Gerwin Schmidt im Gespräch „Plakatgestaltung ist wie Kreativitätstraining“

Von allen Medien, die Grafikdesigner gestalten, ist das Plakat das sichtbarste und öffentlichste. Welche Rolle spielt es heute? Und welche Tendenzen in der Plakatgestaltung gibt es momentan in Deutschland? Ein Gespräch mit Gerwin Schmidt, einem der renommiertesten deutschen Plakatgestalter. Der 45-Jährige, der bei Gunter Rambow studiert hat, hat ein Designbüro in München und ist Professor an Kunstakademie Stuttgart.

Porträt von Gerwin Schmidt neben seinen eigenen Plakaten. Porträt von Gerwin Schmidt neben seinen eigenen Plakaten. | © Gerwin Schmidt Herr Schmidt, was macht ein gutes Plakat aus?

Ein gutes Plakat muss drei Ebenen haben. Es sollte nicht nur die Aufmerksamkeit von Passanten und Radlern auf sich ziehen, am besten schon von Weitem. Es sollte nicht nur über das Wesentliche informieren. Sondern es sollte auch eine dritte Ebene haben, eine Reflexions- oder Kommentarebene. Das ist das Spielbein des Designers. Vielleicht kippt ja das Bild, das man von Weitem gesehen hat, aus der Nähe. Oder man entdeckt etwas Geheimnisvolles, hinter das man nicht sofort kommt. Erst dann schaut der Betrachter noch einmal eine Sekunde hin, und das Plakat brennt sich ins Gedächtnis ein. Ohne diese dritte Ebene wäre es bloß ein Zettel mit Schrift drauf, kein Plakat.

Ist die Plakatgestaltung immer noch die Königsdisziplin des Grafikdesigns?

Das war es eine Zeit lang, ja. Im Moment konzentrieren sich viele Grafikdesigner eher auf das Editorial, auf Magazine und Bücher. Aber das Plakat ist nach wie vor die entscheidende Kunst- und Übungsform des Grafikdesigns. Da muss man auf einer einzigen Fläche, auf begrenztem Raum eine Idee auf den Punkt bringen, Bild und Schrift zu einer Einheit verbinden. Wer das kann, der kann auch für die meisten anderen Medien entwerfen. Für mich ist Plakatgestaltung wie ein Kreativitätstraining.

Welche aktuellen Tendenzen sehen Sie in der Plakatgestaltung in Deutschland?
 
  • Valeria Gordeew: Zinnoberball, für die Universität der Künste Berlin ©
    Valeria Gordeew: Zinnoberball, für die Universität der Künste Berlin
  • Henning Wagenbreth: Jazzfest Berlin 2011, für die Berliner Festspiele ©
    Henning Wagenbreth: Jazzfest Berlin 2011, für die Berliner Festspiele
  • Gerwin Schmidt: Plakat für die Ausstellung „Muttersprache“ 2009 in Taiwan ©
    Gerwin Schmidt: Plakat für die Ausstellung „Muttersprache“ 2009 in Taiwan
  • Bureau Mirko Borsche: Plakat für die Ausstellung „Deadly and Brutal – Filmplakate aus Ghana“ der Neuen Sammlung in München ©
    Bureau Mirko Borsche: Plakat für die Ausstellung „Deadly and Brutal – Filmplakate aus Ghana“ der Neuen Sammlung in München
  • Barbara Stehle: Plakat für das „Haus des Waldes“ in Stuttgart ©
    Barbara Stehle: Plakat für das „Haus des Waldes“ in Stuttgart
  • Inga Albers: Literaturrecherche, für die Bibliothek des FH Düsseldorf ©
    Inga Albers: Literaturrecherche, für die Bibliothek des FH Düsseldorf
Eigentlich alle, das kann man wirklich so sagen. Man sieht es an Wettbewerben wie dem der „100 besten Plakate“. Ein Drittel der ausgezeichneten Plakate stammt von Studenten, und die zitieren und sampeln oft die Handschriften von Vorbildern oder orientieren sich an bestimmten Trends. Früher gab es einzelne Gestalter-Persönlichkeiten, die über einen längeren Zeitraum eine Handschrift geprägt haben, Uwe Loesch, Gunter Rambow oder Pierre Mendell zum Beispiel. Heute haben sich die Wellenbewegungen der Codes extrem beschleunigt, weil im Internet alles zur Verfügung steht. Jetzt sind schon Newcomer und Studenten so präsent im Netz, dass die Crowd ihre Arbeiten sieht und zitiert, noch bevor sie überhaupt einen eigenen Stil entwickeln können.

Gibt es im Moment keine Tendenz, die besonders auffällt?

Naja, es werden jetzt nicht mehr so sehr die Sechzigerjahre zitiert, sondern wieder mehr die Fünfziger, es ist nicht mehr so streng, sondern wird ein wenig gefühliger, ein bisschen mehr in Richtung Picasso und Hitchcock-Titeldesign. Auch das No-Design ist ein Thema, ästhetische Brüche, alles, was gegen die Regeln verstößt.

Viele der Plakate, die bei den „100 besten Plakaten“ ausgezeichnet werden, sind gar nicht mehr auf der Straße zu sehen. Woran liegt das?

Es gibt immer mehr Indoor-Plakate, die in halböffentlichen Bereichen hängen. Zum Beispiel, um am Eingang einer Hochschule und auf dem Weg zum Vortragssaal eine Veranstaltung anzukündigen und den Besucher zu leiten. Auch an Messeständen oder bei anderen Sammelsituationen gibt es Bedarf dafür, weil man mit einem Plakat Informationen gut kennzeichnen und manifestieren kann. Die Preise für öffentliche Plakatwände und Litfaßsäulen sind dagegen so gestiegen, dass sich viele Veranstalter und Kultureinrichtungen das nicht mehr leisten können.

Das Plakat ist vor allem ein lokales Medium. Gibt es Unterschiede zwischen den einzelnen Städten?

Gerwin Schmidt: DOKfest-Plakate „Herz“, „Pflaster“ & „Träne“ Gerwin Schmidt: DOKfest-Plakate „Herz“, „Pflaster“ & „Träne“ | © Die sind gewaltig. Ich habe das selber gemerkt, als ich nach dem Studium nach Köln gezogen bin, weil es mir dort früher gut gefallen hat. Aber Köln ist einfach keine Plakatstadt, da sind nur wenige Plakate im öffentlichen Raum zu sehen, was auch mit den Plakatiermöglichkeiten zusammenhängt. In München gibt es die sogenannten Kultursäulen, um die 400 Stück, auf denen aber nur das Format A1 plakatiert werden darf. Die klassischen Auftraggeber wie die Oper, Museen, Festivals, Orchester und Theater sind hier nach wie vor sehr präsent. Und in Berlin findet man viel mehr Party-Plakate, weil man dort wilder plakatieren kann als in anderen Städten, wo es sofort eine Strafe gibt, wenn man irgendwas hinklebt.

Bekommen Grafikdesigner nur noch Plakat-Aufträge von Kulturinstitutionen?

Könnte man meinen, alles andere machen leider die Werbeagenturen. Eine Stuttgarter Studentin, Barbara Stehle, hat das mal umgedreht. Sie hat für ihr Diplom Zeitungsinserate geschaltet, in denen sie Firmen und Privatleuten anbot, kostenlos Plakate für sie zu machen, aufwendig gedruckt mit Siebdruck in der Druckwerkstatt der Akademie. Sie hat sich ihre Auftraggeber selber gesucht, unter der Bedingung, dass ihr keiner bei der Gestaltung reinredet. So sind einige sehr schöne Plakate entstanden.

Mehr als 40 Prozent der prämierten „100 besten Plakate“ kommen aus der Schweiz. Haben die Schweizer den deutschen Plakatgestaltern etwas voraus?

Beide Länder haben zwar eine ähnliche Plakat-Tradition, aber das Bewusstsein für Grafikdesign ist in der Schweiz – ähnlich wie in den Niederlanden – viel höher als bei uns, gerade auch bei den Kunden. Schweizer Plakatgestalter haben ganz andere Möglichkeiten, weil dort die Plakate meist im Weltformat – größer als A0 – und oft aufwendig im Siebdruck produziert werden. Die Hängung in einzelnen Metallrahmen lässt auch wesentlich mehr Freiheit für die Gestaltung.

Wie sehen Sie die Zukunft des Plakats?

Das Plakat wird es immer geben, weil man mit ihm extrem schnell visuelle Präsenz erreichen kann. Und das plakative Gestalten wird immer eine der Schlüsselqualifikationen eines Grafikdesigners sein, das funktioniert bei öffentlichen Displays oder auch bei grafischen Motiven auf dem T-Shirt nicht anders. Viele Plakatgestalter, die ich kenne, hätten Lust, etwas für diese neuen animierten Displays zu machen, die es neuerdings auf Bahnhöfen gibt. Da könnte man noch viel mehr herausholen.