Architekten als Designer Über das Bauwerk hinaus

Von Möbeln und Leuchten über Fußböden und Wandteppiche zu Geschirr und Besteck: Es gibt kaum einen Architekten, der nicht einmal in seinem Leben ein Objekt entwirft, um sein Formverständnis im kleineren Maßstab zum Ausdruck zu bringen.

„41“, Alvar Aalto, Artek „41“, Alvar Aalto, Artek | © Manchmal kann Design so einfach sein: Ähnlich einem Kleidungsschnittmuster, werden drei Elemente aus einer Schichtholzplatte geschnitten, die sich anschließend dank einfacher Steckbindungen unkompliziert zu einem Beistelltisch zusammenstecken – und bei einem Wohnungswechsel auch genauso leicht wieder zerlegen – lassen. Der funktionale Tisch von Ferdinand Kramer (1898–1985) ist Zeugnis einer der diversen Schaffensperioden des Frankfurter Architekten: Entworfen 1951 während seines letzten Exiljahres in New York, gehört er zu der Möbelserie Knock Down (zu Deutsch „zerlegbar“), die einerseits Kramers Auseinandersetzung mit der neuen Welt widerspiegelt und sich am amerikanischen Lebensstil orientiert.

Anderseits zeichnet sie sich durch Charakteristiken wie intelligente Materialnutzung und Langlebigkeit aus, die auch in Kramers früheren und späteren Frankfurter Entwürfen zu finden sind und die in Architektur und Design erst in den vergangenen Jahren wieder neu entdeckt wurden.

Architektenmöbel

„Barcelona Chair“, Ludwig Mies van der Rohe, Knoll International „Barcelona Chair“, Ludwig Mies van der Rohe, Knoll International | © So wie Ferdinand Kramer waren die ersten Designer des 20. Jahrhunderts Architekten, die für ihre Bauprojekte das dazu passende Mobiliar und andere Gebrauchsgegenstände selbst gestalteten, da sie auf dem Markt nichts Adäquates finden konnten. „Das Leben fordert andere Geräte, andere Möbel, andere Räume“, erklärte Kramer das Anliegen und Verlangen jener Zeit, das viele Architekten teilten und das zahlreiche Designklassiker hervorbrachte. So entstand 1920 der Sessel F51, weil Walter Gropius kein ideales Sitzmöbel für sein Direktorenzimmer im Weimarer Bauhaus finden konnte. Ludwig Mies van der Rohe entwarf 1929 den Barcelona Chair, um dem spanischen Königspaar bei der feierlichen Eröffnung des Deutschen Pavillons der Weltausstellung eine Sitzgelegenheit zu bieten. Und der finnische Architekt Alvar Aalto konzipierte 1930 den Sessel 41 für sein berühmtes Lungensanatorium in Paimio, um den Kranken beim Sitzen zum besseren Atmen zu verhelfen.

Produktdesign

  • „Drift“, Amanda Levete, Established & Sons ©
    „Drift“, Amanda Levete, Established & Sons
  • „Rapport“, Jürgen Mayer H., Vorwerk ©
    „Rapport“, Jürgen Mayer H., Vorwerk
  • „LC3“, Le Corbusier, Cassina ©
    „LC3“, Le Corbusier, Cassina
  • „Piana“, David Chipperfield, Alessi ©
    „Piana“, David Chipperfield, Alessi
  • „Torq“, Daniel Libeskind, Sawaya & Moroni ©
    „Torq“, Daniel Libeskind, Sawaya & Moroni
Erst Mitte des 20. Jahrhunderts trennte sich das Berufsfeld des Produktdesigners von dem des Architekten und etablierte sich als Eigenes. Mit einer Ausnahme: Italien. In dem Land, das seit der Nachkriegszeit zweifellos die Führungsrolle im Möbel- und Produktdesign besitzt, gab es lange Zeit keine speziellen Ausbildungsstätten. Wer eine akademische Ausbildung zum Designer anstrebte, studierte Architektur – im Gegensatz zu Deutschland. Hier haben Fach- und Meisterschulen eine lange Tradition, insbesondere das Bauhaus spielte eine zentrale Rolle in der Etablierung des Designerberufes. So führte die renommierte Schule erstmals die kunstgewerbliche und künstlerische Ausbildung zusammen und machte sich die Gestaltung von Möbeln für die industrielle Produktion zu den Hauptaufgaben.

Formale Ästhetik

Heute gibt es ein breit gefächertes Angebot gut gestalteter Möbel und Gebrauchsgegenstände von Produktdesignern. Dennoch entwerfen nach wie vor Architekten ihr Mobiliar in besonderen Fällen selbst, unter anderem um durch diese ihr Formverständnis im kleinen Maßstab zum Ausdruck zu bringen. Die Zweisitzerbank Drift von Amanda Levete spiegelt etwa die für die Londoner Architektin typische biomorphe Formensprache wider; die Möbelserie Torq von Daniel Libeskind orientiert sich an der Konstruktion einer seiner Museumsentwürfe, die einen fließenden Übergang aus quadratischem Grundriss und kreisrundem Dach vollzieht. Und der Berliner Jürgen Mayer H. greift in all seinen Entwürfen immer wieder verschlüsselte Daten als Muster auf – egal ob in einer Fassade oder in einem Teppichentwurf für Vorwerk.

Gebrauchswert

„Silver Chair“, Hadi Teherani, Interstuhl „Silver Chair“, Hadi Teherani, Interstuhl | © Demgegenüber stehen Architekten, deren Entwürfe sich weniger an die formale Ästhetik als den Gebrauchswert richten. So lässt der Hamburger Hadi Teherani bei seinem Silver Chair zwar sein Faible für technische Details deutlich erkennen. Das wirkt sich jedoch nicht nur auf die Formensprache aus, vielmehr ist der Bürosessel ein vorbildliches Beispiel an ergonomischem Sitzkomfort. Auch David Chipperfield geht es im Vordergrund um die Funktionalität: Sein Marmortisch Colonnade erinnert zwar mit seiner umlaufenden Pfeilerkolonnade an das von ihm entworfene Literaturarchiv in Marbach, ist jedoch alles andere als ein Architekturmodell: Die auf den ersten Blick durchgehende Tischplatte ist an zwei Stellen durchtrennt, sodass der Tisch in drei Elemente zerlegbar ist, die einzeln oder gemeinsam benutzt werden können.

„Colonnade“, David Chipperfield, Marsotto Edizioni „Colonnade“, David Chipperfield, Marsotto Edizioni | ©

Reeditionen

Die Anzahl der Architektenmöbel ist groß und genauso groß ist auch heute noch das Verlangen vieler Architekten, ihr künstlerisches Konzept über das Bauwerk hinaus auf den Innenraum auszudehnen und bestenfalls einen Designklassiker zu gestalten. Schließlich wurden die Ikonen der Möbelgeschichte in erster Linie von Architekten entworfen – obgleich zu Zeiten als der Beruf des Produktdesigners noch in den Kinderschuhen steckte. Das Erbe wiegt schwer, insbesondere weil viele der alten Entwürfe auch heute noch so zeitgemäß sind, dass sie vermehrt wieder als Reeditionen in das Sortiment internationaler Möbelunternehmen aufgenommen werden. Bestes Beispiel ist Ferdinand Kramers Möbel, das noch heute durch seine radikale Modernität und bedingungslose Einfachheit so fasziniert, dass es seit diesem Jahr wieder erhältlich ist.