Übersetzer im Gespräch Anna Gamroth

Anna Gamroth
Anna Gamroth | Foto: privat

„Es geht ja beim literarischen Übersetzen nicht allein darum, zu verstehen und das optimale sprachliche Äquivalent zu finden. Ziel ist es doch, den Leser in der Illusion zu wiegen, er habe es mit einem Originaltext zu tun. Manchmal gelingt das tatsächlich! Wie das praktisch vor sich geht? Von Abschnitt zu Abschnitt. Und dann wieder geht es überhaupt nicht. Oder vielleicht doch, aber eben anders. Wenn man dann das Ganze liest, ist er plötzlich doch da, der Geist des Textes.“

Wie sind Sie zum Übersetzen gekommen?

Ich habe aus purer Eifersucht angefangen, Kinderliteratur zu übersetzen. Aus Eifersucht auf meinen Mann, der sich als Kinderbuchautor einen so kreativen und faszinierenden Beruf ausgesucht hat. Sehr hilfreich war sicher auch mein übersetzerischer Raketenstart. Auf meine Mail an das Lektorat von „Nasza Księgarnia“ mit einer Probeübersetzung von Paul Maars In einem tiefen, dunklen Wald … bekam ich eine begeisterte Antwort und die auch noch innerhalb kürzester Zeit. Meine lieben KollegInnen können ein Lied davon singen, dass dies die absolute Ausnahme ist. Ich wusste damals noch nicht, dass Verlagskontakte meist anders aussehen. Aber ich hatte gleich Feuer gefangen.

Welche Rolle kommt dem Übersetzer als Vermittler zwischen den Kulturen zu?

Es gibt natürliche kulturelle Unterschiede, das gleicht sich aber doch eher an. Für mich als Polin in Berlin sind da die Grenzen, zumindest was Alltagsdinge betrifft, schon ziemlich verwischt. Außerdem laufen sie kreuz und quer. Zum Beispiel haben Vertreter meiner Generation viele Erfahrungen, die sie mit DDR-Bürgern teilen können, die sich aber gravierend von der westdeutschen Realität unterscheiden. Diese Unterschiede zu integrieren, auch in Literatur und Übersetzung, ist unser täglich Brot. Als Übersetzerin von Kinderliteratur habe ich es da nicht ganz so schwer – Kinder sind überall auf der Welt gleichermaßen spontan, können auf Knopfdruck lachen oder weinen, naschen in aller Regel gern Süßigkeiten und wollen immer noch ein bisschen länger aufbleiben. Was bin ich also für eine „Vermittlerin“? Keine verkopfte, eher eine alltäglich-private.

Bei welchem deutschen Text, den Sie übersetzt haben, war für Sie die kulturelle Distanz am deutlichsten spürbar?

„Kulturelle Distanz“ – das klingt ja gruselig! Die kulturelle Distanz zwischen den Welten von Kindern und Erwachsenen ist garantiert größer als die zwischen polnischer und deutscher Kinderliteratur. Natürlich gibt es unterschiedliche Gewohnheiten und soziale Kontexte, aber ist denn die Diskrepanz zwischen Makuszyński und beispielsweise Grzegorz Kasdepke nicht wesentlich größer? Ich musste spontan an Paul Maars Eine Woche voller Samstage denken – Westdeutschland in den Siebzigern. Meine Übersetzung ins Polnische erschien erst 2009. Was kann es da Gemeinsames geben? Und doch, klingt die Geschichte eines braven Beamten, der so überhaupt keine Lust hat, arbeiten zu gehen und dem das Schicksal die Möglichkeit schenkt, mäßigend auf seinen despotischen Chef und seine unsympathische Vermieterin einzuwirken, denn nach typisch „deutscher Mentalität“? Ist sie uns so fremd?

Welche sprachlichen Schwierigkeiten haben Sie beim Übersetzen schon einmal an den Rand der Verzweiflung gebracht?

Sprachliche Schwierigkeiten? Vielleicht ist es sogar ganz gut, dass es sie gibt. Sonst könnte es fast ein bisschen langweilig werden … Wieder komme ich auf Paul Maar zurück. Seine Bücher über das Sams schaffen, beginnend mit Eine Woche voller Samstage, einen ganz eigenen sprachlichen Kosmos – ein Sprachspiel jagt das nächste, Idiome purzeln und entstehen neu, phonetische Verwandtschaften werden ausgeschlachtet, … Und all das hat Konsequenzen und zieht seitenlange Komplikationen nach sich. Du liebe Zeit, an diesen Texten zu arbeiten war zum Verzweifeln schön!

Wonach entscheiden Sie, was Sie übersetzen?

Ich übersetze die Bücher, die mir gefallen. Oder die meine Kinder beeindrucken. Manchmal bin ich von einem Buch begeistert, das die Kinder todlangweilig finden. Ich übersetze es dann trotzdem – guter Geschmack will gelernt sein. Es kommt aber auch vor, dass meine Kinder sich brennend für Texte interessieren, die ich ziemlich skeptisch sehe. Und manchmal lasse ich mich tatsächlich überzeugen! Sind meine Kinder deshalb „Kulturmittler“? Meist ist es die Geschichte, die mich berührt, entzückt oder neugierig macht. Mitunter komme ich aber auch über eindrückliche, verheißungsvolle Illustrationen zum Text. Ich habe eine Schwäche für Illustrationen, die integraler Bestandteil der Erzählung sind, die ergänzen, interpretieren und sogar mehr wissen können als der Text selbst.

Welche Rolle spielt für Ihre Arbeit das Gespräch mit dem Autor?

Wo sind die Autoren, die an einem Gespräch mit mir interessiert wären? In der Praxis sieht das so aus, dass die Rechtefragen zwischen den polnischen und deutschen Verlegern oder Literaturagenten geklärt werden. Der Autor und ich haben damit nur ganz am Rande zu tun. Textexegese ist bei Kinderliteratur, um die es ja in meinem Fall geht, eher ein konstruiertes Problem, deshalb hatte ich auch noch keinen Anlass, den Autoren auf die Pelle zu rücken. Schade eigentlich. Bis jetzt habe ich nur Paul Maar und Jürgen Banscherus kennengelernt, beide aber erst nach Erscheinen der polnischen Übersetzungen. Ich habe mich bei ihren Lesungen einfach als Übersetzerin vorgestellt und ihnen die polnische Ausgabe ihres Buches gezeigt. Beide haben sich mächtig gefreut.
Wenn ich von den legendären Beziehungen von Kapuściński oder Grass zu ihren Übersetzern höre, könnte ich schon wieder eifersüchtig werden …

Gibt es ein deutsches Buch, das Sie besonders gern übersetzen würden?

Eins? Eine ganze Latte! Sind vielleicht auch polnische Verleger auf dieser Seite unterwegs? Ich beschränke mich auf meine Favoriten:

  • Jürg Schubiger: Mutter, Vater, ich und sie (Fertig übersetzt! Bislang nur für die Schublade.)
  • Volker Kriegel: Olaf, der Elch (Schubladenfertig!)
  • Adolf Himmel: Frederico Oktopod und Tünne Tintenfisch
  • Silke Lambeck: Herr Röslein
  • Martin Baltscheit: Der kleine Herr Paul

Noch mehr?

Betrachten Sie Ihre Übersetzungsarbeit als Kunst und Ihre Übersetzungen als eigenständige Kunstwerke?

Wozu sich in die Tasche lügen, beim Literaturübersetzen kommt es zuallererst auf gutes Handwerkszeug an. Wenn man es mit den Details nicht mehr so genau nimmt, steigt die Wahrscheinlichkeit einer schlechten Übersetzung dramatisch an. Auch die ganz Großen greifen mal daneben. Andererseits ist dieses Balancieren mit dem linken Fuß in der einen und dem rechten in der anderen Sprache auch eine Art Drahtseilakt. Es geht ja beim literarischen Übersetzen nicht allein darum, zu verstehen und das optimale sprachliche Äquivalent zu finden. Ziel ist es doch, den Leser in der Illusion zu wiegen, er habe es mit einem Originaltext zu tun. Manchmal gelingt das tatsächlich! Wie das praktisch vor sich geht? Von Abschnitt zu Abschnitt. Und dann wieder geht es überhaupt nicht. Oder vielleicht doch, aber eben anders. Wenn man dann das Ganze liest, ist er plötzlich doch da, der Geist des Textes. Heißt das künstlerisch tätig sein?

Können Sie vom Übersetzen leben?

Ich werde in Złoty bezahlt und lebe in Berlin.
Außerdem frisst die Suche nach interessierten Verlegern unwahrscheinlich viel Zeit. Zwei bis drei Titel im Jahr kann ich übersetzen. Das ist als Taschengeld ganz nett, mehr aber auch nicht.

Veröffentlichte Übersetzungen (Auswahl):

  • Paul Maar: W głębokim, ciemnym lesie... (In einem tiefen, dunklen Wald …) Warszawa: Nasza Księgarnia 2005
  • Hubert Schirneck: Co słychać u siedmiu krasnoludków (Das Neueste von den sieben Zwergen). Warszawa: Nasza Księgarnia 2007
  • Jutta Richter: Lato szczupaka (Hechtsommer). Wrocław: Ossolineum 2009
  • Paul Maar: Tydzień pełen sobót (Eine Woche voller Samstage). Poznań: Media Rodzina 2009
  • Ulrich Hub: O ósmej na arce (An der Arche um Acht). Poznań: Media Rodzina 2010