Bienenzucht in der City Deutschland summt

Die Biene ist das wichtigste Nutztier nach Rind und Schwein.
Die Biene ist das wichtigste Nutztier nach Rind und Schwein. | Foto (Ausschnitt): budabar © 123RF

Bienen züchten in der Stadt? Die fleißigen Honigproduzenten zwischen Asphalt und Beton? Tatsächlich halten sich immer mehr Stadtbewohner eigene Bienenvölker – in Hinterhöfen, Gärten, auf Balkonen oder Dächern.

Das sogenannte Stadt-Imkern ist kein ganz neues Phänomen: Ein ehemaliger Mitarbeiter der Opéra Garnier hält seit 1985 Bienen auf dem Dach der Pariser Oper, auf New Yorks Wolkenkratzern betätigt sich ein Ex-Busfahrer seit fünfzehn Jahren als „rooftop beekeeper“ und in Berlin sollen bereits in der Weimarer Republik Bienenstöcke auf dem Dach des Abgeordnetenhauses gestanden haben. Neu ist jedoch, dass sich vor allem junge Leute für das Stadt-Imkern begeistern. War Imkern früher uncool, die Imkerei eine Freizeitbeschäftigung für alte Leute, ist es heute trendiges Hobby.

Die Stadt als idealer Lebensraum

Ausgelöst wurde der Trend durch verschiedene Initiativen, die mit ihren Projekten möglichst viele Menschen für das Thema Bienensterben sensibilisieren wollten und für eine größere Wertschätzung der Biene als Nutztier warben. Inzwischen stehen Bienenstöcke in Berlin, Frankfurt, München und Hamburg. Die Bienenhaltung lässt sich problemlos in den städtischen Alltag integrieren, der Zeitaufwand ist relativ gering, die Tiere ernähren sich selbst und müssen nicht gefüttert werden. Und die Stadt ist für die Apis mellifera, die Honigbiene, ein idealer Lebensraum: In öffentlichen Parkanlagen und privaten Gärten, auf Friedhöfen, überwucherten Brachflächen, Balkonen und Dachterrassen blühen die Pflanzen zu unterschiedlichen Zeiten, so dass die Bienen vom Frühjahr bis zum Herbst ausreichend Nahrung finden. Im Gegensatz zu ländlichen Gebieten, wo vielerorts eine ertragsorientierte Landwirtschaft betrieben wird, mit Monokulturen wie Raps, der nur kurze Zeit in Blüte steht. In dem um zwei bis drei Grad wärmeren Stadtklima können die Bienen außerdem länger schwärmen, so dass der Honigertrag eines Stadtbienenvolkes fast doppelt so hoch ist wie der ihrer ländlichen Artgenossen – und zudem frei von Pflanzenschutzmitteln, die in der Stadt nicht eingesetzt werden. Stadthonig ist auch nachweislich frei von Autoabgasen und Feinstaub, die Bienen filtern die städtischen Schadstoffe aus dem Nektar, Pestizide dagegen können nicht herausgefiltert werden.

„Imkern auf Probe“

Kindheitserinnerungen, Sehnsucht nach der Natur, aktiv etwas für die Umwelt tun – die Gründe, sich als Stadtimker zu betätigen sind vielfältig. Aber wie wird man Stadtimker? Zunächst braucht man ein Bienenablegervolk, eine Unterkunft (die sogenannte Beute), verschiedene Werkzeuge, einen Schutzanzug und einen Smoker, durch dessen Rauch die Bienen abgelenkt werden, während der Imker am Bienenstock arbeitet. Darüber hinaus sollte man einen Kurs über die theoretischen Grundlagen der Bienenzucht belegen. Viele Imkervereine bieten Neueinsteigern auch das „Imkern auf Probe“ an: Ein Bienenstock wird ein Jahr lang vermietet, danach kann der Neuimker entscheiden, ob er den Bienenstock übernehmen möchte oder nicht. Während des Probejahres steht den Jungimkern oft auch ein erfahrener Imker als Pate zur Seite.

Lange Zeit war die Anzahl der deutschen Imker rückläufig, durch die Stadtimker-Bewegung scheint der Abwärtstrend gestoppt: Allein in den Jahren 2010 bis 2012 stieg die Zahl der organisierten Imker von 83.400 auf rund 94.000. Allerdings fiel in Deutschland die Zahl der Bienenvölker von 1,2 Millionen im Jahre 1991 auf 750.000 im Jahr 2012. Auch in anderen Ländern geht der Bienenbestand massiv zurück. Für Experten ein alarmierendes Signal – sie befürchten schwerwiegende Folgen für Natur und Wirtschaft, denn Honigbienen und ihre „wilden“ Verwandten wie Wildbienen und Hummeln bestäuben etwa 80 bis 90 Prozent aller Nahrungspflanzen.

Das drittwichtigste Nutztier

Nach Angaben des Deutschen Imkerbundes übersteigt der volkswirtschaftliche Nutzen der Bestäubungsleistung den Wert der Honigproduktion um das zehn- bis fünfzehnfache. Das macht sie zum wichtigsten Nutztier nach Rind und Schwein. Als mögliche Ursachen für das Bienensterben gelten der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und die Varroa-Milbe, die vermutlich 1977 mit aus Asien importierten Bienen nach Europa gelangte. Die etwa 1,6 Millimeter kleine Milbe legt ihre Eier in die Brutzellen der Bienen. Die geschlüpften Milben ernähren sich vom Blut der Bienenmaden, die über die Bisswunden des Parasiten zusätzlich mit Viren infiziert werden. Bei den Pflanzenschutzmitteln gelten vor allem jene als besonders gefährlich, die den Wirkstoff Neonicotinoid enthalten. Neonicotinoide wirken sich auf das zentrale Nervensystem der Tiere aus und blockieren dort wichtige Funktionen, Orientierungssinn, Lern- und Kommunikationsvermögen schwinden. Ab 1. Dezember 2013 soll der Einsatz der Pestizide innerhalb der Europäischen Union für zwei Jahre verboten werden, die Nachwirkungen der bislang eingesetzten Mittel halten allerdings viel länger an, da sie über Jahre im Boden gebunden bleiben.

Auch wenn sich das globale Bienensterben durch den Trend des Stadt-Imkerns nicht signifikant verbessert hat – die neue, junge Generation der „urban beekeepers“ sieht sich durchaus in der Verantwortung: für viele steht nicht die Honigproduktion ihrer Bienenvölker im Vordergrund. Sie möchten durch Veranstaltungen, Führungen und Vorträge sowie über Artikel und Blogs im Internet vor allem ein Bewusstsein dafür schaffen, wie wichtig Bienen für das ökologische Gleichgewicht sind.