Deutsche Dinge Designkultur und Lebensgefühl

Stuhl A660 von Thonet, Design: James Irvine
Stuhl A660 von Thonet, Design: James Irvine | © Gebrüder Thonet GmbH

Was verraten Thonet-Stühle, Braun-Geräte oder neue Designermode aus Berlin über unsere Art die Welt zu sehen? Gibt es ein speziell deutsches Design und wodurch ist es heute gekennzeichnet? Die Ethnologin und Kulturwissenschaftlerin Joana Breidenbach im Gespräch mit Goethe.de.

Porträt Joana Breidenbach Porträt Joana Breidenbach | Foto: privat Gibt es tatsächlich ein spezifisch deutsches Lebensgefühl und transportieren Produkte wie Bulthaup-Küchen, Mercedes-Benz oder die Mode von Jil Sander und Joop Teile dieser inneren deutschen Landschaft?

In einer Nation mit über 80 Millionen Einwohnern lässt sich diese Frage natürlich nicht pauschal beantworten. Wir sind es zwar gewohnt, von „deutscher Kultur“ zu sprechen, aber das ist eine Fiktion. Eine Berliner Internetunternehmerin teilt im Zweifel wesentlich mehr Werte, Normen und Verhaltensweisen mit einer ungarischen oder kolumbianischen Arbeitskollegin, als mit einer deutschen Bäuerin aus dem Chiemgau.

Allerdings konnte ich in „Deutsche und Dingwelt“ zeigen, dass es zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine ganz bewusste Bewegung gab, die eine Beziehung zwischen vermeintlich deutschen Charaktereigenschaften und Objekten „Made in Germany“ herzustellen versuchte und damit auch erfolgreich war. Spätestens seit den 1970er-Jahren sehen wir aber eine große kulturelle Ausdifferenzierung der Lebensstile – in Deutschland ebenso wie weltweit – und es wird immer schwerer von einem deutschen Lebensgefühl zu sprechen, das sich in Konsumgütern ausdrückt.

Kann man die Übertragung nationaler Eigenschaften auf die Dingwelt als einen jeder Kultur inhärenten Prozess beschreiben oder wurde da ganz bewusst Deutschheit konstruiert und vermittelt?

Thonet Bugholzstuhl Thonet Bugholzstuhl | © Gebrüder Thonet GmbH Auf der einen Seite entwickelt sich unter Designstudenten an Hochschulen eine bestimmte Bilder- und Formensprache, die Ausdruck ihrer Lebenseinstellung ist. Andererseits nutzen Designer natürlich den Formenschatz der letzten Jahrzehnte um sich selbst ein Profil zu geben und da ist eine Bezugnahme auf „Deutschsein“ bestimmt eine Erfolgsstrategie. Denn weltweit steht das „Made in Germany“ immer noch in einem sehr guten Ruf. Wenn es heute einen deutschen Designstil gibt, Ingenieurs-Ästhetik, praktisch, funktionsgerecht, von hoher Materialqualität und daher langlebig, dann ist das meines Erachtens weniger Ausdruck der deutschen Lebenskultur, sondern eher ein bewusst gewähltes Distinktionsmerkmal in einer immer heftiger umkämpften, nach Alleinstellungsmerkmalen ringenden, internationalen Designszene.

Gibt es eine Rückwirkung von Objekten auf ihre Benutzer oder anders gefragt: Wirkt Design selbst kulturprägend auf die deutsche Identität?

Aus ethnologischer Sicht sind Objekte, auch Konsumgüter, ein essenzieller Bestandteil des Selbst: Kaufe ich im Bioladen oder bei Penny, trage ich Pelz oder Hanf, entscheide ich mich für die Edelstahlküche oder die im Provence-Look? Durch diese vermeintlichen Oberflächenphänomene kommunizieren wir miteinander und signalisieren unserer Umgebung wer wir sind. Die Frage ist hier wieder, ob sich dieser Mechanismus auch auf eine so große Einheit wie „Die Deutschen“ übertragen lässt. Ich würde das verneinen und sagen, dass es bestimmt Bevölkerungsgruppen in Deutschland gibt, deren Identität und deren Handeln durch einen BMW oder einen Braun-Wecker mitbestimmt wird.

Label „Frau Wagner“ Label „Frau Wagner“ | Foto: Anja Bleyl © Frau Wagner Label „Frau Wagner“ Label „Frau Wagner“ | Foto: Anja Bleyl © Frau Wagner Ein Abstecher in die Welt des Modedesigns: Wurde deutsche Mode bis vor kurzem noch durch strenge Schnitte, Funktionskleidung und Birkenstockschuhe repräsentiert, so haben sich heute insbesondere in Berlin eine Vielzahl junger Modemacher etabliert, die sich innovatives Design, Eleganz und Berliner-Szene-Look zu einer neuen deutschen Form zurechtgenäht haben, die heute sowohl im Museum of Modern Art in New York, wie auch in Japan rezipiert wird. Ist die deutsche Seele dabei sich zu verändern?

Berlin ist eine weltoffene Stadt, in der viele Einflüsse zusammenkommen. Für mich bringt eine Modedesignerin wie Susanne Wagner, die unter dem Label „Frau Wagner“ alte Sportkleidung neu zusammenschneidert – aus Adidas-Trainingsanzügen werden dann coole Hemden oder prachtvolle Abendroben – das Berliner Lebensgefühl auf den Punkt: Ihre Mode ist egalitär, fantasievoll, kreativ und nachhaltig. Also, klar verändert sich das Deutsche. Wandel ist in der Kultur das einzig Beständige.

Bevorzugen Sie für sich selbst einen bestimmten nationalen Designstil?

Braun SK 61 Braun SK 61 | Foto: xavax via Wikimedia Commons Nein, ich lebe im Design unterschiedliche Facetten aus: in unserer Wohnung in Berlin stehen neben einigen Erbstücken meist moderne Möbel, die befreundete Designer für italienische, deutsche oder französische Firmen entworfen haben. Für unser Haus in Frankreich haben wir Gegenstände aus der Provence zusammengesammelt. Meinem Kleidungsstil wiederum merkt man wahrscheinlich an, dass ich als Teenager in England sozialisiert wurde und heute in einem Kreuzberger Internet-Start-up arbeite. Und überall finden sich Gegenstände, die wir auf unseren Reisen gesammelt haben. Alles ziemlich kreolisiert.
 

Dr. Joana Breidenbach (1965) studierte Ethnologie in München, Berkeley und London. Zahlreiche Veröffentlichungen zu den kulturellen Folgen der Globalisierung, unter anderem Tanz der Kulturen (mit Ina Zukrigl), Verlag Antje Kunstmann 1998, Maxikulti, Campus 2008 und Seeing Culture Everywhere (mit Pál Nyiri), University of Washington Press 2009. Sie arbeitete viele Jahre als Kolumnistin des Wirtschaftsmagazins brand eins. Breidenbach ist Mitbegünderin von betterplace.org, der deutschen Plattform für soziales Engagement, wo sie das betterplace lab leitet.