Jan Kath Von Bochum zum Himalaja

Die Namen klingen wie Titel aus der hoch bezahlten Avantgarde-Szene, mal pompös, mal kryptisch. „Verona Vendetta“, „Rug evolution“, „Hematoid“: Dahinter könnten sich gut die Werke eines gehypten Jungstars auf dem überhitzten Kunstmarkt verbergen, es sind aber bloß – Teppiche. Wobei die Einschränkung in diesem Fall eben gerade nicht korrekt ist.

Portrait Jan Kath Portrait Jan Kath | Foto: Lars Langemeier Jan Kath, Sliced Hematoid Red Jan Kath, Sliced Hematoid Red | © Jan Kath Jan Kath, ein junger Bochumer mit Bodenhaftung und internationalem Renomee, entwirft Teppiche, aber seine Exemplare haben nichts zu tun mit dem tristen Bild zusammengerollter Erbstücke, die auf dem Speicher verstauben. Der Designer aus dem Ruhrgebiet verpasst dem guten alten Perser Schockfarben, verstörende Muster, flirrende Pixelschleier. „Jan Kath Design“ heißt das Unternehmen des 39-Jährigen. Ausgerechnet in einem ehemaligen Fabrikgebäude, dessen Spuren des Verfalls eine spröde Schönheit bilden, zeigt er seine kostbaren Textilkunstwerke aus den Manufakturen im Himalaja. Ruhrpott und Handarbeit, schrille Bilderwelten und überlieferte Muster: in den Gegensätzen zweier Welten liegt der Kern von Jan Kaths ungewöhnlicher Geschichte, und wahrscheinlich auch der seines Erfolgs.

Expedition ins Reich der Teppiche

Jan Kath, Erased Classic – Rug Evolution Alcaraz Sky Jan Kath, Erased Classic – Rug Evolution Alcaraz Sky | © Jan Kath Die Eltern des preisgekrönten Designers ohne jede gestalterische Ausbildung, der am liebsten in Turnschuhen auftritt und in seiner Jugend als Techno-Veranstalter in Indien jobbte, betrieben in Bochum ein eingeführtes Teppichgeschäft. Schon der Großvater handelte mit den wertvollen Stücken aus dem Orient, die früher als düstere Zeichen eines repräsentativen Haushalts in jede Großbürgervilla gehörten. Jan, der Sohn mit Faible für Musik und fremde Kulturen, fand an diesem Beruf nichts sonderlich Spannendes, erlernte im elterlichen Betrieb zwar das Kaufmännische – machte sich dann aber davon. Eine Weltreise als Backpacker mit unbestimmtem Ziel, vagen Zukunftsvorstellungen: Die Eltern, erinnert sich der sympathische Jungunternehmer, sahen es mit Sorge. Es konnte ja niemand ahnen, dass der verschlungene Weg des abtrünnigen Sohnes am Ende wieder in Bochum enden sollte. Im Teppichgeschäft.

Jan Kath, Erased Classic – Rug Evolution Alcaraz Sky Jan Kath, Erased Classic – Rug Evolution Alcaraz Sky | © Jan Kath In Kathmandu, wo Jan Kath noch heute in einer Manufaktur einen Teil seiner jährlichen Produktion von mehr als 20.000 Quadratmetern Teppich herstellen lässt, trifft er als junger Mann von Anfang Zwanzig zufällig einen Geschäftspartner des elterlichen Betriebs. Der bietet ihm Arbeit, Kath ist von der Himalaja-Stadt gebannt, nimmt an und steigt in der Firma für Tibetteppiche rasch auf.

Auf einer Erkundungsreise zu neuen Produktionsstätten in der Mongolei lernt er seine Frau kennen, bekommt seinen ersten Sohn und kehrt nach Kathmandu zurück, um die Knüpferei mit finanzieller Hilfe seines Vaters zu übernehmen. Das ist der Beginn von „Jan Kath Design“: Um Personalkosten zu sparen, entwirft er seine Modelle selbst und krempelt, nach geschäftlich stagnierenden Jahren mit Mainstream-Ware, schließlich das Erscheinungsbild von Teppichen grundlegend um. Inzwischen gehört der Vater zweier Kinder zu den führenden Teppichdesignern weltweit. Seine Stücke liegen in den Yachten von Scheichs, im New Yorker Penthouse von Rupert Murdoch, in der hawaiianischen Villa von Anthony Kiedis, Sänger der Red Hot Chili Peppers. Der Preis für ein fair gehandeltes edles Exemplar aus Wolle, Seide oder Brennesselfasern, das ein Knüpfer in monatelanger Handarbeit fertigt, liegt bei 1.200 Euro pro Quadratmeter und mehr.

Experiment und Tradition

Jan Kath, Concept Jan Kath, Concept | © Jan Kath Den Boom seines Unternehmens erklärt Jan Kath, der durch den Beruf der Eltern von Kindesbeinen an kosmopolitisches Flair gewöhnt war und sich als Vermittler zwischen den Kulturen begreift, auch mit einem innenarchitektonischen Wandel. Jahrelang hätten tonangebende italienische Designer die kompromisslose Kühle polierter Betonböden gepredigt. „Und plötzlich ging Teppich wieder“, sagt er – womöglich aus einer neuen Sehnsucht nach Behaglichkeit heraus, für die wirtschaftlich beängstigend unsichere Zeiten das Terrain bereitet haben könnten.

Jan Kath, From Russia with Love Jan Kath, From Russia with Love | © Jan Kath Wobei Kath betont, dass seine experimentellen Entwürfe beileibe nicht von Anfang an so gut ankamen bei der zahlungskräftigen Klientel wie inzwischen, wo er sogar seinen eigenen show room in New York besitzt. Die rabiaten künstlichen Alterungsspuren der „Rug evolution“-Serie, die fahle Optik scheinbar verblasster Renaissance-Muster, die radikalen Farben – der Bochumer setzt dem Teppich, Inbegriff bürgerlichen Wohlstands, fast schon aggressiv zu. Aus den Brüchen entwickelt er eine ganz eigene Handschrift. Dass Jan Kath sich mit dieser ästhetischen Tour de Force auch an seiner persönlichen Lebensgeschichte, der Tradition seiner Familie reibt, hat er in einem Interview einmal bekannt. Diese Authentizität dürfte Teil seines Erfolgs sein. Und sie macht seine Teppiche zu Kunstwerken.