Ausstellung von Christian Jankowski Geschichtsheben

Athletes - Polish weightlifters – lift Willy Brandt Statue in Warsaw as part of the premiere of Christian Jankowski’s project „Heavy-weight History”, presented in the exhibition „Heavy-weight History” at the Centre for Contemporary Art Ujazdowski Castle until August 25th, 2013
Athletes - Polish weightlifters – lift Willy Brandt Statue in Warsaw as part of the premiere of Christian Jankowski’s project „Heavy-weight History”, presented in the exhibition „Heavy-weight History” at the Centre for Contemporary Art Ujazdowski Castle until August 25th, 2013 | Foto: Zuzanna Rutkowska; Dzięki uprzejmości Centrum Sztuki Współczesnej Zamek Ujazdowski, Warszawa

Quatsch hat in der Kunst eine große Tradition: Man denke nur einmal an den Dadaismus. Die gegenwärtigen Popkulturscherze von Christan Jankowski sind eine neue Variante dieser historischen Strategie, und sie ist großartig! Seine Arbeiten sind im Warschauer Zentrum für Zeitgenössische Kunst im Ujazdowski-Schloss zu sehen.

„Und kämen selbst tausend der stärksten Athleten,/und schmausten sie jeder wohl tausend Pasteten,/und würden sie noch so viel Mühe sich geben:/Sie könnten die Lok mit den Wagen nicht heben!“ – so hat Julian Tuwim (Einer der populärsten polnischen Dichter der Zwischenkriegszeit, Übersetzer und Kabarettist) das Gewicht der Lokomotive aus seinem gleichnamigen Gedicht beschrieben. Die Intuition sagt einem, dass eine große Eisenkonstruktion sich unmöglich von der Stelle bewegen kann, und doch treibt die Kraft des unsichtbaren Wasserdampfes sie nach vorn. An nur scheinbar große Gewichte dieser Art hat sich auch Christian Jankowski gemacht, indem er versuchte, Warschauer Denkmäler zu bewegen, die an die Helden und Ereignisse einer vergangenen Epoche erinnern (unter anderem das für Ludwik Waryński und das für die Polnisch-Sowjetische Waffenbrüderschaft). Er hat polnische Gewichtheber dazu eingeladen, diese Monumente zu stemmen.

Ach du meine Güte, ist das schwer!

Jankowski nutzt bei seinen Arbeiten die Konvention der sogenannten neuen Medien mit ihren jeweiligen Kontexten: Er konstruiert Videoinstallationen, und er dreht Videos, die wie Fernsehreportagen oder Reklamen für Shoppingclubs gemacht sind. Dieses Patent hat er auch bei seiner „schwergewichtigen Geschichte“ angewendet.

Über zehn Gewichtheber in hautengen Sportanzügen hat er mit einem fiktiven Reporter aus der Sportredaktion und einer Kamera konfrontiert. In den Räumen des Warschauer Ujazdowski-Schlosses sehen wir eine Berichterstattung über das Denkmalstemmen, gerade so, als würden wir uns Kraftsportlerturniere ansehen – auf einem Bildschirm, vor dem eine kleine Bank aufgestellt ist. Im Bild ist sogar das Logo eines erdachten Fernsehsenders zu sehen. Jankowskis Video ist so konstruiert, dass es die Stimmung maximal anheizt und hat etwas von Boulevardberichterstattung – es wird geschrien, kommentiert, und es gibt Reportersprüche von der Art: „Meine Damen und Herren, Sie werden nicht glauben, was hier gleich passiert … Ach du meine Güte, ist das schwer!“

Neben dieses farbige, bewegliche Bildchen voller Feuerwerke wurden sparsame Schwarzweißfotografien gestellt, die das Stemmen der Denkmäler dokumentieren. Das Projekt ergänzt überdies eine Installation, die das Gewicht der einzelnen Denkmäler umgerechnet auf Gewichte an der Querstange darstellt. Metallringe sind so hintereinander angeordnet, dass sie an Jetonstöße im Spielkasino erinnern, und das ist sicher kein Zufall.

Analysen und Demontage

Das Demontieren historischer Traumata durch einen simplen Scherz und in ultrapopulärer Form sind eine Seite von Jankowskis Strategien dafür, womit man sich in einer Zeit der künstlerischen Überproduktion beschäftigen kann. Die zweite Strategie besteht darin, sich mit eben dieser Überproduktion an Kunst und ihrer merkantilen Dimension zu befassen. Jankowski macht sich gern und effektvoll darüber lustig, dass die Kunst zur Ware gemacht wird, und auch darüber, wie die Kunst funktioniert.

Im Zentrum für Zeitgenössische Kunst wurden seine Arbeiten „Strip the Auctioneer“ (2009) gezeigt – ein Video und eine Installation, in der der Schuhe, ein Taschentuch, eine Jacke und andere Kleidungsstücke des Auktionators zu wertvollen Objekten erhoben wurden. Nun ja, der Kunstmarkt glaubt gern an das Midas-Prinzip, dem zufolge etwas, das einen Berührungspunkt mit einem kostbaren Gegenstand hat, auch selbst an Wert gewinnt. Eine schwache Arbeit wird dadurch wertvoller, dass sie neben einem teuren Stück aufgehängt wird; ein schwaches Museum gewinnt dadurch an Bedeutung, dass es sich ein gutes Objekt ausleiht usw. Diese Regeln lässt Jankowski elegant ins Leere laufen. Ähnlich macht er es bei den „China Painters“ (2007/2008), einer Bilderserie, die im chinesischen Dafen entstanden ist, wo mit Macht Ölgemälde der Meister kopiert und dann für einen Spottpreis verkauft werden.

Alles lässt sich kopieren und demontieren, und über alles kann man lachen. Aber gleichzeitig etwas Wichtiges über den Zustand zu erzählen, in dem sich die heutige Kunstproduktion befindet und darüber, was wir mit bereits hergestellten Artefakten tun – diese Kunst ist schon seltener zu finden. Dem deutschen Künstler gelingt dies makellos.
 

Christian Jankowski „Historia wagi ciężkiej / Heavy-weight History“
Centrum Sztuki Współczesnej Zamek Ujazdowski, Warszawa
07.06.-25.08.2013
Das Projekt wird demnächst in der Bundeskunsthalle in Bonn und im Zentrum für Moderne Kunst in Tel Aviv gezeigt.