Nasan Tur im Gespräch Ein Werkzeugkit für Aktivisten

Nasan Tur, „Backpacks“, 2006
Nasan Tur, „Backpacks“, 2006 | Foto: Nasan Tur; ©: Nasan Tur / VG Bild-Kunst, Bonn; Courtesy: Nasan Tur

Nasan Tur, ein Künstler, der es meisterhaft versteht, gesellschaftliche und politische Veränderungen mithilfe der Kunst zu beschreiben, spricht mit uns über seine Arbeit, die im Rahmen der Ausstellung „Future Perfect” im Zentrum für Zeitgenössische Kunst Schloss Ujazdowski zu sehen sein wird.

Wir stehen direkt vor ihrem Werk. Es ist eine Installation, die aus fünf Gebrauchsgegenständen zusammengesetzt ist. Wobei man sich streiten kann, ob es sich wirklich um Gebrauchsgegenstände handelt, denn ihre Funktionen sind nicht eindeutig zu erkennen. Hier sehe ich einen Lautsprecher, dort eine Kombizange und dort eine Flasche, die zu unterschiedlichen Gebilden zusammengesetzt sind ...

Jedes dieser Objekte ist ein Rucksack – daher der Titel des Werks „Backpacks“. Man kann sich diese Rucksäcke ausleihen und für eine bestimmte Zeit mitnehmen. Die Ausleihe ist kostenlos, die Besucher müssen lediglich eine Erklärung unterschreiben, dass sie sich der Risiken der Benutzung des Rucksacks im öffentlichen Raum bewusst sind. Anschließend können sie damit tun, was sie wollen – sie können die Rücksäcke entsprechend ihrer nominellen Funktion benutzen oder sich völlig neue Verwendungsmöglichkeiten für sie ausdenken.

Schauen wir uns einmal den ersten dieser Rucksäcke genauer an. Was ist das?

Das ist ein Sabotage-Rucksack mit einer Kombizange, einer Säge und so weiter. Man schnallt ihn sich auf den Rücken und hat alles dabei, was man für Sabotageakte benötigt. Aber die Einsatzmöglichkeiten sind nur durch die eigene Phantasie begrenzt. Jemand könnte die am Rucksack befestigten Werkzeuge zum Beispiel auch verwenden, um etwas zu reparieren, und schon würde sich der Sabotage-Rucksack in einen Heimwerker-Rucksack verwandeln … Der Rucksack daneben ist ein Demonstrations-Rucksack, der ebenfalls nach dem Prinzip eines Werkzeugkits entworfen wurde. Wir finden darin alles, was wir während einer Demonstration benötigen: Eine Kette, um uns irgendwo anzuketten, ein Transparent, auf das wir eine Parole aufsprühen können, und einige Farbsprühdosen. Daneben steht ein Koch-Rucksack, mit all den Dingen, die man benötigt, um spontan auf der Straße oder wo immer man möchte zu kochen.

Interessieren sie diese neuen Verwendungsweisen?

Eher die Tatsache, dass sie möglich sind. Ich möchte den Benutzern meiner Installation völlig freie Hand lassen. Es ist nicht meine Absicht, den Menschen, die das Zentrum für Zeitgenössische Kunst mit dem Sabotage-Rucksack auf dem Rücken verlassen, nachzuspionieren, es geht mir nicht darum, ihre Eindrücke oder Meinungen zu sammeln. Auf dem Begleitvideo zur Installation sind Personen zu sehen, die die Rucksäcke in Belgrad, Taipeh und Istanbul benutzen – das sind selbstverständlich inszenierte Aufnahmen, die dazu gedacht sind, die Rucksäcke in Aktion, im städtischen Raum zu zeigen. Aber das waren nur einmalige Aufzeichnungen, jetzt kann jeder Besucher die einzelnen Elemente der Installation ausleihen und benutzen, ohne aufgenommen oder kontrolliert zu werden.

„Backpacks“ ist ein Projekt, das sich in der Zeit abspielt und aus der Interaktion mit dem Besucher entsteht. Entwickelt sich auch die Idee selbst weiter? Arbeiten Sie an weiteren Rucksäcken beziehungsweise Werkzeugkits?

Es gibt im Leben keine klaren Trennungen und Zäsuren – wer weiß, vielleicht entstehen irgendwann einmal weitere Rucksäcke. In der Kunst interessieren mich vor allem die Motive des Aktivismus und der Interaktivität, und in diesen Kategorien verstehe ich auch mein Projekt. „Backpacks“ ist eine Plattform, die es den Menschen ermöglicht, eine Entscheidung zu treffen. Es ist für mich nicht so sehr von Interesse, ob jemand die Rucksäcke wirklich benutzt und zu welchem Zweck. Mich interessiert eher meine eigene Situation als Künstler, der den Menschen die Möglichkeit zu bestimmten Gesten oder Handlungen gibt. Und der Moment, in dem jemand den Sabotage-Rucksack sieht und sich fragt: Soll ich ihn mitnehmen oder nicht? Dieser Entscheidungsprozess, dem ich den Besucher aussetze – das ist sozusagen in Kurzform die Situation des Aktivisten.

Die Ausstellung „Future Perfect“ dokumentiert die Veränderung der Gesellschaft durch die Kunst. Ihre Kuratoren fragen nach der Gegenwart und der Zukunft des Kunstbetriebs in Deutschland und zeigen, dass der Status des Künstlers sich bereits heute äußerst rasch und dynamisch verändert.

Die Rolle und der Status des Künstlers sind abhängig von äußeren Faktoren, zum Beispiel von lokalen politischen Konstellationen. Aus diesem Grund ziehen zum Beispiel viele deutsche (und nicht nur deutsche) Künstler nach Berlin. Als Künstler hast du eine größere Entscheidungsfreiheit, eine größere Mobilität – deshalb sind deine Statements und deine Entscheidungen ein gewichtiger Ausdruck gesellschaftlicher Trends und Wünsche. Darüber hinaus löst du selbst gewisse Veränderungen aus. Du veränderst zum Beispiel die Stadt. Auch hier muss Berlin als Beispiel genannt werden: Wenn so viele Künstler an ein und demselben Ort wohnen und arbeiten, dann droht die Kunst an diesem Ort „überzulaufen“ und an Bedeutung zu verlieren.

Es ist sehr interessant, was Sie über die Mobilität von Künstlern gesagt haben. Auch in „Backpacks“ geht es schließlich um Mobilität, Nomadentum und Beweglichkeit, nicht wahr? Sämtliche Objekte können mitgenommen, an einem anderen Ort benutzt werden.

Bis zu einem gewissen Grad ja. Wir sollten jedoch nicht vergessen, dass Nomadentum und Mobilität ein Luxus sind, dass nur wenige Menschen auf der Welt die Möglichkeit haben, zu reisen und ständig unterwegs zu sein. Die große Freiheit, die grenzenlose Mobilität – das ist eine Fiktion. Sogar in Deutschland. Auch wenn es sehr romantisch ist, zu denken, wir seinen Nomaden, ist es doch eher ein Wunsch als die Wirklichkeit.
 

FUTURE PERFECT. Zeitgenössische Kunst aus Deutschland

31.01.-21.04.2014, Zentrum für Zeitgenössische Kunst Ujazdowski Schloß, Warschau

Filme, Fotografien, Skulpturen, Objekte, Malerei und Collagen von sechzehn Künstlerinnen und Künstlern, die sich mit Zukunftsvorstellungen und Spekulationen über den Verlauf von Geschichte beschäftigen.