About a Girl Die Leiden des Erwachsenwerdens

Filmstill aus „About a Girl“
Filmstill aus „About a Girl“ | © IMBISSFILM Bastian Fischer

About a Girl ist nicht nur einer der besten Jugendfilme der letzten Monate, sondern er macht auch schmerzlich bewusst, wie wenig Aufmerksamkeit dieses Genre bis heute erfährt.

Charleen (Jasna Fritzi Bauer) ist fünfzehn Jahre alt und hat so ihre Schwierigkeiten mit dem Erwachsenwerden. Mit ihren Mitschülern (außer einer Freundin) versteht sie sich nicht, den Freund ihrer Mutter kann sie nicht ausstehen, ihr Bruder nervt sie, und ihre Mutter ist ... na, wie Mütter eben so sind. Sie gibt sich alle Mühe, aber ihre Umwelt ist einfach zu verwirrend. Alles ist entweder langweilig, anstrengend oder nervig. Als sie die Nase voll von allem hat, schließt sie sich im Badezimmer ein und versucht, sich mithilfe einer vollen Wanne und eines eingeschalteten Föhns das Leben zu nehmen. Doch der Versuch misslingt, und anstatt auf dem Friedhof landet das Mädchen im Krankenhaus. Was im Grunde noch schlimmer ist: Für ihre Klassenkameraden ist es ein weiterer Beweis dafür, dass Charleen eine totale Versagerin ist, die es nicht einmal auf die Reihe bekommt, sich selbst umzubringen.


Filmtrailer von „About a Girl“; Quelle: Spectator, www.youtube.com

Filme über Jugendliche, nicht für Jugendliche

Erfahrene Kinogänger werden jetzt möglicherweise aufstöhnen: „Oh je, noch ein weiterer Film über das Erwachsenwerden? Was gibt es da noch Neues zu sagen?“. Einerseits haben sie damit Recht, denn es entstehen derzeit tatsächlich sehr viele Filme zu diesem Thema. Der letzte bedeutende Vertreter dieses Genres, Boyhood von Richard Linklater, gewann zahlreiche Preise und wurde sogar für den Oscar nominiert. Andererseits beschreiben diese Filme die Welt überwiegend aus der Perspektive der Erwachsenen. Obwohl sie von Jugendlichen handeln, sind sie nicht wirklich für Jugendliche gedacht. In Boyhood zum Beispiel ist es die Mutter des Helden, die von entscheidender Bedeutung für die Handlung ist, obwohl sie formal nur eine Nebenrolle spielt.

Die Besonderheit von About a Girl – denn zweifellos haben wir es hier mit einer besonderen Produktion zu tun – beruht auf der Tatsache, dass der Film konsequent für jugendliche Zuschauer konzipiert wurde. Das Handlungsgerüst, die Figuren, die Dialoge und – was am wichtigsten ist – die Perspektive des Films orientieren sich an der Erfahrungswelt von Jugendlichen – About a Girl ist ein Film, der an sie adressiert und auf sie zugeschnitten ist. Mehr noch: Wenn man ihn als ein Muster betrachtet (was der Film zweifellos verdient), kann man eine Liste von Merkmalen erstellen, durch die sich ein Film für Zuschauer im „frühen Teenageralter“ auszeichnen sollte. Erstens: einen glaubwürdigen Protagonisten (in diesem Fall eine Protagonistin), mit dem man sich identifizieren kann. Charleen hat ihren eigenen Kopf, sie kleidet sich überwiegend schwarz und hört am liebsten Musik von Musikern, die nicht mehr auf dieser Erde weilen (der Titel des Films ist eine direkte Anspielung auf einen Song von Nirvana), doch im Grunde ist sie ein liebenswertes und gutmütiges Mädchen. Zweitens: eine positive Grundaussage. About a Girl spricht zahlreiche schwierige Themen an, wie soziale Ausgrenzung, die Scheidung der Eltern und den Tod, und doch wechselt der Film zu keinem Zeitpunkt auf die „dunkle Seite der Macht“, sondern er versucht, den dargestellten Problemen mit konstruktiven Lösungsansätzen und einer guten Portion Humor zu begegnen. Auch die in anderen Produktionen dieses Typs oft überstrapazierten Motive wie Alkohol, Drogen, Sex und Gewalt kommen im Film nicht vor. Drittens: ein Raum für Diskussionen. About a Girl bietet sich geradezu dazu an, von Kindern und Eltern gemeinsam angesehen zu werden und anschließend über die im Film behandelten Themen zu diskutieren. Marko Monheims Film hält mit seiner friedlichen Botschaft und seiner klugen Weltsicht genügend Denkanstöße und praktikable Lösungen bereit.

Jemand, der älter ist als ich

Eine wichtige Frage ist selbstverständlich, an welche Altersgruppe sich der Film wendet. Nach Meinung von Psychologen sehen sich Kinder und Jugendliche am liebsten Filme an, deren Helden ein wenig älter sind als sie selbst. Erstklässler (6-7 Jahre) sehen sich also am liebsten Filme über Zehnjährige an, Zehnjährige bevorzugen Filme über Mittelstufenschüler usw. In diesem Zusammenhang erscheint About a Girl, dessen Heldin fünfzehn Jahre alt ist, am geeignetsten für Zuschauer im Alter von 11-14 Jahren, also in einem Alter, das oft als das schwierigste bezeichnet wird. Zum Schluss noch eine allgemeine Überlegung: Es erscheint paradox, dass zwar jedes Jahr eine riesige Anzahl von Filmen für jüngere Kinder entsteht, während das Genre des Jugendfilms weitgehend vernachlässigt wird. Es mangelt definitiv an klugen, warmherzigen und „erwachsenen“ Produktionen, die sich Jugendliche ansehen können, ohne dass es ihnen peinlich sein muss – oder deren Botschaft sie sich vielleicht sogar zu Herzen nehmen könnten. About a Girl passt ausgezeichnet in diese Nische, auch wenn er sie selbstverständlich nicht ganz füllen kann.

About a Girl
Deutschland, 2014
Regie: Mark Monheim
Verleih: NFP (in Polen: Spectator)
Polnische Premiere: 27. März 2015