Kunstmuseum Kolumba Die Kraft des Dazwischen

Außenansicht von Kolumba
Außenansicht von Kolumba | Foto: Veit Landwehr © Kolumba Köln

Ein Besuch im Kunstmuseum Kolumba ist eine verblüffende Erfahrung. Es ist wohl das einzige Museum weltweit, in dem das, was darin gezeigt wird, genauso wichtig ist wie das, was nicht darin gezeigt wird.

Wir sind daran gewöhnt, dass alle Museen im Grunde gleich aussehen: Es gibt einen Ausstellungsraum, in dem sich verschiedene Exponate befinden. Die Qualität des Museums hängt von unterschiedlichen Faktoren ab, wie dem Niveau der Sonderausstellungen, der ständigen Sammlung und der „Modernität“ der Ausstellung, ihrer im weitesten Sinne verstandenen Interaktivität. Das „Konzept Museum“ bleibt jedoch im Wesentlichen das gleiche. Es fällt schwer, sich ein Museum vorzustellen, das nicht nach diesem Schema funktioniert. Das Kunstmuseum Kolumba gibt eine Antwort auf diese – scheinbar rhetorische – Frage.

Ein Streifzug durch die Jahrhunderte

Im Mittelpunkt steht der genius loci: St. Kolumba war die größte und eine der wichtigsten Pfarrgemeinden im mittelalterlichen Köln, doch die Ruinen der romanischen und später gotischen Kirche erzählen eine noch wesentlich kompliziertere Geschichte. Die ältesten erhaltenen Mauerreste stammen aus der Mitte des 1. Jahrhunderts: Ursprünglich befanden sich an dieser Stelle römische Bauwerke, die erst später mit sakralen Gebäuden überbaut wurden. Diese architektonische Melange wurde über die Jahrhunderte hinweg mehrfach zerstört, wiederaufgebaut und renoviert, bevor das Gebäude 2007 seine heutige Gestalt (nach Entwürfen des Schweizer Architekten Peter Zumthor) erhielt. Von außen wirkt das Museum wie eine supermoderne, minimalistische Stadtvilla: geometrische Formen, eine einfarbige, helle Fassade und stockwerkhohe Fenster. Doch die eigentliche Magie beginnt im Inneren.

Foto: Lothar Schnepf © Kolumba Köln Foto: Lothar Schnepf © Kolumba Köln

Stockende Tauben

Das Verblüffendste am Kunstmuseum Kolumba ist die Tatsache, dass es keine klare Trennung zwischen Exponaten und Ausstellungsraum gibt. In gewisser Weise ist alles in diesem Museum ein Kunstwerk: sowohl die Bilder, die an den Wänden hängen, als auch die Treppe, auf der wir zu ihnen emporsteigen. Die Innenräume bilden ein so harmonisches Ganzes, dass man als Besucher ständig versucht ist, die Diensträume zu betreten, weil sie wie ein Teil der Ausstellung wirken. Was als Nächstes auffällt, ist der tief empfundene Respekt sowohl gegenüber der Vergangenheit als auch der Gegenwart dieses Ortes. Die Fragmente der mittelalterlichen Kirche wurden konserviert, doch es gibt keine Pläne für ihren Wiederaufbau. Es wird auch kein Hehl daraus gemacht, dass wir uns im 21. Jahrhundert befinden – die Kontinuität der Geschichte und die Kontinuität der Kunst erscheinen hier als übergeordneter Wert. Praktisch das gesamte Erdgeschoss wird von einem Holzsteg durchschnitten, von dem aus man einen Blick auf die erhaltenen Mauerreste werfen kann. Das durch die durchbrochenen Ziegelmauern einfallende Tageslicht verleiht diesem Teil des Gebäudes in gewisser Weise den Charakter einer sakralen Installation. Vor Beginn der Bauarbeiten im Jahr 1994 nahm der amerikanische Klangkünstler Bill Fontana drei Tage und Nächte lang die Geräusche der zu jener Zeit in den Ruinen nistenden Tauben auf. Heute fungieren die Pigeon Soundings als eine eigentümliche, den ganzen Raum ausfüllende Klangskulptur. Interessanterweise gerät das Tonband an manchen Stellen kurz ins Stocken, und das kurzfristige Schweigen der Tauben wirkt wie ein grandioser (und boshafter) Kommentar zu dem bestimmenden Thema dieses Ortes: dem Verhältnis von Anwesendem und Abwesendem.

Eine Treppe in den Himmel

Bei den oberen beiden Stockwerken handelt es sich um typische Ausstellungsräume, doch auch sie funktionieren – ebenso wie der Rest des Museums – nach eigenen Gesetzen. Bereits beim Eintreten wird unsere Aufmerksamkeit auf die hell erleuchtete, ungewöhnlich schmale und steile Treppe gelenkt, die uns augenblicklich zum Nachdenken herausfordert. Die erste Assoziation, die uns in den Sinn kommt, ist die einer spirituellen Reise: Als führe die Treppe nicht nur in den ersten Stock des Museums, sondern in einen anderen, eher immateriellen Raum. Eine weitere Besonderheit des Museums ist die Dauer der Sonderausstellungen. In den meisten Museen werden solche Ausstellungen nach wenigen Monaten wieder geschlossen, im Kunstmuseum Kolumba sind sie ein ganzes Jahr lang zu sehen. Ein Glück, denn die Ausstellungen sind so angelegt, dass man bei jedem Besuch etwas Neues entdeckt, gewissermaßen eine andere Ausstellung erlebt. Die gegenwärtige Ausstellung trägt den Titel zeigen verhüllen verbergen. Schrein. Eine Ausstellung zur Ästhetik des Unsichtbaren. Dieses komplizierte Wortspiel gibt das Wesen der Ausstellung ausgezeichnet wider. Ein Beispiel gefällig? Ein auf das 7./8. Jahrhundert datiertes kleines Stück Seide mit der Darstellung eines Elefanten, das in einen Glasrahmen gefasst wurde – jedoch nicht im Zentrum des „Bildes“, sondern am unteren Rand. Auf diese Weise wird der leere Raum oberhalb des kostbaren Exponats ebenso wichtig wie das Exponat selbst. Durch die besondere Anordnung stellt sich dem Betrachter unweigerlich die Frage, wie wohl der restliche, heute nicht mehr erhaltene Teil des Stoffs aussah. Ein ähnliches Prinzip liegt der gesamten Ausstellung zugrunde, was uns zu einer einfachen Schlussfolgerung führt: Wie gewinnbringend unser Besuch im Kunstmuseum Kolumba ist, hängt in großem Maße von unserer eigenen Phantasie ab. Und der Rest? Der Rest ist – wie es sich für diesen Ort gehört – Schweigen.
 

zeigen verhüllen verbergen. Schrein

Eine Ausstellung zur Ästhetik des Unsichtbaren
Die Ausstellung dauert bis zum 25. August 2014
KOLUMBA Kunstmuseum des Erzbistums Köln