Halt auf freier Strecke „Halt auf freier Strecke” – Krankheit als Film

Filmstill aus „Halt auf freier Strecke”
Filmstill aus „Halt auf freier Strecke” | © Aurora Films

Eine ernsthafte Erkrankung bedeutet für die Angehörigen immer Hilflosigkeit, Schmerz und Leid. Und auch zwangsläufig eine Neugestaltung ihrer sozialen Beziehungen. Andreas Dresen hat einen Film im Geiste von Susan Sontags bekanntem Essay Krankheit als Metapher gemacht, der eine Meditation über das Wesen der Krankheit und gleichzeitig eine ungewöhnliche Schulung im Umgang mit ihr ist.

Während der ersten Minuten von Halt auf freier Strecke kann man zwei Dinge kaum glauben: zum einen, dass es sich nicht um einen Dokumentarfilm handelt, und zum anderen, dass dieser stille, unaufdringliche Film zahlreiche renommierte Preise erhielt, unter anderem den Prix Un Certain Regard der Internationalen Filmfestspiele von Cannes (gemeinsam mit dem koreanischen Beitrag von Kim Ki-duk). Doch schon bald erkennen wir, dass wir es hier mit einem außergewöhnlichen Werk zu tun haben.

Dabei ist die Geschichte, die der Film erzählt, durchaus nicht außergewöhnlich: Frank Lange führt ein ruhiges Leben mit seiner Frau Simone und seinen zwei Kindern, dem achtjährigen Mika und der vierzehnjährigen Lilly, in einem Reihenhaus irgendwo in Deutschland. Als wir ihn kennenlernen, erfährt er gerade, dass er einen inoperablen Hirntumor hat. Chemotherapie und Strahlentherapie bringen – wie von den Ärzten prognostiziert – keine Besserung. Auch die CDs zum Thema Selbstheilung, die seine Mutter ihm mitbringt, helfen Frank nicht. Wir verfolgen also die einzelnen Stadien seiner Krankheit: von Angst- und Panikattacken, über Aggressionsanfälle und die fortschreitende Veränderung seiner Persönlichkeit bis zum körperlichen Verfall. Wir sehen, wie Frank seine Kräfte verliert und schließlich zum Pflegefall wird, wie er muss gewaschen, umgezogen und rund um die Uhr betreut werden muss. Zu Franks physischem und psychischem Zerfall kommen noch die Schmerzen, die er mit Morphin bekämpft. Dies hat einige verblüffende Wahnvorstellungen zur Folge: Frank sieht sich selbst als Talk-Gast in der Harald Schmidt Show auftreten.

Dekonstruktion des Helden

Dem Betrachter drängt sich sofort die Frage auf, ob Frank tatsächlich der Held dieses Films ist. Der Regisseur stellt diese Frage metaphorisch, indem er Frank – als eine Folge der eingenommenen Schmerzmittel – seines Sprachvermögens beraubt. Es sprechen nur seine Angehörigen, die wehrlos seiner Krankheit und seinen Wahnanfällen ausgesetzt sind und die sich dennoch jeden Tag aufs Neue ihrem Alltag stellen und zumindest versuchen, den Anschein der Normalität aufrechtzuerhalten. Besonders beeindruckend ist der Mut von Franks Frau Simone, die sämtliche anfallenden Aufgaben mit außergewöhnlicher Würde, vor allem jedoch mit großer Liebe erledigt. Von besonderer Eindringlichkeit sind die Momente der Zärtlichkeit zwischen dem bettlägerigen Frank, der unter Wahnvorstellungen leidet und kaum noch sprechen kann, und Simone, die ihn liebevoll pflegt und dabei die ganze Zeit auch um sich selbst kämpft.

Je länger man sich den Film ansieht, desto mehr Verständnis entwickelt man für die Schwächen von Franks Eltern (seine Mutter bringt es nicht fertig, ihn zu besuchen, und sein unnahbarer Vater zeigt nur allmählich Gefühle) und auch für die rücksichtslose Lebensgier seiner Kinder. Lilly, die von der häuslichen Situation überfordert ist, macht sich unmittelbar nach Franks Tod auf den Weg zum Schwimmtraining. Und als Mika seinen Vater fragt, ob er wirklich sterben muss, fragt er gleich hinterher „Krieg ich dann dein iPhone?“.

Dieses technische Spielzeug spielt im Film eine wichtige Rolle. Mit seiner Hilfe erstellt Frank kurze Filme, in denen er sich selbst von seiner Krankheit erzählt – mal voller Verzweiflung, mal mit viel schwarzem Humor (zum Beispiel als er sich wünscht, dass auf seiner Beerdigung Neil Youngs Soundtrack zum Film Dead Man gespielt wird). Dieses filmische Tagebuch wird – insbesondere, als Frank sein Sprachvermögen verliert – von statischen Aufnahmen der Gesichter seiner Kinder oder auch der schlafenden Simone ergänzt. Für wen nimmt Frank dies auf? Für sich selbst? Als ein Andenken für seine Familie? Es scheint, als benötige er diese verarbeitete Wirklichkeit, um die ganze Schönheit seiner Umwelt zu erkennen – wie das Lächeln und die zärtlichen Blicke seiner Kinder. Diese indirekten Bilder zählen zu den ergreifendsten Szenen des Films. Ebenso wie der Moment ausgelassener Freude, als der schon schwer kranke Frank von seiner Schwiegermutter betreut wird. Anstatt ihn fürsorglich zu pflegen, betrinkt sie sich mit ihm und schneidet ihm aus den nach der Chemotherapie verbliebenen Haaren eine Irokesenfrisur. Oder als Frank Besuch von einer alten Jugendliebe bekommt und das Bild des biederen Familienvaters einige Risse erhält.

Close-up auf Leben

Sämtliche Kritiker betonen, dass die größte Qualität des Films in seiner Authentizität liegt. Zu diesem Eindruck trägt die großartige Leistung der Schauspieler bei, die in ihrer Darstellung geradezu schmerzhaft echt wirken. Aber auch die Natürlichkeit des Films, der ohne Schocks, Sensationen und Peinlichkeiten auskommt, dabei jedoch nicht vor der Wirklichkeit zurückscheut, wenn er z. B. zeigt, wie Frank gewaschen wird, oder wenn er den Schmerz und die Hilflosigkeit, sowohl des Helden als auch seiner Familie, schildert. Authentizität ist in diesem Fall gleichbedeutend mit Hoffnungslosigkeit. Halt auf freier Strecke bietet keine tröstlichen Kunstgriffe: Es gibt keine feierlichen Augenblicke, keine ekstatische Freude, keine außergewöhnlichen Gesten, kein Licht, das durch die Wolken dringt. Es gibt keinen Ausweg aus dem Alltag respektive dem Leben. Der Tod ist unausweichlich.

In einer Szene des Films fahren Frank und Simone gemeinsam mit den Kindern in ein unwirkliches Idyll: in das nahe gelegene Tropical Islands, eine überdachte, künstliche Badelandschaft. Als sie in ihren Liegestühlen sitzen und ihre Kinder beim Baden vor einem künstlichen Sonnenuntergang beobachten, sagt Frank zu seiner Frau „Na, ich wollte sowieso nie auf die Malediven“ und beantwortet damit sicherlich auch eine Frage der Zuschauer, die die darauf warten, dass die Krankheit eine besondere Wendung in Franks Leben herbeiführt. Simone fügt lachend hinzu: „Weißt du, wo ich auch nie hin wollte? Nach Thailand“. Krankheit, Sterben und Tod sind in Halt auf freier Strecke nämlich ein Teil des Lebens und der Familie, des Hier und Jetzt.