Die Frau des Polizisten Langsam, mit ganz kleinen Schritten

Filmstill aus „Die Frau des Polizisten“
Filmstill aus „Die Frau des Polizisten“ | © Stowarzyszenie Nowe Horyzonty

Die Frau des Polizisten von Philip Gröning ist einer der besten, wenn nicht der beste Film zum Thema häusliche Gewalt, der in den letzten Jahren entstand. Vielleicht sogar der beste überhaupt.

Wir sind daran gewöhnt, dass Filme uns verführen. Sie sollen visuell ansprechend, spannend und dynamisch sein. Philip Gröning gibt sich indes vom ersten Augenblick an alle Mühe, uns seinen Film zu verleiden. Sein neuestes, dreistündiges Werk besteht aus 59 Szenen (!), die mit Schwarzblenden und nummerierenden Titeln wie „Ende Kapitel 3“ und „Anfang Kapitel 4“ voneinander getrennt sind. Diese mehrere Sekunden dauernden Zwischenspiele machen es dem Zuschauer nicht nur unmöglich, sich in die Handlung hineinzuversetzen, sondern sie wirken durch ihren Wiederholungscharakter geradezu einschläfernd. Als wäre das noch nicht genug, passiert zunächst praktisch nichts auf der Leinwand. Wir sehen einen Wald, einen dahineilenden Fuchs, eine Frau, die ihren Mann küsst, mit ihrer kleinen Tochter spielt, in ihrem Garten ein Beet anlegt. Nach zehn Minuten dieses filmischen Experiments, schauen wir das erste Mal auf die Uhr, nach einer halben Stunde beginnen wir, unruhig im Kinosessel umherzurutschen. Und nach einer Stunde beginnen wir – sofern wir nicht bereits eingeschlafen sind – leise zu fluchen. Doch da geschieht das Wunder. Die sich wiederholenden Szenen einer Ehe finden plötzlich in unseren Köpfen einen Rhythmus. Der banale Alltag beginnt uns zu hypnotisieren, und hinter der glatten Oberfläche tritt allmählich das Grauen hervor.


Der Filmtrailer von „Die Frau des Polizisten“; Quelle: Filmlichter, www.youtube.com

Die große Stille hinter der Schlafzimmertür

Philip Gröning ist in Polen kein Unbekannter. Ganz im Gegenteil. Sein vorheriges Werk, Die große Stille aus dem Jahr 2005, erwies sich hierzulande als ein Überraschungserfolg. Ungefähr 75.000 Polen sahen den dreistündigen Dokumentarfilm über das Leben der Mönche in der Grande Chartreuse, dem Mutterkloster des Kartäuserordens in den französischen Alpen. Ein außergewöhnliches Resultat für einen Dokumentarfilm, noch dazu einen, der es dem Zuschauer mit seiner Spieldauer und seinem meditativen Charakter nicht gerade leicht macht. Selbst die polnische Verleihfirma konnte ihre Verblüffung nicht verbergen und organisierte im Handumdrehen zusätzliche Vorstellungen des Films, und die Popularität Grönings wurde ausgiebig in den Medien diskutiert. Jetzt, fast ein Jahrzehnt später, widmet sich der Regisseur einem völlig anderen Thema. Während er damals die Schönheit und Anmut der Welt beschrieb, thematisiert er jetzt das in ihr vorhandene Böse. Ein zu Beginn noch unscheinbares, fast unsichtbares Böses. Eben diesem Zweck dient die unbequeme und ein wenig manierierte Form von Die Frau des Polizisten. Es ist eine wesentliche Eigenschaft von Gewalt und Aggression, dass sie sich unerhört langsam in den Alltag einschleichen. Mit ganz kleinen Schritten, mit langen Pausen dazwischen. „Es gibt keinen bestimmten Moment, in dem die Gewalt ihren Anfang nimmt“, sagte Philip Gröning in einem Interview. „Ich habe mich mit vielen betroffenen Frauen unterhalten, und keine von ihnen konnte sagen, wann genau es angefangen hatte.“ Auch in Die Frau des Polizisten gibt es diesen Moment nicht. Plötzlich wird uns bewusst, dass die Heldin des Films abends im Bett nicht mehr wie früher die Hand ihres Mannes sucht, sondern sie kaum merklich von sich stößt. Oder hat sie dies vielleicht schon vorher getan? Und wir haben es nur nicht bemerkt? Schließlich wirkt alles andere genau so wie zuvor. Die gleichen Spaziergänge, die gleichen Gespräche mit der Tochter, das Lachen während der Morgentoilette. Es ist nur ein unbedeutendes Detail, das man – wie im wirklichen Leben – leicht übersehen kann.


Filmausschnitt aus „Die Frau des Polizisten“; Quelle: Richard Lormand, vimeo.com

Was man nicht sieht

Im Abspann des Films gibt es eine spezielle Danksagung des Regisseurs an all jene Personen, die ihm von ihren Erfahrungen mit häuslicher Gewalt berichteten. In der Tat fällt es schwer, Die Frau des Polizisten – obwohl er eine fiktive Geschichte erzählt – als fiktiven Film zu betrachten. Er wirkt vielmehr wie ein Dokumentardrama, denn die Realität häuslicher Gewalt wird hier mit schonungsloser Offenheit und psychologischer Glaubwürdigkeit geschildert. Ihre besonderen Merkmale? Erstens: Die Verwischung der Spuren. Er weiß genau, wo und wie er zuschlagen darf. Nicht ins Gesicht. Nicht auf die Handflächen und die Waden. Weil man es dort sehen könnte. Stattdessen sehr wohl auf die von Kleidung bedeckten Körperteile: den Rücken, die Schultern, die Oberschenkel. Zweitens: Die Isolation von der Außenwelt. Seltsamerweise kommen im Alltag der Familie keine Verwandten vor, keine Großmütter, Tanten, Onkel, nicht einmal Geschwister. Es gibt auch keine Begegnungen mit Freunden, keine gemeinsamen Urlaube und keine Grillabende. Die Frau hat keine einzige Freundin. Drittens, und dies ist wohl das Schlimmste: das Warten. Die Frau des Polizisten ist kein brutaler Film, die Szenen körperlicher Gewalt lassen sich an den Fingern einer Hand abzählen und machen insgesamt nur wenige Minuten aus. Denn nicht sie sind das Schlimmste. Das Schlimmste, Zerstörerischste ist das Warten auf die Explosion, die mit Sicherheit erfolgen wird – die Frage ist nur, wann. Philip Gröning stellt dem Zuschauer eine perfide Falle: Zunächst führt er ihn unmerklich ins Zentrum des Alptraums, um ihn anschließend, als es bereits zu spät ist, allein, gewissermaßen als Geisel der Situation, dort zurückzulassen. Eben darin zeigt sich die künstlerische Klasse Grönings, dass er nicht nur die Mechanismen häuslicher Gewalt präzise offenlegt, sondern auch bewirkt, dass wir uns ganz allmählich in die verschüchterte Frau mit dem leeren Blick einfühlen, die mit aller Kraft versucht, sich unsichtbar zu machen. Oder die an der Fensterscheibe kratzt, um einen nicht vorhandenen Fleck wegzuwischen.

Die Frau des Polizisten
Deutschland, 2013
Regie: Philip Gröning
Verleih: 3L Filmverleih (in Polen: Stowarzyszenie Nowe Horyzonty)
Polnische Premiere: 20. März 2015