Die geliebten Schwestern Die Unabhängigkeit des Dreiecks

Filmstill aus „Die geliebten Schwestern“
Filmstill aus „Die geliebten Schwestern“ | © Aurora Films

Der diesjährige deutsche Kandidat für eine Oscar-Nominierung Die geliebten Schwestern ist nicht nur ein gekonnt inszeniertes Kostümdrama, sondern auch eine verblüffend aktuelle Geschichte über eine Rebellion gegen gesellschaftliche Konventionen und einen unbändigen Drang nach Freiheit.

Das Herzogtum Weimar gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Caroline und Charlotte von Lengefeld, zwei Töchter aus einer verarmten thüringischen Adelsfamilie, führen ein Leben, das von den für ihre Epoche charakteristischen Zwängen geprägt ist. Die ältere Schwester Caroline hat einen wohlhabenden, ungeliebten Mann geheiratet, um ihre Familie vor dem Ruin zu retten. Sie empfindet eine so tiefe Abneigung gegen ihren Ehemann, dass sie in Briefen an ihre Schwester sogar mit dem Gedanken spielt, ihren Tod vorzutäuschen. Die jüngere Schwester Charlotte wird zu ihrer reichen Patentante nach Weimar geschickt, um dort in die Gesellschaft eingeführt zu werden und eine gute Partie zu machen. Das Leben der beiden jungen Frauen erscheint absolut vorhersehbar, vorgeplant – und voller Langeweile. Einer Langeweile, die aus einem Gefühl von Unvermeidlichkeit und Hoffnungslosigkeit erwächst. Doch plötzlich kommt es zu einem „Fehler im System“: In das Leben der beiden Schwestern tritt der junge Dichter Friedrich Schiller, ein unruhiger, eigenwilliger junger Mann, der nicht so recht in seine Umgebung passen will und an dem selbst ein eleganter Anzug wie ein schlecht geschneidertes Kostüm wirkt. Schon bald entspinnt sich zwischen den dreien eine ebenso komplizierte wie faszinierende Beziehung.


Trailer des Films „Die geliebten Schwestern“; Quelle: www.youtube.com, AuroraFilmsPl

Plötzlich im letzten Sommer

Wie kommt es dazu, dass zwischen dem jungen Dichter und den beiden Schwestern so starke und – wie sich später herausstellt – unauslöschliche Gefühle erwachsen? Ein Grund hierfür liegt sicherlich im jugendlichen Alter der Protagonisten und in ihrer Rebellion gegen gesellschaftliche Zwänge. Doch die eigentliche Triebfeder dieser Dreiecksbeziehung ist der Wunsch nach Freiheit. Zwei Menschen können miteinander in Beziehung treten, doch um einen Raum zu erschaffen (oder im geometrischen Sinne: eine Fläche) benötigt es drei Eckpunkte eines Dreiecks. Und den drei Protagonisten des Films gelingt es, allen gesellschaftlichen Widerständen zum Trotz, sich einen Freiraum zu schaffen, in dem sie ihren unerträglichen Alltag vergessen können. In dem jeder von ihnen sich sicher und akzeptiert fühlt und Erfüllung findet – auch in körperlicher, doch vor allem in psychischer und emotionaler Hinsicht. Einen Raum, in dem sie sich ungestraft verlieren dürfen. Sowohl Schiller als auch Caroline und Charlotte wirken – dies wird erst im Moment ihrer Begegnung so richtig deutlich – wie Fremdkörper in ihrer Umgebung.

Alle drei versuchen – sosehr sie sich auch hinsichtlich ihres Temperaments und ihrer Persönlichkeit unterscheiden – das Spiel der gesellschaftlichen Konventionen und Salonrituale mitzuspielen. Ohne Erfolg. „Diese Welt ist nicht die meine: Ironie, Koketterie – dafür bin ich viel zu schlicht gemacht“, sagt Schiller an einer Stelle. Das klingt zwar nach Koketterie, ist aber durchaus ernst gemeint. Aus diesem Grund fühlen sich alle drei – auch wenn sie es zunächst nicht offen aussprechen – schrecklich einsam. Als sie sich begegnen, ist es, als würden sie plötzlich aus dem Schatten ins helle Licht treten – wie in einer Szene des Films, in der Schiller, Charlotte und Caroline sich nach einem unfreiwilligen Bad im kalten Fluss gegenseitig wärmen und ihre Gesichter zur Sonne recken. Doch Idyllen können süchtig machen. Der heiße Sommer des Jahres 1788, in dem zwischen Schiller und den Schwestern von Lengefeld die Liebe – oder vielmehr die Freiheit – erwacht, erweist sich mit der Zeit für alle drei als eine verhängnisvolle Erfahrung, eine Erinnerung, neben der alles andere verblasst, ein für alle Zeit verlorenes Arkadien. Eine Dreiecksbeziehung ist – wie die drei Protagonisten schmerzhaft erfahren – eine besonders intensive, aber auch (oder vielleicht gerade deshalb) instabile emotionale Konstellation.

Eine sehr zeitgenössische Geschichte

Die geliebten Schwestern wäre jedoch nur eines von vielen gut gemachten Kostümdramen, die uns derzeit im Kino und im Fernsehen präsentiert werden, wäre da nicht ein Element, das diese Produktion zu einem bedeutenden, lange im Gedächtnis bleibenden Werk macht. Dieses „Detail“ ist der zeitgenössische Kontext. Die Geschichte, die wir auf der Leinwand zu sehen bekommen, ist höchst aktuell – bis in die Einzelheiten. Als die drei Liebenden sich chiffrierte Briefe schreiben, verwenden einen Code, der an die heutigen Emoticons erinnert. Und sie „produzieren“ ihre Korrespondenz mit einer ähnlichen Geschwindigkeit wie heutige Jugendliche ihre SMS und E-Mails.

Auch ihr in gewissem Sinne hoffnungsloser Kampf gegen ihr Anderssein und ihre Einsamkeit wirkt durch und durch zeitgenössisch. Denn sosehr sich die westliche Welt in den vergangenen zwei Jahrhunderten auch weiterentwickelt hat: Außenseiter haben es heute genauso schwer wie eh und je. Und der Wunsch, einen Menschen zu finden, der uns versteht und uns so akzeptiert, wie wir sind, scheint heute noch quälender als gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Doch das wohl Zeitloseste an Dominik Grafs Film ist die Darstellung einer Vertreibung aus dem Paradies: Schiller und seine geliebten Schwestern kommen dem Himmel nahe, sie erleben einen kurzen Moment emotionaler Erfüllung. Alles, was nachher folgt, ist nur noch ein blasser Schatten dieser Erfahrung. Dieses Motiv verbindet Die geliebten Schwestern mit einigen anderen Filmen der jüngeren Vergangenheit, wie zum Beispiel Blue Valentine, Blau ist eine warme Farbe oder zuletzt Das Verschwinden der Eleanor Rigby. Was macht es da, dass Charlotte, Caroline und Friedrich nicht mit dem Fahrrad durch die Stadt fahren und Caffè Latte aus Pappbechern trinken? Ihr Gefühl des Verlusts unterscheidet sich in nichts von dem unseren.

Die geliebten Schwestern
Deutschland/Österreich 2014
Regie: Dominik Graf
Verleih: Edition Senator
Kinostart: 31. Juli 2014