Urban Gardening Die grüne Revolution

Ökorebellen
Ökorebellen | © BWA Wrocław

Geranien auf dem Balkon und Stiefmütterchen vor dem Wohnblock sind längst keine Domäne der ein wenig verrückten Nachbarin aus dem zweiten Stock mehr. Auch Aktivisten, Künstler und Volksvertreter haben das „Urban Gardening“ für sich entdeckt. Wie sich zeigt, ist das gemeinsame Säen, Jäten, Gießen und Harken eine ausgezeichnete Methode, um Menschen zusammenzubringen und für ihre Umwelt zu sensibilisieren.

Sie fahren mit dem Fahrrad durch die Stadt, tragen eine gelbe Sturmhaube auf dem Kopf und ein Bäumchen unter dem Arm. Die Rede ist von den Ökorebellen, die seit dem März dieses Jahres für ein schöneres, oder zumindest grüneres Breslau kämpfen. Zuvor hatten sie versucht, die Stadtverwaltung mit traditionellen Methoden zur Wiederaufforstung des städtischen Baumbestandes (in den vergangenen drei Jahren wurden in Breslau über 30 000 Bäume gefällt!) zu bewegen. Als die Petitionen und offenen Briefe nicht den gewünschten Erfolg brachten, riefen sie das Projekt Ökorebellion ins Leben, in dessen Rahmen bereits über 30 Bäume gepflanzt wurden. Die Aktivisten pflanzen nicht einfach wild drauflos, sondern lassen sich bei der Auswahl der Standorte für die jungen Akazien, Birken und Kastanien von einem erfahrenen Forstwirt beraten. Es geht schließlich nicht nur um eine Geste, sondern darum, dass die Bäume auch wirklich anwachsen. Die Ökorebellen erklären, dass sie sich bei ihrem Projekt von Künstlern wie Joseph Beuys inspirieren ließen, der 1982 anlässlich der Documenta in Kassel 7000 Eichen pflanzen ließ. Auch das Breslauer Büro für Kunstausstellungen wurde auf die Aktionen der Ökorebellen aufmerksam und produzierte einen Dokumentarfilm, der im Rahmen einer eigenen Ausstellung präsentiert wurde. Außerdem wurde das Projekt in das Programm der ebenfalls vom Büro für Kunstausstellungen organisierten IV. Internationalen Biennale für Urbane Kunst „Out Of Sth“ aufgenommen.

Soziale Gärten

Ein weiterer Beleg für die zunehmende künstlerische Bedeutung von Urban Gardening-Projekten war die Aktion Speed Guerilla Gardening im Rahmen des diesjährigen Posener Malta Festivals. In einer Art Battle traten zwei Teams gegeneinander an, die speziell vorbereitete Setzlinge in der Gegend um den Plac Wolności pflanzten. Dies war nicht die erste Urban Gardening-Initiative der Malta-Stiftung. Im Rahmen des langfristigen Projekts Generator Malta setzen sich Künstler gemeinsam mit Bürgern vor Ort für die Schaffung von Gemeinschaftsgärten ein. Außerdem fand in diesem Jahr in Posen der erste Internationale Kongress der Initiatoren von Gemeinschaftsgärten statt.

„Wir berufen uns auf die atavistische Verbindung des Menschen mit der Erde. Wir beginnen damit, dass wir gemeinsam Orte schaffen, Menschen zusammenzubringen, die unterschiedliche soziale Rollen spielen, darunter auch Künstler. Unser landwirtschaftliches Experiment – der Anbau von Obst, Gemüse, Blumen und Kräutern – ist ein erster Schritt zur Herstellung sozialer Bindungen, der Ausgangspunkt eines Prozesses, der vom Anbau zur Partizipation führt. Das Projekt soll das Potenzial von Menschen freisetzen, die, obwohl sie sich tagtäglich einen gemeinsamen Raum teilen, im öffentlichen Raum einander fremd bleiben“, erklären die Organisatoren in ihrem Programm. Überhaupt spielt die Stadt Posen eine sehr aktive Rolle im Urbanen Gartenbau. Auch das Freibadkollektiv (Kolektyw Kąpielisko) – eine Gruppe, die sich für die Schaffung eines Gemeinschaftsgartens auf dem Gelände des stillgelegten Freibads im Kasprowicz-Park einsetzt – ist in der Stadt tätig. Das erste Gemüse und die ersten Kräuter wurden bereits gepflanzt.

Hirtentäschelsalat

Der Trend zum Urban Gardening beschränkt sich jedoch keineswegs auf Westpolen. Auch in Warschau gibt es immer mehr und besser organisierte Projekte, wie zum Beispiel Kwiatuchi, ein Künstlerduett, das regelmäßig Pflanzaktionen im Stadtteil Żoliborz organisiert, oder auch Kwiatki-Bratki, ein Kollektiv, das mit zahlreichen Aktionen zum gemeinsamen Gärtnern einlädt. Ebenfalls in Warschau tätig ist Jodie Baltazar, eine Amerikanerin, die seit einigen Jahren versucht, das in ihrer Heimatstadt Los Angeles populäre Urban Gardening auch in Polen bekannt zu machen. Jodie pflanzt Kräuter, Salat und Tomaten vor ihrem Wohnblock, neben Eisenbahngleisen und in ihrem Kleingarten, der gleichzeitig die Zentrale ihrer Non-Profit-Initiative Pixxe (www.pixxe.org) ist. Die städtische Pflanzenwelt ist für die Aktivistin eine ständige Quelle der Inspiration. Sie baut nicht nur eigenes Gemüse an, sondern versucht auch, Pflanzen zu verwerten, die ohnehin im städtischen Raum wachsen. Sie arbeitet an einem Atlas wild wachsender, essbarer Pflanzen und veranstaltet Stadtführungen, bei denen sie den Teilnehmern zeigt, wo in der Stadt Apfel-, Nuss- und Kirschbäume wachsen. Sie erklärt, welche Pflanzen essbar und welche giftig sind, und ermutigt zu kulinarischen Experimenten, zum Beispiel mit Maulbeeren oder Hirtentäschel. Jodies Aktionen werden vom Bezirksamt Ochota unterstützt, das gemeinsam mit der Künstlerin unter anderem die Aktion Wir bepflanzen Ochota (Uprawiajmy na Ochocie) organisiert, mit der die Einwohner zum Anlegen eigener Gärten angeregt werden sollen.

Auch die großen Konzerne haben den Trend zum Urban Gardening längst für sich entdeckt und demonstrieren mit entsprechenden Projekten ihr Umweltbewusstsein. Ein Beispiel hierfür ist die Warschauer Initiative Stadt und Garten. Auf dem ehemaligen Fabrikgelände der Firma Norblin entstand ein eindrucksvoller städtischer Gemüsegarten mit zahlreichen mobilen Beeten, einem Angebot an Samen, Pflänzlingen und Gartengeräten und Animatoren, die den Besuchern mit Rat und Tat zur Seite stehen. Das Gelände ist in zwei Abschnitte unterteilt: einen öffentlichen Bereich, der von sämtlichen Bürgern und lokalen Gemeinschaften (zum Beispiel Schulklassen und Seniorengruppen) genutzt werden kann, und einen geschlossenen Bereich mit einzelnen Kastenbeeten, die nach dem Losverfahren an Bewerber verteilt wurden.


Präsentation der Sieger des Wettbewerbs „Warszawa w kwiatach i zieleni 2013“

Der schönste Balkon der Stadt

Der beste Beleg für die Renaissance des Urbanen Gartenbaus ist die Neugestaltung des ältesten Warschauer Gartenwettbewerbs. Die Initiative Warschau in Blumen und Grün (Warszawa w kwiatach i zieleni) reicht bis in die Zwischenkriegsjahre und in die Amtszeit des Bürgermeisters Stefan Starzyński zurück. Der Wettbewerb fand ab 1935 statt, wurde bald darauf vom Zweiten Weltkrieg unterbrochen und schließlich in den 70er-Jahren wiederbelebt. Über 500 Teilnehmer melden jedes Jahr ihre Gärten, Balkons und Beete zum Wettbewerb an. Nachdem die Initiative lange Jahre vor allem die älteren Warschauer ansprach, soll sie in diesem Jahr ihr Gesicht verändern. Die Organisatoren haben sich zum Ziel gesetzt, auch jüngere Gartenliebhaber zu mobilisieren und den Wettbewerb über die Kleingärtnerszene hinaus bekannt zu machen. Die neu geschaffene Kategorie „Alternative Formen städtischen Grüns“ ist für all jene gedacht, die sich auf ungewöhnliche Weise mit dem Thema Stadtbegrünung auseinandersetzen. Die Sieger des diesjährigen Wettbewerbs werden im August bekannt gegeben – bis es soweit ist, kann man sich schon einmal einen Beitrag über den letztjährigen Wettbewerb ansehen.