Übersetzer im Gespräch Ryszard Turczyn

Ryszard Turczyn
Ryszard Turczyn | © Barbara Tarnas

Interpretation wie in der Musik oder eigenständiges Schaffen? Ryszard Turczyn über harte Nüsse beim Übersetzen von einer Sprache in die andere.

Wie viel Zeit braucht ein Übersetzer, um herauszufinden, ob er ein Original oder eine Übersetzung liest?

Eine solche Lektüre ist wie ein Quiz. Man konzentriert sich, aber das Quiz kann eindeutig sein oder versteckte Hinweise enthalten. Das erste sind die Realien der Ausgangskultur – sie verraten die Übersetzung. Das zweite ist die Qualität des polnischen Textes. Es gibt Texte, die unbeholfen übersetzt wurden, bei denen das Lektorat fehlte und die deshalb gleich ihre Herkunft verraten. Ideal ist es, wenn man nicht mit hunderprozentiger Sicherheit sagen kann, ob man mit einer Übersetzung oder einem Original zu tun hat. Wenn der Leser nicht vorgewarnt wird, wenn der Text gut lektoriert wurde und keine kulturell fremden Namen und Fakten enthält, dann kann man diese Wirkung erzielen.

Brauchen Sie für Ihre Arbeit eher eine Tarnkappe oder einen eleganten Anzug? Heben Sie Ihre Präsenz hervor oder streben Sie eine transparente Übersetzung an?

An erster Stelle steht immer der Autor. Gewiss, es gibt Texte, die sehr unkonventionell übersetzt wurden, aber das ist ein Verfahren, das nicht der Verfremdung des Originals dient, sondern es dem Leser unmöglich macht, mit etwas Schönem in Berührung zu kommen. Wenn im Original eine unübersetzbare Metapher steht, sollte man immer versuchen, dieselbe Wirkung zu erzielen, und sei es mit einer ganz anderen, dafür aber im Polnischen verwurzelten Formulierung. Übersetzen ist nicht Klavierspielen, man kann sich verschiedener Rhythmen und etwas anderer Töne bedienen. Natürlich unterliegt diese Strategie strengen Beschränkungen. Nach vielen Arbeitsjahren habe ich verinnerlicht, wie weit ich gehen darf, wenn ich den Originaltext auf Polnisch interpretiere. Was Grammatik, Syntax und Bildlichkeit angeht, bemühe ich mich jedes Mal darum, dass sich der Text liest, als sei er auf Polnisch geschrieben. Es wäre aber ein Verbrechen, würde man ausgangskulturelle Realien durch ihre polnischen Äquivalente ersetzen. Beim Übersetzen muss man einen minimalen Verfremdungseffekt bewahren, man darf nicht alle Spuren verwischen. Auf der sprachlichen Ebene hingegen muss man so übersetzen, dass der Text wie Literatur klingt. Damit sich niemand wundert, dass ein Literaturnobelpreisträger lachhafte Texte schreibt.

Was war die schwerste Aufgabe, die Sie bislang zu bewältigen hatten?

Schlaflose Nächte hat mir eigentlich bis jetzt noch nichts bereitet. Eine Zäsur ist für mich aber die Erfindung des Internets. In den Zeiten vor dem Internet waren natürlich versteckte Zitate und Anspielungen mit das Schwierigste. Früher hatte ich immer einen Stapel von Zitat-Wörterbüchern um mich, heute muss man einen Ausdruck nur bei Google eingeben und findet jede auch noch so verunstaltete Quelle. Bei den Realien braucht man schlicht einen sechsten Sinn, der einem sagt, dass hinter dieser oder jener Stelle vielleicht mehr steckt … Die erste Pflicht ist aber, zu zweifeln und sich zu fragen, ob nicht vielleicht alles ganz anders ist als es einem scheint. Daran erkennt man, wer sich für den Beruf eignet.

Ist der Übersetzer eher ein Kunsthändler, der seinen Kunden fremde Kunstwerke verkauft, oder eher ein Hypnotiseur, der aus dem Text herausholt, was er nur andeutungsweise verrät?

Ich würde die Frage vielleicht vor dem Hintergrund der ewigen Debatte beantworten, ob das Übersetzen ein kreativer oder ein reproduzierender Beruf sei. Wenn eine Übersetzung gut gemacht ist, dann trägt sie Züge eines eigenständigen Werks, dann ist sie keine Interpretation des Ausgangstexts. Wir dürfen nicht vergessen, dass eine Übersetzung nicht nur eine Übertragung aus einer Sprache in eine andere ist, sondern auch eine Übertragung aus einer Kultur in eine andere. Das impliziert weit mehr als die bloße Suche nach Äquivalenten auf grammatischem oder syntaktischem Level. Man muss hier vor allem auch das zutage fördern, was in der Übersetzung gern verloren geht, das heißt die Poesie. Ja, auch in Prosatexten verbirgt sich Poesie.

Ist das Übersetzen ein Beruf, der verlangt, dass man in der Gruppe agiert?

Nach meinem Verständnis ist es ein hervorragender Beruf für Einzelgänger und Außenseiter. Ich hatte nie das Bedürfnis, mich einer Organisation anzuschließen. Zwar bin ich, seit er existiert, Mitglied im Verband Polnischer Übersetzer (Stowarzyszenie Tłumaczy Polskich), aber ehrlich gesagt vor allem aus formalen Gründen. Die Verbandszugehörigkeit hat mich etwa 1981 davor bewahrt, als arbeitsscheues Subjekt zur Zwangsarbeit in die Provinz geschickt zu werden. Der Begriff des „freien Berufes“ war den Machthabern damals eher fremd. Heute entstehen neue Gruppen wie etwa der Verband der Literaturübersetzer (Stowarzyszenie Tłumaczy Literatury). Es wird sich zeigen, ob sie die Schwierigkeiten überwinden, mit denen sich der Verband polnischer Übersetzer herumschlägt. Die Übersetzer haben in Polen eine schwache Position, denn die neu entstehenden Verlage betrachten uns als Tagelöhner, was sich sowohl in den Honoraren als auch im Umgang mit den Texten niederschlägt. Derzeit muss man als Übersetzer den Verlagen möglichst perfekte Arbeit liefern, wenn man sich hinterher nicht schämen will, weil der Text ohne jede redaktionelle Bearbeitung veröffentlicht wurde. Alles muss schnell und reibungslos gehen.

Was heißt beim Übersetzen „schnell“?

Man kann das Übersetzen schlecht in Stunden umrechnen. Manche Texte sind voll von Details, was den Übersetzungsprozess sehr beeinträchtigt. Andere lassen sich wie in Trance übersetzen, sie fließen einem einfach aus den Fingern. Eine meiner letzten Übersetzungen war beispielsweise das Buch „vier minus drei“, das in Deutschland ein Bestseller war. Es handelt von einer Frau, die bei einem Autounfall ihren Mann und ihre beiden Kinder verlor. Ein absoluter Alptraum, ein hartes Thema, eine persönliche Narration, psychologische Erwägungen über Ohnmacht und Schmerz. Das war eine faszinierende Lektüre und ein vereinnahmendes Übersetzen. Die Bandbreite ist also enorm – mal ist es ein freihändiger Ritt, bei dem man den Wind in den Haaren spürt, ein andermal eine harte Geduldsprobe, ein mühseliges Werkeln an jedem einzelnen Satz. Aber im einen wie im anderen Fall wunderbar angenehm.

Ryszard Turczyn, geb. 1953, übersetzt seit mehr als 30 Jahren aus dem Deutschen und Niederländischen ins Polnische. Literaturagent. Er übersetzte mehr als 50 belletristische Werke und ca. 80 Sachbücher. 2011 mit dem Karl-Dedecius-Preis ausgezeichnet.