Die Sterne Ein musikalisches Exempel

Die Sterne
Die Sterne | © Die Sterne

Die Hamburger Musikszene hat ihren Star Tocotronic und ihre Legende Blumfeld. Doch daneben gibt es zahlreiche Bands, die ein wenig im Schatten stehen, wie zum Beispiel Die Sterne. Ihren Frontmann Frank Spilker stört das nicht weiter, schließlich haben sie nach wie vor eine treue Fangemeinde, und ihre zeitlosen Songs inspirieren immer neue Generationen von Künstlern.

„Jeder Mensch, egal wie alt er ist, stellt sich die Frage, in welchem Stadium seines Lebens er sich befindet, ob er seine Ziele erreicht hat, ob er viele Kompromisse eingegangen ist und in welche Richtung er sich weiterentwickeln will. Unser Schicksal wird von diversen subtilen Mechanismen beeinflusst, auf die wir mit Resignation, Rebellion oder Flucht reagieren können. Wir haben uns auf den letzten Aspekt konzentriert“, erzählt Frank Spilker über das neue Album Flucht in die Flucht. „Unser Ziel war es, uns eine gewisse künstlerische Freiheit zu bewahren, einen Freiraum zu schaffen, in dem wir uns ausdrücken können, ohne kommerziellen Zwängen ausgesetzt zu sein.“ Auf diese Weise gelingt es den Sternen bereits seit Beginn der Neunzigerjahre immer wieder, ihr Publikum zu überraschen, sich künstlerisch weiterzuentwickeln und intelligente Popsongs zu schreiben.


„Mein Sonnenschirm umspannt die Welt“ aus dem Album „Die Flucht in die Flucht“, 2014; Quelle: www.youtube.com

Ein eigener Rhythmus

Ist es nach so vielen Jahren Musikmachen schwieriger oder leichter, ein neues Album aufzunehmen? „Einerseits leichter, weil wir heute mehr Erfahrung und handwerkliches Können besitzen. Wir wissen, was wir können und kommen gut miteinander zurecht. Andererseits besteht die Schwierigkeit darin, nicht auf der Stelle zu treten und sich selbst zu kopieren, sondern sich weiterzuentwickeln, ohne die eigene Identität zu verlieren“, sagt Frank Spilker. Der beste Beweis für die Kompromisslosigkeit der Band war das Vorgängeralbum 24/7, das von Mathias Munk Modica (Gomma) mitproduziert wurde und von elektronischen Rhythmen bestimmt war. Auf dem neuen Album verlieh die Band ihrer Faszination für den Psychedelic Pop der Sechzigerjahre von Bands wie The Electric Prunes Ausdruck und ließ sich vom altmodischen Sound von Tame Impala und den Vokalarrangements der Dirty Projectors inspirieren. Gleichzeitig betont Spilker, dass sowohl die Groove-Elemente als auch der traditionelle Gitarrensound und gutes Songwriting schon seit jeher charakteristisch für die Musik der Sterne waren – von den ersten Alben Wichtig, In echt und Posen an.

Frank Spilker vergleicht die Zusammenarbeit mit dem Produzenten Olaf Opal im Bremer Studio Nord mit dem Entstehungsprozess der Alben Das Weltall ist zu weit und Räuber und Gedärm, während ihn die Atmosphäre in ihrem eigenen Studio in Hamburg Altona an die Zeit vor ihrer Debüt-EP Fickt das System erinnert, die in derselben Besetzung mit Thomas Wenzel am Bass und Christoph Leich am Schlagzeug aufgenommen wurde. Als Kenner der Musikgeschichte weist Spilker auf die Ähnlichkeiten zwischen Flucht in die Flucht und der Rockoper Quadrophenia von The Who hin (unter anderem im ersten Song des neuen Albums Wo Soll Ich Hingehen?). Als Lyriker und Schriftsteller bekennt er sich zum Einfluss von Autoren der Beat Generation wie Jack Kerouac und William S. Burroughs (in Songs wie Innenstadt Illusionen und Hirnfick). „Ich versuche in meinen Texten, Fragen zu stellen, die Menschen dazu aufzufordern, sich zu einem bestimmten Thema zu äußern. Ich will niemandem die Welt erklären oder ihm meine Ansichten aufzwingen, sondern lediglich einen Anstoß zum Nachdenken geben“, erklärt der Künstler.


„Ihr wollt mich töten“ aus dem Album „Die Flucht in die Flucht“, 2014; Quelle: www.youtube.com

Eine neue Schule

Das zehnte Album der Sterne fällt zeitlich mit der Wiedervereinigung von Blumfeld (anlässlich des 20. Jubiläums ihres legendären Albums L’état et moi) und dem Aufkommen neuer Hamburger Bands wie Zucker und Trümmer zusammen. Auch Frank Spilkers Band hatte einen Anteil am deutschen Indie-Boom der 90er-Jahre, insbesondere mit dem erfolgreichen Album Posen, auf dem sich der Hit Was hat dich bloß so ruiniert und Songs wie Zucker und Trrrmmer befanden. Vielleicht sind sie heute nicht mehr so populär wie Tocotronic, doch sie haben noch immer eine große Fangemeinde in ganz Deutschland und prägen nach wie vor die Hamburger Musikszene. „Ich kenne die Mitglieder von Zucker, Schnipo Schranke und Der Bürgermeister der Nacht, und ich mag diese Szene. Auch wenn ich manchmal das Gefühl habe, dass ich schon zu alt für ihre Musik bin“, erklärt Spilker. „Mit den Kollegen von damals habe ich heute nicht mehr so viel Kontakt wie früher. Wir haben uns auseinanderentwickelt, viele haben Familien gegründet und bewegen sich heute in anderen Kreisen oder haben überhaupt nichts mehr mit Musik am Hut.“

Frank Spilker erzählt mit Genugtuung, dass ihre alten Songs auf Konzerten auch den jüngeren Zuhörern gefallen und die neuen Stücke auch von den älteren Fans begeistert aufgenommen werden. „Das beweist, dass unsere Musik zeitlos ist. Es gibt nach wie vor eine Nachfrage nach ihr, auch wenn es unwahrscheinlich ist, dass plötzlich ganz viele neue Fans hinzukommen“, erklärt er. „Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass unsere neueren Alben wie „Das Weltall ist zu weit“ ein wenig unterschätzt werden, im Vergleich zu Posen, das einfach genau zur richtigen Zeit erschien.“ Es mangelt in Flucht in die Flucht weder an perfekten Popsongs wie Mein Sonnenschirm umspannt die Welt noch an bedeutungsvollen Stücken wie Drei Akkorde, in dem es um den Sinn des Musikmachens geht, oder Wie groß ist der Schaden bei Dir?, das unmittelbar auf ihren größten Hit Was hat Dich bloß so ruiniert verweist. „Leider bin ich selbst nach so vielen Jahren im Geschäft nicht in der Lage, vorauszusehen, wie unser Album aufgenommen wird“, resümiert der Musiker.

Über Grenzen hinweg

Dieses Jahr kann getrost als eines der gelungeneren in der Karriere der Sterne gelten. Im Juni spielten sie auf Einladung des Goethe-Instituts in Peking drei Konzerte vor mehreren Hundert Sprachschülern, die zu den Texten von Big in Berlin und Was hat Dich bloß so ruiniert Deutsch lernen. Im Herbst gehen sie mit ihrem neuen Album Flucht in die Flucht auf Tour durch zehn deutsche Städte, unter anderem Köln, Berlin und Hamburg. Das Album verzeichnet die besten Verkaufszahlen seit über zehn Jahren und ist sogar auf dem österreichischen Markt erfolgreich. Von den Kritikern wurde das Album enthusiastisch gefeiert, im Musikmagazin Intro schrieb ein Rezensent: „Die Sterne erinnern mich an die Schweiz. Nicht des Geldes wegen, vielmehr sind beide kauzig, outstanding, traditionsreich, werden gern mal unterschätzt im Vergleich zu den größeren Nachbarn, sind charmant, bergig – und in guten wie in schlechten Zeiten möchte man einfach hinziehen“.