Übersetzer im Gespräch Alicja Rosenau

Alicja Rosenau
Alicja Rosenau | © Heinz Rosenau

„Entscheidend ist die sprachliche Ebene des Werkes, denn die Sprache ist der Träger der Emotionen. Durch die Sprache kann ein Buch verzaubern, faszinieren, bewegen, amüsieren oder erschüttern.“

Wie sind Sie zum Übersetzen gekommen?

Übersetzerin wollte ich praktisch schon immer werden, da es mir als eine natürliche Verbindung zweier meiner Leidenschaften erschien: der Literatur und der Fremdsprachen. Nach dem Abitur hatte ich mich für ein Studium entschieden, das mich diesem Ziel näher bringen sollte (angewandte Linguistik), doch ich stellte bald fest, dass dieses Fach mit der literarischen Übersetzung wenig zu tun hat. So wechselte ich zu Philologie. Eine gewisse Zeit war verstrichen, bis ich entschieden habe, dass ich reif genug bin, um mich an literarischen Texten zu versuchen. Dies fiel in die Zeit meines Umzugs nach Berlin und daher konnte ich die Entwicklung des deutschen Büchermarktes unmittelbar mitverfolgen.
Ich hatte Glück, dass meine erste Buchübersetzung positiv aufgenommen wurde und dadurch schaffte ich den Einstieg in die Branche. Ich betreibe den Beruf des Übersetzers seit ungefähr zehn Jahren.

Welche Rolle kommt dem Übersetzer als Vermittler zwischen den Kulturen zu?

Jedes literarische Werk ist eingetaucht in die Kultur und die Sprache seines Ursprungslandes, also ist die literarische Übersetzung notwendigerweise gleichzeitig eine Vermittlung zwischen den Kulturen. Obwohl ich meine Arbeit selten in dieser Kategorie betrachte. Sie bedeutet für mich in erster Linie eine Vermittlung im Bereich der Emotionen. Ein literarisches Werk bewegt mich so sehr, dass ich meine Begeisterung mit anderen Menschen teilen will, teilen muss. An diesem Punkt taucht das Bedürfnis auf, dieses Buch zu übersetzen, damit jeder Leser diese Gefühle selbst erfahren kann. Wenn mir dies gelingt, ist es eine Quelle enormer Erfüllung.

Bei welchem deutschen Text, den Sie übersetzt haben, war für Sie die kulturelle Distanz am deutlichsten spürbar?

Ich bin der Meinung, dass ein Übersetzer ein so empfindsamer und offener Mensch sein sollte, dass ihn keine kulturelle Distanz abschreckt – im Gegenteil: dass dieser Abstand als eine Bereicherung und Belebung der eigenen Arbeit verstanden wird. Ich habe einige deutschsprachige Autoren übersetzt, die aus anderen Kulturkreisen stammen (unter anderem aus Rumänien oder dem Balkan), und das Kennenlernen und Erfahren dieser Regionen während meiner Arbeit war ein faszinierendes Abenteuer. Ich hatte auch einen anderen interessanten Fall, wo diese Distanz so gut wie gar nicht vorhanden war. Es handelte sich dabei um einen Roman über eine Jugend in der DDR. Dieses Buch ging mir sehr nahe, da ich selbst den Realsozialismus in Polen erlebt hatte und während der Arbeit das Gefühl hatte, über mich selbst zu lesen.

Welche sprachlichen Schwierigkeiten haben Sie beim Übersetzen schon einmal an den Rand der Verzweiflung gebracht?

Was mich an den Rand der Verzweiflung bringt, sind Wortspiele und Sprachspielereien, mit denen man nichts, aber auch gar nichts machen kann. Die Übersetzung kann ihren Sinn nicht übertragen und ein weit gefasster Kontext lässt nicht zu, dass man das polnische Äquivalent verwendet. Was mir dann übrig bleibt, ist das Erstellen von Fußnoten, in denen ich dem Leser nach dem Prinzip der Holzhammermethode erkläre, warum diese Stelle gerade lustig sein sollte. Zum Glück passiert so etwas nur selten, doch jedes Mal begleitet mich dabei das Gefühl des Versagens.

Wonach entscheiden Sie, was Sie übersetzen?

Entscheidend ist die sprachliche Ebene des Werkes, denn die Sprache ist der Träger der Emotionen. Durch die Sprache kann ein Buch verzaubern, faszinieren, bewegen, amüsieren oder erschüttern. Und die Arbeit an einer Übersetzung offenbart erbarmungslos jegliche Unzulänglichkeiten der Stilistik – so kann auch der großartigste Plot, in einer mangelhaften Sprache verfasst, eine Enttäuschung sein. Ich übersetze vor allem Prosa, doch neuerdings bemühe ich mich, verschiedene Genres auszusuchen, um meine translatorische Werkstatt weiter zu entwickeln. Ich habe auch schon Kriminalromane und Sachbücher übersetzt, und jetzt würde ich mich gerne mit der Kinder- und Jugendliteratur befassen.

Welche Rolle spielt für Ihre Arbeit das Gespräch mit dem Autor?

Das Gespräch mit dem Autor ist ein sehr angenehmes und wertvolles Beiwerk zur Arbeit des Übersetzers, doch ist es meines Erachtens nicht notwendig. Ich betrachte ein literarisches Werk vor allem als eine distinkte, autonome Existenz, mit der ich mich alleine messen muss. Dabei stütze ich mich in erster Linie auf meine eigene Empfindsamkeit, Kenntnisse und Fähigkeiten. Manchmal stellt sich jedoch heraus, dass dies nicht ausreicht und da muss man sich an den Autor wenden. Was ich allerdings sehr schätze, ist die Möglichkeit, die eigene Interpretation des Autors zu hören, am besten live. Wenn man den Klang der Stimme und die emotionale Färbung vernimmt, die der Autor seinem Text verleiht, ist es einfacher, diese in der Übersetzung wiederzugeben.

Gibt es ein deutsches Buch, das Sie besonders gern übersetzen würden?

Davon gibt es eine ganze Menge, und es werden immer mehr. Kürzlich habe ich das in Polen unbekannte deutsche Kinderbuch „Peterchens Mondfahrt“ entdeckt, das es meiner Meinung nach verdient, übersetzt zu werden. Dieses Buch von Gerdt von Bassewitz, das 1912 erschienen ist, ist eine zauberhafte, fantastische Geschichte, die in den deutschsprachigen Ländern immer noch sehr populär ist. In Polen werden viele angelsächsische Texte aus jener Zeit veröffentlicht und vielleicht könnten Peterchen und der Maikäfer Sumsemann dort auch ihren Platz finden. Ich denke, dass dieses Buch, behutsam illustriert und herausgegeben, auch den polnischen Kindern gefallen könnte.
Eine andere Entdeckung im Rahmen meines „Nachholens der Rückstände“ ist das Buch „Häutungen“ der Schweizer Schriftstellerin Verena Stefan vom Anfang der 70er Jahre. Es handelt sich dabei um einen Text von bahnbrechender Bedeutung für den deutschen Feminismus, der außerdem eine hohe literarische Qualität aufweist. Damals konnte das Buch aus verständlichen Gründen nicht in Polen erscheinen, doch jetzt, da der Bereich Gender mittlerweile an den polnischen Universitäten heimisch geworden ist, würden es sicherlich viele Menschen mit großem Interesse lesen wollen.

Betrachten Sie Ihre Übersetzungsarbeit als Kunst und Ihre Übersetzungen als eigenständige Kunstwerke?

Zweifelsohne handelt es sich dabei um eine schöpferische Tätigkeit, aber ob ich meine Arbeit als künstlerisch bezeichnen kann? Da bin ich mir nicht sicher. Hin und wieder habe ich diesen Eindruck, doch es hängt vor allem mit dem Ausgangstext zusammen. Ein bedeutender Text erzwingt geradezu eine künstlerische Herangehensweise – und so ist auch seine Übersetzung (wenn sie ihm gerecht werden soll) ebenfalls ein Kunstwerk.

Können Sie vom Übersetzen leben?

Die Übersetzungs-Honorare sind einer der wenigen Nachteile dieses Berufes. Sie waren schon immer niedrig, und auch wenn sie steigen, so bleiben sie immer noch hinter den wachsenden Lebenserhaltungskosten zurück. Ich habe keine hohen Ansprüche, was die materielle Seite des Lebens angeht, also gelingt es mir momentan, vom Übersetzen zu leben. Allerdings muss ich relativ viel übersetzen, um über die Runden zu kommen.

Die wichtigsten übersetzerischen Veröffentlichungen:

  • Thomas Brussig, Am kürzeren Ende der Sonnenallee (Aleja Słoneczna), 2002
  • Herta Müller, Der Fuchs war damals schon der Jäger (Lis już wtedy był myśliwym), 2005
  • Eginald Schlattner, Rote Handschuhe (Czerwone rękawiczki), 2005; Das Klavier im Nebel (Fortepian we mgle), 2009
  • Saša Stanišić, Wie der Soldat das Gramofon repariert (Jak żołnierz gramofon reperował), 2008
  • Aglaja Veteranyi, Warum das Kind in der Polenta kocht (Dlaczego dziecko gotuje się w mamałydze), 2003; Das Regal der letzten Atemzüge (Regał ostatnich tchnień), 2004; Vom geräumten Meer, den gemieteten Socken und Frau Butter (Uprzątnięte morze, wynajęte skarpety i pani Masło), 2005;