Übersetzer im Gespräch Ryszard Wojnakowski

„Schwierigkeiten sind etwas ganz Alltägliches, und ihre Überwindung, das Lösen von sprachlichen Problemen auf verschiedenen Ebenen, macht den Übersetzerberuf aus – besonders in einem so schlecht zueinander passenden Sprachenpaar wie Polnisch und Deutsch.“

Ryszard Wojnakowski Ryszard Wojnakowski | © Jan Zappner Wie sind Sie zum Übersetzen gekommen?

Ich bin Übersetzer geworden, weil ich während meines Philologiestudiums, und zwar recht früh, angefangen habe zu übersetzen – ich war der Meinung, mich in diesem schönen Beruf am besten verwirklichen zu können: sowohl als Philologe als auch, zumindest teilweise, als Literat, denn jeder lesende junge Mensch ist ja ein Schriftsteller in spe … Jeder will schreiben, ich aber wollte übersetzen. Konkret war es so, dass ich an einigen Wettbewerben für junge Übersetzer teilnahm, die von der Zeitschrift Literatura na Świecie und der Krakauer Sektion des Polnischen Schriftstellerverbandes organisiert wurden. Als mir auf diese Weise bestätigt wurde, ein gewisses Talent zu haben, bemühte ich mich darum, kleinere und größere Übersetzungen in Zeitschriften und Verlagen unterzubringen, was dazu führte … dass ich vor allem meine Schublade füllte. Man muss bedenken, dass die Jahre der sogenannten ersten Solidarność und des Kriegsrechts eine schwere Zeit für das literarische Leben darstellten: Es fehlte an allem, auch an Papier, das zudem eine politisch heikle Ware war. Ich erinnere mich noch daran, wie ich von Verlagen ablehnende Bescheide erhielt, obwohl mein jeweiliges Projekt ihnen gefallen hatte. In der zweiten Hälfte der 1970er Jahre waren iberoamerikanische Schriftsteller noch groß in Mode, für mehr gute Literatur reichten in Polen weder der Platz noch die Möglichkeiten. Wenn man die Klagen über die gegenwärtige Wirtschaftskrise und ihre Auswirkungen auf den Buchmarkt hört, fällt einem das nostalgische Bonmot ein, wonach früher alles besser und größer gewesen sei, sogar die Krisen.

Welche Rolle kommt dem Übersetzer als Vermittler zwischen den Kulturen zu?

Selbstverständlich zumindest eine Rolle im Hintergrund, wenn wir davon ausgehen, dass die klügeren und gebildeteren Köpfe schöpferisch tätig sind und wir es lediglich ermöglichen, dass ihre Ideen und Werte in einem anderen kulturellen Umfeld zur Kenntnis genommen werden können. Dies ist wohl kaum der rechte Ort für bittere Feststellungen, doch auch nachdem über Jahrtausende hinweg Kulturaustausch stattgefunden hat und neue kulturelle Werte immer wieder auf Grundlagen geschaffen wurden, die man von „fremden“ Vorfahren ererbt hatte, kommt es vielen Kulturkonsumenten immer noch so vor, als ob die Aufnahme fremdsprachiger Literatur sich mechanisch, geradezu maschinell und unterbewusst vollziehe, nicht durch Vermittlung schöpferisch tätiger Menschen.

Bei welchem deutschen Text, den Sie übersetzt haben, war für Sie die kulturelle Distanz am deutlichsten spürbar?

Ganz sicher bei einem der ersten Romane, den ich übersetzt habe. Dessen Autor war nicht nur Schriftsteller, sondern auch Übersetzer aus romanischen Sprachen, der Text gespickt mit gelehrtem Wissen, Zitaten und Kunststücken (Einschüben) in verschiedenen Sprachen. Ich meine Alexanders neue Welten von Fritz Rudolf Fries. Vielleicht hatte ich deswegen so große Schwierigkeiten, weil die Systemähnlichkeiten zwischen der DDR und der Volksrepublik Polen sich nur unvollkommen im literarischen und Lebensalltag niederschlugen. Ich wusste damals keinen anderen Ausweg als dieselbe Methode anzuwenden wie der Autor, d. h. den Leser bei der Hand zu nehmen und ihm die Realien und Anspielungen durch (wie mir heute scheint) unzählige Anmerkungen zu erklären. Seit dieser Zeit bin ich selbst um einiges klüger geworden, und auch der durchschnittliche polnische Leser dürfte ein erheblich größeres Wissen besitzen.
Eine große kulturelle Distanz ist vor allem dort zu bemerken, wo die Literatur das gegenseitige, deutsch-polnische Verhältnis berührt, für das sich eher unsere Schriftsteller interessieren. Für die Deutschen ist Polen „nur“ ein Nachbar, einer von vielen, für uns hat Deutschland eine viel größere Bedeutung. Doch es gilt auch, was A. Stasiuk einmal so formuliert hat: „Polen und Deutsche sind Brüder in ihrer mentalen Kompliziertheit, […] in ihrem Wust von Komplexen. Wenn es die Deutschen nicht gäbe, müssten wir ständig über die Russen nachdenken.“

Welche sprachlichen Schwierigkeiten haben Sie beim Übersetzen schon einmal an den Rand der Verzweiflung gebracht?

Schwierigkeiten sind etwas ganz Alltägliches, und ihre Überwindung, das Lösen von sprachlichen Problemen auf verschiedenen Ebenen, macht den Übersetzerberuf aus – besonders in einem so schlecht zueinander passenden Sprachenpaar wie Polnisch und Deutsch. Namentlich beim Übersetzen von Lyrik ist mir schon oft ein Seufzer entfahren, wie leicht und prägnant sich im Deutschen so manches mit Hilfe von Komposita ausdrücken lässt – eine Wortklasse, die es im Polnischen praktisch nicht gibt. Und da man Form und Inhalt stets miteinander verbinden muss, steht der Übersetzer häufig vor dem Dilemma, was er opfern soll. Diese Notwendigkeit von ständigen „Opfern“ und „Verlusten“ dämpft die Zufriedenheit mit gelungenen Lösungen. Gelegentlich habe ich Stellen, die mir Schwierigkeiten bereiteten, mit Übersetzungen ins Niederländische und Schwedische verglichen. Bei nahe verwandten Sprachen fehlt es zwar nicht an „falschen Freunden“, doch gleichzeitig musste ich voller Neid feststellen, dass der eine oder andere Kollege bei der Arbeit nicht einmal ins Schwitzen gekommen ist …
Bei einer besonders starken Häufung von Wortspielen oder „schweren“, „deutschen“ grammatischen Konstruktionen, für die das Polnische zu eng ist, müsste man natürlich auf eine Übersetzung verzichten – doch damit kann ich mich nur schwer abfinden. Einmal hatte ich einige Songtexte der Gruppe „Fön“ für einen Auftritt in Polen zu übersetzen, die für das Publikum auf eine Tafel projiziert werden sollten. Ich schlug dem Bandleader, der zugleich die meisten Texte geschrieben hatte, vor, das Stück „Das A und O“ durch ein anderes zu ersetzen, denn in diesem kam nur ein einziger Vokal vor, nämlich „a“, so dass es praktisch unübersetzbar war. Eigentlich war es nicht weiter verwunderlich, dass „Fön“ nicht nachgab und darauf bestand, dass der Text – in irgendeiner Form – zu sehen sein sollte, aber auch ich gab nicht auf und brachte ein ganz und gar literarisches Äquivalent zustande – „Od A do A (rajska ballada)“ –, das alle formalen Bedingungen dieses Spiels erfüllte. Ich selbst hatte auch meinen Spaß dabei, der allerdings doppelt so lange dauerte wie geplant …
Es macht mir Freude, neuen Herausforderungen gegenüberzustehen, einen fremden Stoff zu etwas Vertrautem, ja Eigenem zu machen und dabei die Grenzen der polnischen Sprache zu erweitern – denn dazu können auch Übersetzer sehr wohl beitragen, selbst wenn das Polnische im Vergleich zum Deutschen als undankbar und wenig flexibel gilt, was die Wortbildung betrifft. Das Problem ist nur, dass man sich nicht nur mit so etwas beschäftigen kann.

Wonach entscheiden Sie, was Sie übersetzen?

Ich fürchte, da bin ich wenig originell … Wenn ich von einem der Verlage, mit denen ich zusammenarbeite, ein Angebot bekomme, nehme ich den Kalender zur Hand. Aufträge machen über die Hälfte meiner Arbeit aus, und zwar insofern die leichtere Hälfte, als das Projekt schon feststeht, die Finanzierung gesichert ist und nur noch übrig bleibt, ein – hoffentlich gutes – Buch zu übersetzen. Wenn ich ein eigenes Projekt durchbringen will, ist der Weg von der Idee zum Produkt um vieles schwieriger. Am einfachsten ist es noch, an die Texte zu kommen (deutsche Verlage sind froh über solche Verbündeten), schwieriger schon, einen deutschen Titel zu finden, der – meiner Ansicht nach – einen Verleger zu interessieren vermag, am schwierigsten aber, einen Verleger zu überzeugen, das Buch zu publizieren. Hierbei sind Marktgesichtspunkte entscheidend, von anspruchsvolleren Projekten will kaum jemand etwas hören. Recht viel an guter deutscher Literatur, einiges von mir selbst übersetzt, konnte in der Serie Kroki/Schritte erscheinen. Ansonsten bemühe ich mich um einen gesunden Kompromiss: Wenn ich schon populäre Literatur übersetze, dann wenigstens hochwertige. Interessanterweise konnte ich einige Bücher neu übersetzen, u. a. von Remarque. Und es gibt noch viele dilettantische oder ganz einfach schlechte Übersetzungen, u. a. dieses Autors, die sich auf den Bibliotheksregalen breitmachen. Arbeit gibt es mehr als genug. Mit Ausnahme einzelner Gedichte übersetze ich seit langem nichts mehr für die Schublade.
Auf einem ganz anderen Blatt steht meine Tätigkeit als Herausgeber: Seit elf Jahren gebe ich – mittlerweile im dritten Verlag – eine Serie mit österreichischer Gegenwartslyrik heraus, und obwohl ich Unterstützer habe, d. h. einen Verlag, der bereit ist, etwa einen Band pro Jahr zu publizieren, muss ich das Mädchen für alles spielen. Aber mir ist klar, dass es eben nicht anders geht: entweder so oder gar nicht …

Welche Rolle spielt für Ihre Arbeit das Gespräch mit dem Autor?

Der Kontakt mit dem Autor ist manchmal eine Notwendigkeit, oft eine schöne Bereicherung der Arbeit, meist aber eine Ehre und Freude. Doch es kommen auch unangenehme Situationen vor: Wenn das Debüt eines Autors in Polen nicht geglückt ist, ich daher keine guten Nachrichten für ihn habe, aber spüre, dass er gerade von mir weiteren Einsatz für seine Bücher erwartet, dann erhalte ich den Kontakt nicht aufrecht. Es ist für mich sehr schmeichelhaft, dass ich manchmal mit herausragenden Schriftstellern zu tun habe (ich habe Nobelpreisträger übersetzt, wenn auch nicht persönlich kennengelernt), mit denen mich infolge ihres Berufs eine geistige Verwandtschaft und eine gemeinsame Sprache verbindet. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass deutsche Autoren ihre ausländischen Übersetzer schätzen, denn nach dem Autor ist der Übersetzer, nicht der Lektor, am besten in die Nuancen eines Buches eingeweiht und sieht seine Stärken und Schwächen.

Gibt es ein deutsches Buch, das Sie besonders gern übersetzen würden?

Von solchen Büchern gibt es bereits eine ganze Menge, und es werden immer neue geschrieben. Ich finde es ausgesprochen bedauerlich, dass polnische Verlage – von wenigen Ausnahmen abgesehen – nicht mehr auf klassische Werke der deutschen Literatur zurückkommen. Die Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts hat vielleicht manchmal einen etwas unangenehmen didaktischen Beigeschmack, aber ich würde gerne einmal wieder ein großes Projekt verfolgen, wie seinerzeit Münchhausen (1839) von K. L. Immermann. Ich bin etwas stolz darauf, dass auf meine Initiative hin Neuübersetzungen von Remarque erschienen sind: Als ich diesen Autor in der ersten Hälfte der 1990er Jahre zu übersetzen begann, ging es mir darum, einmal meine Übersetzung von Im Westen nichts Neues zu publizieren – und das ist mir 2010 auch gelungen. Gewöhnlich aber sind es immer wieder andere Autoren (bitte keine Namen!), die mich durch irgendetwas begeistern, woraufhin ihr erstes Buch in Polen ein spektakulärer Misserfolg wird – und ich meine Suche von neuem beginne …

Betrachten Sie Ihre Übersetzungsarbeit als Kunst und Ihre Übersetzungen als eigenständige Kunstwerke?

Was Belletristik betrifft, sollte meine Antwort auf diese Frage zweimal „ja“ lauten. Allerdings habe ich mich nie als hundertprozentigen Literaten verstanden. Auch wenn meine Arbeit darin besteht, Inhalte und Werte zu vermitteln, und ich das höhere Ziel dieser Vermittlung verstehe, und obwohl ich normalerweise eine kritische Auswahl dessen treffe, was den polnischen Leser erreichen soll, so stammt doch der Gedanke, die Idee von jemand anderem. Ich verleihe ihr künstlerische Gestalt, konzentriere mich also gewissermaßen auf das Äußere und achte darauf, den Stil, die Form usw. treu wiederzugeben. In diesem Sinne bin ich „nur“ ein Handwerker. Mit anderen Worten: kreativ – ja, originell – nein.

Können Sie vom Übersetzen leben?

Als einer der wenigen bin ich dazu in der Lage. Allerdings … ist das ein Leben auf recht bescheidenem Niveau bei erheblichem Arbeitseinsatz. Meine Arbeitswoche zählt weit mehr als 40 Stunden, wenn ich im „normalen“ Umfang arbeiten würde, läge mein Verdienst sicherlich weit unter dem Durchschnittslohn, von Sozial- und Rentenversicherung gar nicht zu reden. Ferner muss man bedenken, dass ich schon lange im Beruf bin, seit 18 Jahren auf eigene Rechnung, und eine sog. Backlist besitze. Ich weiß noch, dass ich als angehender Übersetzer Angst davor hatte, ins tiefe Wasser zu springen. Mir war es lieber, eine sichere Stelle zu haben und das Übersetzen als Hobby zu betreiben. Wenn ich heute vor derselben Entscheidung stünde, mit meinem Wissen um die damit verbundenen Konsequenzen (und Entbehrungen), würde ich es mir auch sehr gut überlegen …

Wichtigste Übersetzungen:

  • Heinrich Böll – Portret grupowy z damą (Gruppenbild mit Dame), 1993
  • Karl Leberecht Immermann – Münchhausen, 1996
  • Friederike Mayröcker – Zielony montaż (Grüne Montage), 2003
  • Edgar Hilsenrath - Baśń o myśli ostatniej (Das Märchen vom letzten Gedanken), 2005
  • Reinhard Jirgl – Niedopełnieni (Die Unvollendeten), 2009