Übersetzer im Gespräch Paulina Schulz

„Der Austausch mit dem Autor ist mir sehr wichtig und ich suche bewusst den Kontakt, ... erkläre meine Sicht des Textes und meine Herangehensweise an den translatorischen Prozess, begründe den Focus, den ich setzen möchte“, sagt Paulina Schulz. 

Paulina Schulz Paulina Schulz | © Hamish John Appleby Wie sind Sie zum Übersetzen gekommen?

Ich bin 1989 als 16-Jährige nach Deutschland gekommen. Durch den Sprachwechsel bedingt hat mich das literarische Übersetzen schon auf dem Gymnasium interessiert und ich bewarb mich mit einigen Übersetzungen polnischer und spanischer Lyrik am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, wo das Fach „Theorie und Praxis des literarischen Übersetzens“ (damals noch) unterrichtet wurde. Meine Diplomarbeit in meinem Hauptfach war die Übersetzung von Manuela Gretkowskas „Metaphysisches Kabarett“.
Nach dem Studium habe ich ein paar Jahre in der Organisation deutsch-polnischer und deutsch-jüdischer Kulturprojekte gearbeitet (was ich teilweise immer noch tue). Bei einer der Veranstaltungen habe ich per Zufall einen Lektor des Deutschen Taschenbuch Verlages kennen gelernt, der gerade einen Übersetzer für Polnisch gesucht hatte. Und so bekam ich den Auftrag für Manuela Gretkowskas Schwangerschafts-Roman „Polka“. Das war 2002.
Ab dann war es ein Selbstläufer.

Welche Rolle kommt dem Übersetzer als Vermittler zwischen den Kulturen zu?

Dies ist natürlich eine sehr persönliche Entscheidung, inwiefern man die Kulturvermittlung zwischen zwei Ländern außerhalb der rein literarischen Tätigkeit betreiben will oder kann.
Ich sehe es als den eigentlichen Auftrag unseres Berufes, und so engagiere ich mich außer der literarischen Arbeit auch beim deutsch-polnischen Kulturaustausch. Wichtig ist mir die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, und so bin öfter als Dozentin bei Werkstätten und Seminaren tätig – unter anderem bei der Stiftung Genshagen, am Schloss Trebnitz, an der Universität Erfurt, an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena und als Übersetzerin bei dem großartigen Projekt Step21 in Hamburg. Seit Kurzem bin ich in der Organisation kultureller Veranstaltungen für einen Verein tätig, der innerhalb des Weimarer Dreiecks agiert. Aktuell organisiere ich in Zusammenarbeit mit dem Polnischen Institut in Leipzig ein Festival des polnischen Filmes, das zwischen Oktober 2010 und Februar 2011 in Erfurt stattfinden wird.
Insgesamt engagiere ich mich innerhalb meiner Firma „Literaturbüro `transkript`“ für die Vermittlung polnischer Kultur in Deutschland.

Welche sprachlichen Schwierigkeiten haben Sie beim Übersetzen schon einmal an den Rand der Verzweiflung gebracht?

Sprachliche Schwierigkeiten bzw. stilistische Probleme ließen sich mit ein wenig Geduld und Geschick bisher alle lösen. Die Verifizierung historischer Tatsachen ist jedes Mal eine große Herausforderung, wie zum Beispiel bei der Breslau-Reihe von Marek Krajewski oder dem Buch „Klezmer“ von Jacek Cygan, bei denen man manche Inhalte teilweise nicht mehr nachvollziehen kann. Oft benötige ich für die Recherche diverser Fakten länger als für die eigentliche translatorische Arbeit. Dennoch: es ist mir wichtig, einen Text vorzulegen, der nicht nur literarisch, sondern auch inhaltlich bestehen kann.

Wonach entscheiden Sie, was Sie übersetzen?

Wenn ich in Polen Bücher scoute und dann Übersetzungsproben für Verlage erstelle, gehe ich nach persönlichem Interesse; der Text muss mich einfach hinreißen! Hin und wieder gelingt es mir auch, eines der vorgeschlagenen Bücher als Auftrag zu bekommen. Beim Auftrag entscheiden die Höhe des Honorars sowie der Abgabetermin, ob ich annehme – einmal hatte ich lediglich 6 Wochen für einen Roman von über 300 Seiten und habe trotzdem zugesagt, da mich der Gegenstand sehr interessiert hat. Das ist jedoch die absolute Ausnahme.
Ich kann jedoch nicht verhehlen, dass das Honorar eine wichtige Rolle spielt. Der Übersetzer muss anständig entlohnt werden, um leben zu können.

Welche Rolle spielt für Ihre Arbeit das Gespräch mit dem Autor?

Der Austausch mit dem Autor ist mir sehr wichtig und ich suche bewusst den Kontakt. Sobald ich weiß, dass ich einen Text übersetzen werde, melde ich mich (meist per E-Mail) beim Autor und stelle mich vor, mit der Bitte, eventuelle Fragen stellen zu dürfen. Auch erkläre ich meine Sicht des Textes und meine Herangehensweise an den translatorischen Prozess, begründe den Fokus, den ich setzen möchte usw. Ich müsste all das nicht absprechen; es gibt ja Übersetzer, die den Text abgekoppelt von seinem Urheber sehen. Alles eine Frage der individuellen Technik. Dennoch: ich sehe mich dem Autor verpflichtet und fühle mich für jeden Text, den ich übertrage, verantwortlich.
Oft ergibt sich ein schöner persönlicher Kontakt mit den Schriftstellern, das ist ein erfreulicher Nebeneffekt.
Außerdem: Immer wieder muss ich nicht nur eigene Fragen zum Text anbringen, sondern auch die der Lektoren und da ist es von Vorteil, wenn man den Schriftsteller rasch erreichen und es klären kann.
Es ist mir wichtig, dass vor allem der jeweilige Autor (selbstverständlich auch der Lektor und der Leser!) mit dem deutschen „Endprodukt“ zufrieden ist und seine Vision des Buches in meiner Übersetzung erhalten sieht.

Gibt es ein polnisches Buch, das Sie besonders gern übersetzen würden?

Romane von Michał Komar, Grażyna Plebanek, Błażej Dzikowski, Monika Piątkowska

Betrachten Sie Ihre Übersetzungsarbeit als Kunst und Ihre Übersetzungen als eigenständige Kunstwerke?

Ja, selbstverständlich.

Können Sie vom Übersetzen leben?

Es gibt Phasen, da lebe ich vor allem vom Übersetzen (für Verlage, Kulturinstitutionen und Projekte), dann wiederum unterrichte ich überwiegend (als Dozentin für Kreatives Schreiben, Filmanalyse, Theorie und Praxis der literarischen Übersetzung sowie Kommunikation).
Diese beiden Standbeine sichern meinen Lebensunterhalt.

Die wichtigsten übersetzerischen Veröffentlichungen:

Die Breslau-Reihe um Kommissar Mock von Marek Krajewski, Romane von Jerzy Pilch, Maria Nurowska, Jacek Cygan, Zbigniew Mentzel uva. Übersetzungen in Jahrbüchern und Anthologien, z.B. „Jahrbuch des Deutschen Polen Instituts“, „Oder – Rhein“, „Muschelhaufen“, „Literarischer Reiseführer Breslau“, „Lyrisches Breslau“ uva.