Mouse on Mars Von Mäusen und Menschen

Mouse on Mars beim OFF Festival in Katowice
Mouse on Mars beim OFF Festival in Katowice | Foto: annaspies; flickr.com

Ein 20. oder gar 25. Bandjubiläum ist ein Ereignis, das nur echten Veteranen vorbehalten ist. Die Mitglieder von Mouse on Mars ziehen es vor, den 21. Geburtstag des Duetts auf ungewöhnliche Weise zu begehen – schließlich fühlen sie sich keineswegs alt und müssen auch nicht von vergangenen Erfolgen zehren. Ganz im Gegenteil: Sie klingen noch genauso jung wie früher!

„Wir sind wie zwei Katzen. Jeder von uns hat sein Territorium, geht gerne eigene Wege, aber wir fühlen uns genauso gut, wenn wir zusammen sind“, erzählt Jan St. Werner über die Zusammenarbeit mit Andi Toma. „Unsere Freundschaft ist etwas Besonderes. Wir lassen einander viel Freiraum für Privates und Dinge außerhalb der Band, auch wenn sich natürlich vieles überschneidet. Und im Studio ergänzen wir uns ideal. Ich arbeite schnell, entscheide aus dem Bauch heraus, und Andi kümmert sich um den Sound und gibt unseren Stücken den letzten Schliff.“ Auch 21 Jahre nach ihrer Gründung sind sie noch immer die interessanteste und progressivste Band in der Geschichte der elektronischen Musik. Ihr 21. Jubiläum feiern Mouse on Mars mit dem Album 21 AGAIN und einem gleichnamigen Festival, das im Herbst im HAU 1 und HAU 2 in Berlin stattfinden soll. „Das wird ein großartiger zweitägiger Rave für alle unsere Freunde“, kündigt Werner an.

Im Dienst der Avantgarde

Im vergangenen Jahr gaben Mouse On Mars über 30 Konzerte, unter anderem in Japan, den USA und Kanada. In diesem Jahr traten sie überwiegend in Europa auf: in Frankreich, Spanien, Italien, England, Russland und Deutschland. Ende August werden sie die Hauptattraktion des Tauron Nowa Muzyka Festivals in Katowice sein. Jan St. Werner sagt, dass dies bereits ihr dreizehntes oder vierzehntes Konzert in Polen sein wird und dass sie immer wieder gerne hierher zurückkommen, weil sie das Publikum mögen, sie gut mit den Leuten zurechtkommen und weil sie den polnischen Humor schätzen. Aber fühlen sie sich mit ihren 44 Jahren nicht allmählich zu alt, um neben jungen, angesagten Künstlern vor einem noch jüngeren Publikum aufzutreten? „Ich weiß nicht, ab wann man zu alt für Festivals ist“, erklärt Werner. „Ich bin allerdings nach wie vor nicht der Typ, der gerne vor großen Massen auf der Bühne steht. Ich verstecke mich lieber hinter dem Equipment oder halte mich im Hintergrund. Eben deshalb trete ich lieber in Clubs auf, weil die Atmosphäre dort persönlicher, freundlicher ist und man mehr Kontakt zum Publikum hat. Aber im Grunde macht es für mich keinen Unterschied, ob wir für 20.000 oder für 20 Leute spielen. Wichtig ist, dass das Publikum richtig mitgeht, und damit hatten wir in der letzten Zeit keine Probleme.“

Seit dem Beginn ihrer Karriere in den 90er-Jahren galten Mouse on Mars als Vorreiter der elektronischen Musik. Im Gegensatz zu vielen anderen Vertretern des deutschen Post-Rocks und Post-Techno, war ihre Musik stets extrem tanzbar und entwickelte sich ständig weiter. Obwohl sie bereits so lange zusammenspielen, haben sie nichts von ihrer Dynamik eingebüßt: Auf ihren letzten beiden Veröffentlichungen WOW und Spezmodia präsentierten sie eine ebenso moderne wie zugängliche Vision elektronischer Tanzmusik. „Wir sind weder Techno-Produzenten noch DJs, wir versuchen vielmehr, unsere Interessen ständig zu erweitern und nach neuen Klängen zu suchen. Wir denken, dass die wichtigsten Impulse für neue Entwicklungen in der Musik von den Clubs ausgehen, besonders gut gefallen uns Sachen wie Footwork und Juke, erläutert Werner. „Auch neue Entwicklungen im Software- und Hardware-Bereich geben uns die Möglichkeit, uns eines immer breiteren Spektrums an Tönen zu bedienen, und verleihen unserer Musik eine zusätzliche Dynamik und Intensität. Wir arbeiten viel mit Massive- und Razor-Synthesizern und neuen Patches für Max/MSP.“ Diesen neuen Abschnitt der Bandgeschichte begannen Mouse on Mars beim Berliner Label Monkeytown Records, das auch Künstler wie Modeselektor, Moderat, Otto von Schirach und Siriusmo betreut.
 
Mouse on Mars, der Song „Cream Theme“ aus dem Album „Spezmodia EP“

Klänge aus dem Labor

Jan St. Werner unterscheidet drei Abschnitte in der Geschichte der Band: Der erste umfasst die Veröffentlichungen für das britische Label Too Pure: Vulvaland, Iaora Tahiti und Autoditacker. „Wir wussten noch gar nicht, ob das jetzt Alben sind, ob wir eine Band sind oder wie wir unsere Musik beschreiben sollen“, erinnert er sich. Der zweite Abschnitt umfasst die bahnbrechenden Alben für das Label sonig: Niun Niggung, Idiology und Radical Connector, die sogar auf VIVA gespielt wurden. „Das waren schwierige und anspruchsvolle Alben, die Songs waren sehr vielfältig und bis ins Letzte ausgefeilt, das waren unterschiedliche Variationen zum Thema Pop-Musik“, erklärt der Musiker. Anschließend folgte eine Übergangsphase: das experimentelle Album Varcharz für Ipecac und Tromatic Reflexxions mit Mark E. Smith (The Fall) als Von Südenfed. „Uns wurde klar, dass niemand mehr Platten kauft und dass Musik an Wert verliert. Wir entschlossen uns, keine weiteren Alben mehr zu veröffentlichen und uns stattdessen ganz auf Konzerte und musikalische Experimente zu konzentrieren“, erklärt Werner. „Erst als Andi nach Berlin zog, hat sich die Situation wieder stabilisiert. In unserem neuen Studio liefen die Aufnahmen besser und schneller als je zuvor“. Bisher entstanden auf diese Weise die Alben Parastrophics und WOW.

Das neue Studio von Mouse on Mars befindet sich im Funkhaus Nalepastraße, dem ehemaligen Sitz des Rundfunks der DDR im Berliner Ortsteil Oberschöneweide. Die Musiker selbst beschreiben ihr Studio als ein Laboratorium oder eine Werkstatt: Rund um ein großes Mischpult und Lautsprecherboxen, zwischen MacBooks und Kabeln stehen Korg-Synthesizer, Drumcomputer, Roland-Sequenzer, Electro-Harmonix-Effektgeräte, mehrere selbst gebastelte Geräte und ein iPhone mit ihrer eigenen App WretchUp. „Musikalische Veränderungen waren bei uns immer eng mit technologischen Entwicklungen verbunden. Ich kann mich noch an die ersten Atari-Computer, Sampler und Tascam-Bandmaschinen in unserem Düsseldorfer Studio erinnern. Später benötigten wir längere Samples und komplexere Klänge, also kauften wir uns bessere Geräte und schnellere Computer. Eine Zeit lang verwendeten wir hauptsächlich analoges Equipment, Synthesizer von Yamaha oder Roland, aber schließlich verlegten wir uns ganz auf Computer und entsprechende Programme, unter anderem von Logic und Native Instruments“, erklärt Werner. „Unsere Tätigkeit erinnert ein wenig an ein Forschungsprojekt, wir sind wie eine Expedition, die mit einem Raumschiff ins Weltall geschickt wird“.
 
Mouse on Mars, der Song „Polaroyced“ aus dem Album „Parastrophics“

Ein großes Fest

Das diesjährige Bandjubiläum von Mouse on Mars fällt mit neuen Veröffentlichungen anderer deutscher Musikveteranen wie To Rococo Rot und Kreidler zusammen, die ungefähr zur selben Zeit begannen, Musik zu machen. „Wir behalten uns gegenseitig im Auge, beteiligen uns auch an anderen Projekten und haben alle einen ähnlichen Spaß am Musikmachen. Ich kenne Markus Popp von Oval, der eine längere Pause einlegen musste, aber jetzt wieder sehr interessante Dinge macht. Ähnlich wie Schneider TM, der sich musikalisch ganz neu definiert hat. Ich bewundere auch Atom Heart (der heute als Atom TM bekannt ist) dafür, wie er sich ständig weiterentwickelt“, erklärt Werner. „Ich denke, dass wir eine Generation sind, deren Musikverständnis vom Punk beeinflusst ist: Es ist nicht so wichtig, welcher Richtung wir angehören, woher wir kommen, was wir spielen und wie alt wir sind. Wir machen einfach unser Ding und schauen nicht auf andere. Es geht uns nicht um Personenkult, sondern um die Musik“. Im November werden Mouse on Mars auf dem Festival 21 AGAIN in Berlin unter anderem das Stück Paeanumnion mit dem Ensemble Musikfabrik aufführen, Stücke von ihrem Album Niun Niggung mit dem Schlagzeuger Dodo Nkishi spielen, und voraussichtlich von zahlreichen Bekannten wie Stereolab, Modeselektor, Oval, Junior Boys, Tyondai Braxton, Siriusmo und Atom TM auf der Bühne begleitet werden.