (...) Ob ich nun jedoch eine konkrete Übersetzung als „Kunstwerk“ bezeichnen würde, hängt ganz davon ab, was für ästhetische Merkmale der Text aufweist.“

Benjamin Voelkel Benjamin Voelkel | Foto: privat Wie sind Sie zum Übersetzen gekommen?

Die Frage, wie ich zum Übersetzen gekommen bin, erinnert mich an eine andere Frage, die ich immer wieder von Deutschen – aber genauso oft von Polen! – gestellt bekomme: Warum denn gerade Polen?! Mein Interesse, ja meine Leidenschaft für das Nachbarland wurde 1999 geweckt, als ich nach dem Abitur einen Zivil-Ersatzdienst in Polen geleistet habe – in der kleinen Industriestadt Dąbrowa Górnicza in der Nähe von Katowice. Seit dieser Zeit hat mich das Land einfach nicht mehr losgelassen. Polnische Freunde beidseits der Grenze und der Kontakt mit der polnischen Kultur sind zu einem wichtigen Teil meines Lebens geworden.
Nach der Rückkehr in meine Heimatstadt Berlin habe ich Polonistik und Russistik studiert und mich dabei vor allem mit Literaturwissenschaft beschäftigt. So kam eins zum andern. Mein Interesse an Literatur und mein Spaß an der Sprache sind sicher die wichtigsten Gründe. Entscheidend waren außerdem zwei andere Erfahrungen: Erstens meine langjährige Tätigkeit als freiberuflicher Lektor für den Suhrkamp Verlag, bei der ich nicht nur erfahren habe, wie Bücher gemacht werden, sondern auch viel aus der Zusammenarbeit mit hervorragenden Übersetzern lernen konnte. Und zweitens die theoretische Auseinandersetzung mit der Übersetzung als eigenständiger literarischer Gattung, die mehr und mehr auch an Universitäten in Deutschland wahrgenommen und erforscht wird und mit der ich mich in meiner Magisterarbeit Poetik und Strategie der Übersetzung von Bruno Schulz’ Die Zimtläden beschäftigt habe.
Es lag also nahe, auch selbst einmal etwas zu übersetzen. Die erste Möglichkeit dafür bot sich 2008 mit dem Erzählband Auftrieb von Katarzyna Sowula, den ich zusammen mit drei Kommilitoninnen übersetzt habe. Unter anderem diese Erfahrung hat mich dazu bewogen, das Übersetzen zum zweiten Standbein meiner beruflichen Tätigkeit zu machen.

Welche Rolle kommt dem Übersetzer als Vermittler zwischen den Kulturen zu?

Die Rolle des Übersetzers von fremdsprachiger Literatur, die meiner Meinung nach einen wichtigen Teil nationaler Kulturen ausmacht, ist immens. Man muss nur einmal versuchen, sich vorzustellen, wie es wäre, wenn wir nur deutschsprachige Autoren lesen könnten – und diejenigen, deren Sprache wir ausreichend beherrschen. Ohne Übersetzer gäbe es keine Weltliteratur und unsere Kenntnis von anderen Kulturen und Ländern wäre erschreckend gering. Aber das ist eher eine theoretische Überlegung, denn schließlich sind wir es gewöhnt, alle möglichen Informationen sofort zur Hand zu haben, ohne dabei notwendigerweise zu bemerken, wann wir es mit Übersetzungen zu tun haben. Scheinbar stehen andere Aspekte im Vordergrund: in den Verlagen sind es schließlich nicht die Übersetzer, die entscheiden, welche Autoren publiziert werden. Doch können sie darauf als Ideengeber und Gutachter entscheidenden Einfluss nehmen. Autoren und Bücher müssen erst einmal gefunden und ausgewählt werden, bevor sie übersetzt und verlegt werden können und damit möglicherweise dem Leser die Tür in ein anderes Land und eine andere Kultur öffnen. Sich an dieser Stelle auch als Übersetzer einzubringen, empfinde ich als eine sehr reizvolle Möglichkeit und wichtige Aufgabe.

Bei welchem polnischen Text, den Sie übersetzt haben, war für Sie die kulturelle Distanz am deutlichsten spürbar?

Wenn ich von meiner eigenen Wahrnehmung ausgehe, verläuft kulturelle Distanz heute nicht zwingend entlang nationaler oder ethnischer Grenzen, sondern ebenso entlang sozialer und religiöser Gruppen oder regionaler Besonderheiten. Das hat wohl damit zu tun, dass man die Grenze immer dort wahrnimmt, wo man es mit etwas Neuem und Unbekanntem zu tun hat.
Bei der Übersetzung des Romans Die Pension von Piotr Paziński, der in Deutschland bislang erst in Auszügen publiziert ist, stellte das eine Herausforderung dar. Der Roman spielt in einem jüdisch-polnischen Milieu und weist viele Hebraismen und Bibelzitate, teils auch bloß versteckte Anspielungen auf, wobei mir der Autor von Anfang an zu verstehen gab, dass es ihm bei dem einen wie anderen um die Stilisierung des osteuropäischen Judentums gehe. Für die Übersetzung bedeutete das unter anderem, für Hebraismen die aschkenasische Schreibweise zu verwenden, die aus Sicht der modernen hebräischen Sprache fremdartig anmutet, und bei den Bibelzitaten auf die Übersetzung von Martin Buber und Franz Rosenzweig zurückzugreifen, die eine ähnlich verfremdende, teils geradezu poetisierende Wirkung im Deutschen entfaltet. Doch das allein genügt noch nicht, um auch der Figurensprache eine entsprechende Färbung zu geben, für die vielleicht das Jiddische die besten Anregungen bereithält. Die Frage, welche sprachlichen Merkmale für eine nicht zu aufdringliche, aber doch deutlich wahrnehmbare Markierung der Figurensprache verwendet werden können, ist wohl die größte Herausforderung bei der Übersetzung des Romans. Und genau diese Schwierigkeit macht mir die kulturelle Distanz bewusst.
Eine ganz andere Erfahrung kultureller Distanz stellte die Übersetzung von Texten für die Ausstellung „Gone to Croatan“ der polnischen Kuratoren Daniel Muzyczuk und Robert Rumas dar. Ein Beitrag von Tomasz Kowalski und Agnieszka Polska thematisiert alte volkstümliche Traditionen und Brauchtümer, die heute selbst in Polen kaum mehr jemand kennt. Hier war die kulturelle Distanz in ganz handfesten Verständnisproblemen präsent, die sich nur mit ausführlichen Recherchen und Nachfragen bei den Kuratoren klären ließen.

Welche sprachlichen Schwierigkeiten haben Sie beim Übersetzen schon einmal an den Rand der Verzweiflung gebracht?

Das letzte Beispiel könnte so ein Fall sein, vor allem dann, wenn es nicht genügend Zeit für die Recherche gibt, weil die Übersetzung schnell vorliegen soll. Andererseits sind solche Herausforderungen gerade das, was am Übersetzen Spaß macht, wenn man genug Zeit hat, sich den Gegenstand zu erschließen und dann eine passende Form der Darstellung im Deutschen zu finden. Dort, wo es sich um hochspezifische Terminologie handelt wie in einem anderen Beitrag von Agnieszka Polska für die oben erwähnte Ausstellung, in dem in einem Atemzug die Bläuliche Sommerwurz, die Deckelschildlaus, die Gemeine Napfschildlaus, die Nass- oder Trockenfäule, der Rostpilz, die Kräuselkrankheit und der Mehltau erwähnt werden, um nach kurzem Luftholen zur nächsten derartigen Aufzählung anzusetzen, kann einem schon mal der Geduldsfaden reißen. Da hilft bei der Recherche nur noch viel Humor. Oder aber die beruhigende Einsicht, dass in einem künstlerischen Text die eindrucksvolle Klangfülle der botanischen bzw. biologischen Terminologie viel wichtiger ist als die spezielle Bedeutung jedes einzelnen der Begriffe. Das wäre in einem Sachtext natürlich gerade umgekehrt.
Was beim Übersetzen ebenfalls keinen Spaß macht, sind schlampig geschriebene Texte. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es viel unangenehmer ist, einen nachlässig verfassten und dadurch schwer verständlichen Text zu übersetzen als einen stilistisch ausgefeilten, dessen Struktur man zwar nicht immer übernehmen kann, die sich aber zumindest klar erkennen lässt.

Wonach entscheiden Sie, was Sie übersetzen?

Nach Möglichkeit sehe ich mir Texte, die mir zur Übersetzung angeboten werden, vorher in Ruhe an und entscheide dann, ob mir der Text gefällt oder ob ich ihn interessant finde. Wenn ich selbst einen Text zur Übersetzung vorschlage, dann ist neben meinem persönlichen Interesse das Potenzial ausschlaggebend, das ich ihm beimesse. Schließlich ist es für alle Beteiligten eine Enttäuschung, wenn ein Buch zum Ladenhüter wird.

Welche Rolle spielt für Ihre Arbeit das Gespräch mit dem Autor?

Meiner Meinung nach gibt es zwei gleichberechtigte Herangehensweisen: Die eine erklärt den Text zur höchsten Autorität und spricht damit dem Übersetzer die Kompetenz und Berechtigung zur Interpretation des Textes zu. Die andere stellt den Autor über den Text oder zieht ihn zumindest als Interpretationshilfe heran. Beide Vorgehensweisen haben meines Erachtens ihre Berechtigung und hängen vom Selbstverständnis des Übersetzers ab. Grundsätzlich würde ich mich wohl eher dem ersten Typ zuordnen, da ich der Meinung bin, dass ein guter Text immer deutlich genug für sich selbst spricht. Praktisch sieht es jedoch so aus, dass ich die Autoren gerne kontaktiere und Fragen stelle, wenn mir etwas unklar ist.
Der Kontakt mit dem Autor kann auch nach dem eigentlichen Übersetzungsvorgang noch eine Rolle spielen. Als Übersetzer ist man geradezu prädestiniert, den Autor auf Lesungen vorzustellen. Hierbei kommt einem der Kontakt und Austausch mit dem Autor zugute, und spätestens beim ersten Treffen kommt man mit dem Autor dann ganz real ins Gespräch. Eine besondere Freude und gewissermaßen nachträgliche Form des Gesprächs mit dem Autor ist es, dessen Zufriedenheit auf einer Lesung zu sehen – selbst wenn er gar kein Deutsch spricht –, seinen Text aber an den Reaktionen der Zuhörer wiedererkennt.

Gibt es ein polnisches Buch, das Sie besonders gern übersetzen würden?

Es gibt derzeit zwei Bücher, die ich besonders gern übersetzen würde. Das eine ist die oben genannte Pension von Piotr Paziński, ein poetischer Roman über das Älterwerden und die Suche der zweiten Nachkriegsgeneration in Polen nach den verschütteten jüdischen Wurzeln. Bisher habe ich mehrere Kapitel aus dem Buch übersetzt und werde die Arbeit mit Freude fortsetzen, sobald sich ein Verlag des Buches annimmt.
Das zweite Buch ist Teil einer besonderen polnischen Tradition, die in Deutschland noch viel stärker wahrgenommen werden sollte, als sie es derzeit wird: die der literarischen Reportage. Als Textgattung markiert sie einen Grenzbereich. Auf der einen Seite gehört sie als Reportage der nichtfiktionalen Literatur an, ist jedoch auf der anderen Seite durch so markante künstlerische Gestaltungsmittel gekennzeichnet, dass sie gleichsam auch als literarischer Text bestehen kann. In diese Tradition reihen sich Jacek Hugo-Baders anspruchsvolle Reportagen Biała gorączka (Delirium tremens) über Russland und andere Länder der ehemaligen Sowjetunion ein, die mich sehr beeindruckt haben. Ohne zu zögern würde ich dieses Buch sofort übersetzen.

Betrachten Sie Ihre Übersetzungsarbeit als Kunst und Ihre Übersetzungen als eigenständige Kunstwerke?

Literarische Texte sind Texte, in denen künstlerische Verfahren zum Einsatz kommen. Darin unterscheiden sich das Original und die gelungene Übersetzung nicht voneinander, selbst wenn an einzelnen Textstellen oder sogar ganz systematisch Unterschiede zwischen ihnen bestehen können. Jiří Levý bezeichnet die Übersetzung in seinem Buch Die literarische Übersetzung als eine „künstlerische Reproduktion“ und die Kunstgattung der Übersetzung als einen „Grenzfall an der Scheide zwischen reproduzierender und original schöpfender Kunst“. Darin würde ich ihm zustimmen. Der Übersetzer ist dem Original verpflichtet. Und trotzdem spielt beim Übersetzen neben einer hermeneutischen Aneignung des Textes immer auch eine ästhetische Interpretation eine Rolle, ohne die die Entstehung des Textes in der Zielsprache gar nicht möglich wäre. So gesehen liegt der Vergleich mit einem Kunsthandwerk, Musikern oder Schauspielern gar nicht so fern. Ob ich nun jedoch eine konkrete Übersetzung als „Kunstwerk“ bezeichnen würde, hängt ganz davon ab, was für ästhetische Merkmale der Text aufweist.

Können Sie vom Übersetzen leben?

Vom Übersetzen literarischer Texte allein kann ich nicht leben. Es sind die beiden anderen Standbeine – das Übersetzen von Sachtexten und das Lektorat –, die es mir ermöglichen, vom Übersetzen und Textarbeiten im weiteren Sinne zu leben. Das ist nicht immer besonders rosig, aber doch auch nicht so schrecklich, dass ich davon den Spaß an der Arbeit verlieren würde.

Auswahl an Übersetzungen:

  • Erzählungen aus dem Band Zero osiemset von Katarzyna Sowula, zum Teil gemeinsam übersetzt mit Irena Mitrega, publiziert unter dem Titel Auftrieb, Berlin 2008.
  • Auszug aus dem Roman Pensjonat (Die Pension) von Piotr Paziński, abgedruckt in Jahrbuch Polen 2011, Kultur, Bd. 22, herausgegeben vom Deutschen Polen-Institut Darmstadt, Wiesbaden 2011
  • Małgorzata Sikorska-Miszczuk: Burmistrz (Der Bürgermeister), deutsche Erstaufführung als szenische Lesung auf dem Theatertreffen in Berlin am 8. Mai 2011.
  • Daniel Muzyczuk, Robert Rumas: Gone to Croatan – Strategien des Verschwindens, Katalog der gleichnamigen Ausstellung des Hartware MedienKunstVereins im Dortmunder U, Juni–August 2011.
  • Dariusz Kosiński: Polnisches Theater, Geschichten, aus dem Polnischen von Uli Heiße, Andreas Volk und Benjamin Voelkel, erscheint im Verlag Theater der Zeit.