Übersetzer im Gespräch Elżbieta Kalinowska

„Früher habe ich gedacht, dass ich Handwerkerin bin und eine ordentliche, redliche Handwerkerin sein muss. Aber als Übersetzer erweitern wir die Grenzen der Zielsprache. Und damit schaffen wir etwas. Ich würde allerdings nie von mir sagen ‚Ich bin Künstlerin‘. ‚Ich bin Übersetzerin‘ klingt doch viel besser.“

Elżbieta Kalinowska Elżbieta Kalinowska | Foto: privat Wie sind Sie zum Übersetzen gekommen?

Ich habe immer schon übersetzen wollen, das war für mich übrigens auch bei der Wahl meines Studienfachs ausschlaggebend. Schon im Studium habe ich Lyrik übersetzt, nur so, für mich. (Als ich später anfing, beruflich zu übersetzen, stellte sich heraus, dass mir Prosa viel mehr liegt, deshalb blieb es bei diesen frühen Versuchen der Lyrikübersetzung.) Nach dem Studium bekam ich eine Arbeit in der organisatorischen Leitung des Vereins Villa Decius, die sich damals im Sitz des Internationalen Kulturzentrums in Krakau befand. Auf irgendeinem Wege (wahrscheinlich durch Zufall) bekam ich den Auftrag, den umfangreichen Werkkatalog für eine Ausstellung von Egon Schiele zu übersetzen. Und obwohl die Lektorin dieser Ausgabe (mit der ich übrigens auch heute noch zusammen arbeite), sagte, erst beim zweiten Buch könnte man wirklich sagen, wer einen Sinn fürs Übersetzen hat, war es diese erste und, wie ich heute meine, schwierige Übersetzung, die damals den Ausschlag gab.

Welche Rolle kommt dem Übersetzer als Vermittler zwischen den Kulturen zu?

Naja, eben die des Vermittlers. Der Übersetzer vermittelt die Kultur des Landes der Ausgangssprache den Lesern der Übersetzung. In meinem Fall handelt es sich dabei um eine multikulturelle Vermittlung, da ich vor allem Autoren übersetze, die nicht aus dem deutschen Kulturkreis stammen, die Kinder von Einwanderern oder selbst Einwanderer sind und nicht nur die deutsche Wirklichkeit beschreiben, sondern auch die türkische, die balkanische. Einerseits sind sie ganz eingetaucht in die die deutsche Kultur und Sprache, andererseits betrachten sie diese Kultur und Sprache aber auch wie von außen. Doch es ist auch so, dass die Übersetzung die Grenzen der Zielsprache erweitert. Nehmen wir zum Beispiel die „Kultübersetzung“ Pu der Bär, von Irena Tuwim ins Polnische übersetzt. Viele Wendungen und Wortschöpfungen aus dieser Übersetzung sind zu einem festen Bestandteil der polnischen Sprache geworden.

Bei welchem deutschen Text, den Sie übersetzt haben, war für Sie die kulturelle Distanz am deutlichsten spürbar?

Ich weiß es nicht. Ehrlich gesagt, so etwas wie kulturelle Distanz ist nicht besonders wichtig. Was ist denn überhaupt? Eine andere Art und Weise, die Welt zu betrachten (denn es handelt sich ja kaum um ein anderes Wertesystem), die aus Geschichte, Tradition, Gebräuchen, der Religion, vielleicht auch der Küche erwächst. Manches davon spiegelt sich in der Sprache wider, und wenn es beispielsweise um ein Gericht geht, das in Frankfurt am Main gegessen wird, steht der Übersetzer vor demselben Problem wie bei der Nennung eines Kleidungsstücks aus einem exotischen Land, das es bei uns nicht gibt. Ich glaube, in meinem Fall könnte man eher von Distanz zum Autor, zum Helden und seiner Weltsicht reden. Ich lebe mich ganz in sie hinein, manchmal gewinne ich sie sehr lieb, manchmal komme ich nicht mit ihnen zurecht. Letzteres trifft beispielsweise auf Jelinek und die ganze emotionale Ladung ihres Werkes „Lust“ zu. In mir entstand eine richtige Abwehr dagegen, mich an den Schreibtisch zu setzen, ich hatte das Gefühl, dass ich emotional mit dem Buch nicht zurechtkam. Von den sprachlichen Schwierigkeiten einmal ganz abgesehen.

Welche sprachlichen Schwierigkeiten haben Sie beim Übersetzen schon einmal an den Rand der Verzweiflung gebracht?

Das kommt oft vor. Doch ist das weniger ein Problem mit der Ausgangssprache (wenn ich da etwas nicht verstehe, frage ich Bekannte oder Kollegen), sondern liegt eher daran, dass ich keinen adäquaten polnischen Ausdruck für etwas finde, das mir auf Deutsch sehr schön, ja perfekt erscheint. Wie kriegt man es hin, dass es auf Polnisch genauso perfekt ist? Manchmal habe ich das Gefühl, dass meine Sprache (nicht das Polnische an sich, sondern die Sprache, die ich zur Verfügung habe), nicht reich genug ist. Ich stoße an eine Grenze, und es geht nicht weiter. Es müsste besser sein, aber ich kriege es nicht besser hin. Und das bringt mich zur Verzweiflung.

Wonach entscheiden Sie, was Sie übersetzen?

Wenn ich es selbst aussuchen kann – es kommt ja auch vor, dass ein Verlag mit einem konkreten Vorschlag auf mich zukommt und unbedingt will, dass ich es mache – dann sind die ersten paar Seiten entscheidend. Etwas muss da sein, das mich mitreißt: die Sprache, die Bilder, die Atmosphäre des Textes. Oder auch Spannung (zum Vergnügen übersetze ich ja Krimis). Kurz – ich muss Lust bekommen, weiterzulesen.

Welche Rolle spielt für Ihre Arbeit das Gespräch mit dem Autor?

Das ist sehr wichtig. Man hat es gut, wenn man lebende Autoren übersetzt. Ich versuche immer, mit den Autoren selbst Kontakt aufzunehmen, und wenn das nicht geht, dann mit den Lektoren der Bücher. Manchmal sagt der Autor auch: keine Ahnung, weiß ich nicht mehr, warum das so und so ist. Manchmal bestehen sie auch darauf, dass es genau so sein muss. Und das ist gut, denn dann erklären sie mir genau, um was es geht, warum es so und nicht anders sein kann. So war es zum Beispiel bei Sherko Fatah. Bei der Beschreibung der Kleidung der kurdischen Frauen benutzte er das Wort „Gewand“, aber ich hatte das Gefühl, es müsste doch eine konkretere Beschreibung geben, denn das, was sie da anhaben, hat ja einen Namen. Aber Sherko hat mir erklärt, dass es gerade unkonkret bleiben soll, weil er nicht direkt auf einen bestimmte Teil der Welt verweisen will. Deshalb ist es einfach bei „Gewand“ geblieben.

Gibt es ein deutsches Buch, das Sie besonders gern übersetzen würden?

Ich würde gerne endlich für die Zeitschrift „Literatura na Świecie“ eine Auswahl von Texten deutschsprachiger Autoren zusammenstellen, die aber aus anderen Ländern stammen. Das ist ja ein weltweites Phänomen. Es gibt so viele gute Autoren, für die deutsch nicht unbedingt die Sprache der Kindheit gewesen ist, und die die deutsche Sprache so bereichern. Doch ich finde einfach nicht die Zeit dafür...

Betrachten Sie Ihre Übersetzungsarbeit als Kunst und Ihre Übersetzungen als eigenständige Kunstwerke?

Früher habe ich gedacht, dass ich Handwerkerin bin und eine ordentliche, redliche Handwerkerin sein muss. Das denke ich auch heute noch. Ich muss erarbeiten, wie man etwas, was auf Deutsch geschrieben wurde, am treffendsten und schönsten auf Polnisch sagen kann. Aber, wie schon gesagt, als Übersetzer erweitern wir die Grenzen der Zielsprache. Und damit schaffen wir etwas. Ich würde allerdings nie von mir sagen „Ich bin Künstlerin“. „Ich bin Übersetzerin“ klingt doch viel besser.

Können Sie vom Übersetzen leben?

Ich habe es nie versucht. Und es wäre bestimmt auch schwierig. Der Übersetzer ist ein Einzelgänger, er muss allein mit dem Text ringen, allein am Schreibtisch sitzen, wenn alle anderen schlafen. Aber ich brauche wohl bei der Arbeit auch Kontakt mit Menschen, das gemeinsame Schaffen.

Ausgewählte Übersetzungen:

  • Terezia Mora, Alle Tage (Każdego dnia), Wołowiec, Czarne 2006
  • Elfriede Jelinek, Lust (Pożądanie), Warszawa, W.A.B. 2007
  • Feridun Zaimoglu, Leyla Wołowiec, Czarne 2008
  • Norbert Gstrein, Das Handwerk des Tötens (Rzemioslo zabijania), Wołowiec, Czarne 2009
  • Sherko Fatah, Das dunkle Schiff (Czarny statek), Wołowiec, Czarne 2010