Deutsches Modebewusstsein Ein Prototyp ist vom Aussterben bedroht

Premium Order München SS 2014
Premium Order München SS 2014 | © Roger Riedel

Laut einem Klischee kleiden sich die Deutschen praktisch, unauffällig und unmodisch. Während in den unmittelbaren Nachbarländern Mode als Kulturgut behandelt wird, fehlt es in Deutschland immer noch an Offenheit und Experimentierfreudigkeit. Das scheint sich gerade dank der internationalen Bloggerszene und der umfassenden Verfügbarkeit von Mode im Onlinehandel zu verändern.

Dass den Deutschen die Mode noch nicht so richtig ins Blut übergegangen ist, zeigt sich oft auf Reisen in andere europäische Länder. Italien besticht durch hochwertige Qualität und edles Design, Frankreich durch seinen berühmt koketten Charme und Großbritannien durch Klassik auf der einen und dem unverkennbaren Mut zum Extravaganten auf der anderen Seite. Die skandinavischen Länder haben es mit ihrem etwas kühlen, aber sehr ideenreichen Stil bereits zu internationaler Anerkennung gebracht, die Niederländer zeigen sich ebenfalls mutig und am Puls der Zeit.

Beschreibungen des deutschen Stils fallen im Vergleich deutlich nüchterner aus. Der lockere und selbstverständliche Umgang mit der eigenen modischen Kreativität fällt den Deutschen offenbar nicht leicht. Stattdessen setzen viele Deutsche Bekleidung häufig mit Mode gleich. Diese geringe Wertschätzung äußert sich auch in dem vergleichsweise niedrigen kulturellen Stellenwert der Mode in Deutschland.

Bread&Butter „Ich bin ein Berliner“ (2014) Bread&Butter „Ich bin ein Berliner“ (2014) | © breadandbutter.com (Franziska Taffelt) Dabei bringt Deutschland nicht weniger kreative Talente hervor als andere Länder. Beispiele für international bekannte deutsche Designer gibt es genügend, nur sind viele von ihnen nicht in der Modebranche geblieben. Ursache dafür könnte sein, dass in anderen Ländern die Mode und ihre Designer deutlich besser akzeptiert und vor allem gefördert werden.

Einblicke in neue Möglichkeiten

  • © Panorama Berlin © Panorama Berlin
  • Modaprima © F.Guazzelli
    Modaprima
  • Premium, Sommer 2014 © Laura Deschner
    Premium, Sommer 2014
  • Premium, Sommer 2014 © Jennifer Fey
    Premium, Sommer 2014
Trotzdem ist der deutsche Modehandel seit einiger Zeit in Bewegung. Das Schlagwort hierfür ist die digitale Vernetzung. Wer zuletzt noch bei seinem regionalen Einzelhändler nach Trends suchte, kann inzwischen in zahlreichen Blogs, Online-Magazinen und -Shops jede Stilrichtung bis ins kleinste Detail beobachten und sich so eigenständig ein ganz neues Bild von Mode und ihren Möglichkeiten verschaffen. Sie wird greifbarer und der Umgang mit ihr selbstverständlicher, alltäglicher und durch die Erweiterung der Perspektive auch selbstbewusster. Das wiederum lässt die eigenen modischen Vorstellungen konkreter werden und steigert die Ansprüche an die Modegeschäfte. Somit müssen die Händler zunehmend Anreize für ihre Kunden schaffen, damit diese trotz den Verlockungen des Online-Angebots bei ihnen einkaufen. Das Kundenprofil, auf das ein Händler gestern noch sein Marken- und Modeangebot ausgerichtet hatte, ist vielleicht morgen schon wieder hinfällig. Die gute Nachricht dieser Entwicklung ist, dass das deutsche Modebewusstsein in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat.

Unkonventionelle Looks und Stilbruch

Premium, Sommer 2014 Premium, Sommer 2014 | © Jennifer Fey Aber nicht nur das Internet und die internationalen Einflüsse sind es, die einen neuen Zugang zur Mode verschaffen, sondern auch die Mode selbst hat einiges in Bewegung gebracht. Schleichend begann vor einigen Jahren eine Auflockerung der zuvor recht festgelegten Ästhetik, von der Alltagsmode bis zur Bürokleidung. Statt steifer Kombinationen wurden unkonventionelle Looks salonfähig. Seither ist der Stilbruch Leitmotiv. Man trägt derbe Boots zu feinen Seidenkleidern mit dickem Wollschal und schmal geschnittene Blazer zur Denim, auch im Büroalltag. Das Ergebnis dieses Wandels ist eine Mode, die sich zunehmend aus Einzelteilen zusammensetzt. Marken können genauso vermischt werden wie unterschiedliche Stile und Materialien. Diese Auffassung bringt einen unerschöpflichen Pool an Gestaltungsmöglichkeiten mit sich und unterstützt die Erfindung eines individuellen Stils. Gleichzeitig entsteht daraus eine neue Herausforderung, da man kreativ werden muss, um modisch zu bleiben, statt sich auf vorgefertigte Lösungen zu beziehen. Das könnte der Verbesserung des deutschen Images in Modefragen allerdings gut tun.