List des Übersetzers oder Tücke des Textes?

© Goethe-Institut | Wojciech Domachowski
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Übersetzen ist immer auch ein – mehr oder weniger bewusster – manipulierender Eingriff in den Text des Originals. Unschuldigere Manipulationen betreffen die Ausbesserung stilistischer oder inhaltlicher Fehler, weniger unschuldige versuchen etwa die Aussage eines Textes in eine bestimmte Richtung zu lenken. Vor allem bei der Lektüre von Übersetzungen aus ideologisch heiklen Kontexten heißt daher die Devise: Trau, schau, wem! Noch spannender wird es, wenn die Übersetzung an anderer Stelle die Eingriffe des Übersetzers konterkariert. Ein Fall aus der Literaturgeschichte.

Über den Dichter Mikołaj Sęp Szarzyński, der je nachdem der späten Renaissance oder dem frühen Barock zugerechnet wird, ist wenig bekannt. Er lebte von circa 1550 bis 1581. Studienaufenthalte in Wittenberg und Leipzig lassen einen zeitweiligen Übertritt zum Protestantismus vermuten, später soll er zum Katholizismus zurückgefunden haben. Auch sein Werk ist nur bruchstückhaft überliefert. Die Literaturwissenschaft streitet etwa darüber, ob ihm die Autorschaft für knapp zwei Dutzend Liebesgedichte zugeschrieben werden kann. Die sicher von ihm verfassten Texte zeugen von tiefer Religiosität und dem Bewusstsein der Vergänglichkeit aller irdischen Güter und Werte.
 
Das gilt auch für Sęp Szarzyńskis Paraphrase des Psalms 56 („Miserere mei, Deus, quoniam conculcavit me homo“), die im Untertitel als „Lament Kościoła Powszechnego“, also als „Klagelied der Katholischen Kirche“ ausgewiesen wird. De facto handelt es sich um die Übersetzung einer lateinischen Psalmparaphrase des protestantischen Humanisten George Buchanan aus dem Jahr 1565. Im Großen und Ganzen erweist sich Sęp Szarzyński als treuer Übersetzer. Interessant sind jedoch die Stellen, an denen er versucht, seine Übersetzung konfessionell zu vereindeutigen.
 
Die Hauptrolle spielt dabei das Substantiv ‚zbór’, das im 16. Jahrhundert ganz allgemein ‚Versammlung, Menge’ bedeutete, aber auch als Bezeichnung für protestantische Kirchen diente. Sęp Szarzyński gebraucht es an zwei Stellen: einmal als Übersetzung für ‚coetus’ (‚Versammlung; Gemeinde’, V. 21) und einmal anstelle des Personalpronomens ‚ille’ (‚jene’, V. 27). An beiden Stellen wird ‚zbór’ überdies mit Verrat („zdradą“) und tödlicher Bedrohung (‚aby głowę moję / […] / Stracili“) für das sprechende Subjekt – die katholische Kirche – assoziiert:
I w zborach radzą, aby głowę moję
Lub skrytą zdradą, lub przez jawną zbroje
Stracili […]
(V. 21ff.)
 
Die Manipulation des Ausgangstexts besteht hier in der Übersetzung eines neutralen Wortes (‚coetus’) durch einen konfessionell klar konnotierten und – zumal im skizzierten Kontext – eindeutig wertenden Begriff. Dieses Vorgehen Sęp Szarzyńskis in einer deutschen Übersetzung nachzubilden, ist so gut wie unmöglich: Im Deutschen fehlen Bezeichnungen für nicht-katholische christliche Gotteshäuser wie ‚zbór’ oder auch ‚cerkiew’ (für orthodoxe Kirchen), so dass man sich mit anderen Lösungen behelfen müsste.
 
Auf den ersten Blick scheint es, als habe Sęp Szarzyński dem Protestanten Buchanan den Psalm 56 entrissen und in den Schoß der einzig wahren Kirche zurückgeholt. Auf den zweiten Blick zeigt sich aber, dass auch Sęp Szarzyńskis Paraphrase noch den drei lutherischen Glaubenspostulaten verpflichtet ist: Der unmittelbare, nicht durch eine theologisch eigens legitimierte Instanz vermittelte Bezug auf die Heilige Schrift (sola scriptura) in der Bearbeitung des biblischen Psalmentextes, das im Text mehrfach bekundete absolute Gottvertrauen (sola fide) und schließlich die Anerkenntnis der Gnade Gottes als alleiniges Kriterium für die Erlösung von allem Bösen (sola gratia – „Twą łaską wolny“ [„Durch Deine Gnade frei“], V. 45) verraten den protestantischen Ursprung des Textes.
 
Die Übersetzung gibt also in wesentlichen Aspekten die Manipulationen des Dichter-Übersetzers preis. Ob Sęp Szarzyński sich dessen bewusst war? Falls ja, handelt es sich um ein raffiniertes, in eine Art literarischer Ökumene mündendes Spiel mit religiösen Identitäten. Falls nein, bleibt die einigermaßen beruhigende Erkenntnis, dass Texte sich gegen manipulative übersetzerische Machenschaften offenbar durchaus zur Wehr zu setzen wissen.