Bernhard Jaumann Mord im Steinland

Ausschnitt aus dem Buchcover der polnischen Ausgabe von „Steinland“ von Bernhard Jaumann
Ausschnitt aus dem Buchcover der polnischen Ausgabe von „Steinland“ von Bernhard Jaumann | © Czarne Verlag

Bernhard Jaumann macht es sich nicht leicht. Seine Afrika-Krimis spielen nicht einfach vor einem exotischen Hintergrund, wie wir ihn aus den Hochglanzprospekten der Reisebüros kennen. Steinland ist vor allem eine scharfsichtige Beschreibung des heutigen Namibias.

Nach Die Stunde des Schakals ist Steinland bereits Bernhard Jaumanns zweiter Kriminalroman, dessen Handlung in Namibia spielt. Auch in diesem Buch ermittelt die aus einem der Windhoeker Townships stammende Kriminalinspektorin Clemencia Garises. Auch viele andere Figuren aus Die Stunde des Schakals tauchen in Steinland wieder auf, unter anderem der deutschstämmige Journalist Claus Tiedtke sowie Miki Selma und Miki Mathilda, die beiden temperamentvollen Tanten Clemencias, die an Hexerei und Magie glauben.

Der weiße Farmer Gregor Rodenstein wird auf seiner über 100 km von Windhoek entfernten Farm Steinland erschossen aufgefunden. Rodenstein war ein Nachkomme der deutschen Einwanderer, die im späten 19. Jahrhundert in das Land kamen. Bei den Tatverdächtigen soll es sich um drei Schwarze handeln, die nachts auf das Gelände eindrangen, um zu stehlen. Nach Aussagen der deutschstämmigen Nachbarfarmer sollen die drei Männer Rodenstein erschossen und anschließend dessen Sohn entführt haben. Die Spur der Verdächtigen führt unter anderem zu Clemencias Bruder Melvin. Doch es gibt noch eine weitere Spur, die bis in die höchsten Kreise der Macht führt. Die namibische Regierung beschließt gerade eine Landreform, bei der die Ländereien weißer Farmer gegen eine Entschädigung beschlagnahmt und an schwarze Namibier übereignet werden sollen, um das im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika begangene Unrecht wiedergutzumachen. Nach Ansicht der Regierung soll das Land seinen rechtmäßigen Besitzern zurückzugeben werden, also der autochthonen Bevölkerung Namibias. Dieser Plan stößt auf den Widerstand der weißen Farmer, die seit Generationen in Namibia leben und riesige Ländereien bewirtschaften.

Frank Stieren liest die ersten drei Seiten aus „Steinland“; Quelle: www.youtube.com

Hinter den Kulissen der afrikanischen Urlaubsorte

Wer war der Täter? Die Antwort auf diese Frage hält den Leser – ebenso wie Clemencia Garises – bis zur letzten Seite in Atem. Doch es ist nicht nur der spannende Kriminalfall, der das Buch zu einer lesenswerten Lektüre macht. Jaumann hat selbst einige Jahre in Namibia gelebt, und zwar offensichtlich nicht in der postkolonialen „Seifenblase“ der weißen Oberschicht, sondern als aufmerksamer Beobachter der namibischen Wirklichkeit. Und dies merkt man seinen Romanen an. In Die Stunde des Schakals beschäftigte sich Jaumann mit dem authentischen Fall des weißen Rechtsanwalts und Unabhängigkeitskämpfers Anton Lubowski, der 1989 ermordet wurde. Steinland spielt vor dem Hintergrund der namibischen Landreform, der Enteignung der weißen Farmer im Namen der sogenannten historischen Gerechtigkeit. Die Helden von Jaumanns Büchern sind keine Afrikaner, wie wir sie aus Hochglanzprospekten und Reisemagazinen kennen, sondern Menschen aus Fleisch und Blut. Steinland ist keine Urlaubsreportage, sondern ein echtes Stück Literatur, das den Leser in Atem hält und ihn mit der harten namibischen Wirklichkeit konfrontiert.

Jaumann dringt in die ärmsten Winkel Windhoeks vor und beschreibt die primitiven Lebensbedingungen der namibischen Unterschicht. Es ist eine Welt voller Armut und – auch viele Jahre nach der Aufhebung der Apartheidsgesetze – rassistischer Vorurteile, nicht nur unter den armen Namibiern, sondern auch unter Polizisten und Politikern. „Kill all Whites“ lautet eine der Parolen auf einer Demonstration schwarzer Namibier. Und der weiße Mitarbeiter Clemencias erklärt, dass die Schwarzen arbeitsscheu sind und jeden Besitz gleich wieder verschleudern. Der Roman zeichnet ein kompliziertes Netz von Problemen und Konflikten, die untrennbar zum namibischen Alltag gehören.

In Steinland erreichen die Spannungen zwischen den weißen Farmern und der restlichen Bevölkerung einen Höhepunkt. In den Straßen Windhoeks bewerfen sich die Kontrahenten mit Steinen und scheren sich wenig um die Weisungen der Polizei. Ein weißer Farmer ist tot, sein Sohn wurde entführt. Kann Clemencia Garises weitere Morde verhindern? Und wird es Namibia jemals gelingen, seine postkoloniale Vergangenheit hinter sich zu lassen?
 

Steinland

Bernhard Jaumann
ISBN 978-3-463-40570-4
Verlag: Rowohlt