Generatives Modedesign Mode zwischen Kunst und Technologie

Zufallsshirt, Kathrin Passig
Zufallsshirt, Kathrin Passig | Foto (Ausschnitt): Kathrin Passig

In Zeiten, in denen nach ästhetischen Standards für Googles Hightech-Datenbrille „Glass“ gesucht wird, zeigen Designer, dass Verknüpfungen von Kunst, Technologie und Mode oft dort am vielversprechendsten sind, wo der technologische Aspekt der Umsetzung einer konzeptuellen Idee dient.

Kontrollverlust

Shirt 31477980, Kathrin Passig Shirt 31477980, Kathrin Passig | © Kathrin Passig Anfang März 2013 geriet Solid Gold Bomb in die Schlagzeilen. Das mittlerweile in Massachusetts ansässige, ursprünglich australische Modelabel, das bis vor wenigen Jahren noch in Düsseldorf und später in Metzingen produzierte, hatte über Amazon T-Shirts zum Verkauf angeboten, über die sich via Twitter und Facebook eine weltweite Öffentlichkeit empörte. Der Grund war, dass angeblich eine Computeranwendung, die die auf den T-Shirts befindlichen Sprüche zur Hälfte automatisch und wahllos aus dem Wörterbuch heraussuchte, Sätze generiert hatte, die zu Mord oder Vergewaltigung aufriefen, ohne dass dies zuvor kontrolliert worden war.

41.121.250.000.000 Motive

Trikoton Lookbook Trikoton Lookbook | Foto: Marie Jakob, 2011 Die in Berlin lebende Journalistin und Schriftstellerin Kathrin Passig, die neben ihrem Sieg 2006 beim renommierten deutschsprachigen Literaturwettbewerb, dem Ingeborg-Bachmann-Preis, auch als Mitbegründerin des Berliner Kreativnetzwerks Zentrale Intelligenz Agentur bekannt geworden ist, hat vorgesorgt. Damit ein Fall wie dieser bei ihrem Produkt Zufallsshirt nicht eintritt, stammen die Texte auf den von ihr verkauften T-Shirts von befreundeten Autoren – und von ihr selbst. Zufallsshirt wirbt mit dem Spruch „Dieses Shirt jetzt kaufen! Kommt nie wieder!“ und beruht auf einem Prinzip, nach dem aus einer immensen Anzahl von Kurztexten, Schriftarten, Mustern und Bildern in einem Onlineshop der Firma Spreadshirt für den Kunden Motive per Software generiert werden, die in ihrer jeweiligen Kombination nahezu einzigartig sind. Passig geht von „grob geschätzt“ 41.121.250.000.000 verschiedenen Motiven aus.

Sie haben Nachrichten

Schal „The Paul Auster Edition“ Schal „The Paul Auster Edition“ | Foto: Trevor Good Das Konzept Passigs steht für einen Trend in der Verbindung von Kunst, Mode und Technologie. Technologie ist nicht Teil der Bekleidung, wirkt also nicht direkt mit dem Stoff zusammen, während das Kleidungsstück getragen wird. Vielmehr kommt sie nur bei der Produktion zur Anwendung und bringt lediglich eine Spur, ein dann aber umso charakteristischeres Muster oder Motiv hervor. Das Berliner Label Trikoton etwa, war in den vergangenen Jahren durch interaktive Produktionsprozesse erfolgreich auf dem Feld generativen Modedesigns erfolgreich.Das Label wurde 2010 von der Modedesignerin Magdalena Kohler, der Produktdesignerin Hanna Wiesener und dem Interaktionsdesigner Hannes Nützmann gegründet. Das Prinzip bei Trikoton besteht darin, dass der Kunde über die Website des Labels Nachrichten mit der eigenen Stimme einsprechen oder Lieder aufnehmen lassen kann, deren Eigenschaften digitalisiert in das Strickmuster der Kleidungsstücke eingehen und diesen so eine persönliche Note geben sollen. Das Label arbeitet mit lokalen Manufakturen und mit Künstlern zusammen. Ihre Arbeit nennen die Designer eine besondere „Kombination aus traditionellen Handwerken und hochtechnologischen Fertigkeiten“.

Den Puls fühlen

Alba Prat Alba Prat | Foto: Alex Waespi Ein ähnliches generatives Prinzip findet sich bei dem Projekt TK 730 (2011) von vier in den Niederlanden tätigen Gestaltern, zu denen auch die deutsche Künstlerin Anja Hertenberger zählt. Statt der eigenen Stimme ist es hier die Eingabe eines Textes in eine Schreibmaschinentastatur, die ein Strickmuster generiert. Die Maschine wurde auch nach ästhetischen Gesichtspunkten umgestaltet. Als derart gestaltetes (Kunst-) Objekt trägt sie zur sensorischen Wahrnehmung von Produkt und Projekt bei. Minimalistischer ging die aus Barcelona stammende und in Berlin lebende junge Designerin Alba Prat für ihre Kollektion „syn chron“ vor. Angelehnt an eine gleichnamige synästhetische Installationsarbeit des Künstlers Carsten Nicolai, ließ Prat ihren Puls jeweils vor und nach einer körperlichen Aktivität registrieren und generierte aus den beiden Frequenzen jeweils Muster und blaue oder rote Farbverläufe. Für die Umsetzung dieser Idee gewann Prat den Publikumspreis beim H&M Design Award 2013. Ihre Kollektion wurde quasi über Nacht zu einem der meistgebloggten Beispiele generativen Modedesigns.

DADAgear DADAgear | Foto: Ebru Kurbak, © DADAgear, 2008 Textile Kommunikation, die spielerisch zwischen mehreren Beteiligten erzeugt werden kann, war hingegen die Idee des DADAgear-Teams. Die in Hamburg geborene Medienkünstlerin Anika Hirt, der derzeit in München lebende Designer Onur Sönmez aus Izmir und der italienische Künstler Mauro Arrighi setzten mit diesem Projekt Prinzipien von Zufallserzeugung um, die aus der DADA-Bewegung des 20. Jahrhunderts stammen.

DADAgear DADAgear | Foto: Onur Sönmez, © DADAgear, 2008 Als „Technologieprojekt, Happening und elektronisch-generatives poetisches Werkzeug“ begriffen, werden bei DADAgear Kapuzenpullis von Ihren Trägern als Mittel in Szene gesetzt, um einen Poetry Slam zu erzeugen. Ausgestattet mit Drucksensoren, Bluetooth-Technik und verknüpft mit einer Datenbank mit Tönen und eingesprochenen Wörtern, wird der im Raum erklingende literarische Text umso komplexer, je mehr Beteiligte sich gegenseitig berühren –„Zufallsshirt 2.0.“, sozusagen.