Experimente mit der Diät Ist man, was man isst?

Ausschnitt aus dem Buchcover von Karen Duve „Anständig essen“
Ausschnitt aus dem Buchcover von Karen Duve „Anständig essen“ | © Czarne Verlag

„Das Clubbing ist tot, es lebe das Fooding!“, verkündete der Warschauer Restaurantkritiker Maciej Nowak zuletzt in seinem Feuilleton. Der Genuss von Gaumenfreuden wird nicht nur zunehmend zu einem Party-Ersatz, sondern hat sich auch einen festen Platz in der Kultur erobert. Auf dem diesjährigen Dokumentarfilmfestival Planet+ Doc in Warschau wurden im Rahmen der Sektion „Eat locally, think globally“ Filme über die Suche nach seltenen tropischen Früchten, über sterbende Thunfische und verliebte Muscheln präsentiert. In den Auslagen der Zeitungskioske erscheinen immer neue Kochzeitschriften. Es gibt kaum einen besseren Moment für die Lektüre von Karen Duves Buch Anständig essen: Ein Selbstversuch.

Duve dokumentiert ihr fast einjähriges Experiment mit unterschiedlichen Ernährungsweisen – nicht um abzunehmen, sondern um der Frage nach einer ethisch vertretbaren Ernährung nachzugehen. Sie recherchiert, woher das Essen stammt, das sie im Supermarkt kauft. Sie fragt sich, ob die Bedingungen der Herstellung von Fleisch und Milchprodukten moralisch vertretbar sind. Duve stellt ihre Ernährung zunächst auf Bio-Produkte um, später wird sie Vegetarierin, Veganerin und schließlich Frutarierin.

Wer jedoch erwartet, bei der Lektüre des Buches mit den Ergüssen einer passionierten Ökologin konfrontiert zu werden, die in ihrer Freizeit Joga übt und Bäume umarmt, der hat sich getäuscht. Die 48-jährige Duve macht sich keine Illusionen über sich selbst: „Eigentlich kann man mich jetzt schon als körperliches Wrack bezeichnen: Übergewicht, Asthma, chronische Achillessehnenentzündung an beiden Füßen, und ständig bin ich müde, müde, müde“, stellt sie sich im ersten Kapitel selbst vor. Sie trinkt täglich zwei Liter Cola Light und ernährt sich von Fertiggerichten aus dem Supermarkt.

Karen Duve liest aus „Anständig essen“, © www.zehnseiten.de

Gewissenhaftes Engagement

Duve geht bei ihrem Experiment sehr gewissenhaft vor. Sie erklärt die Grundsätze der einzelnen Ernährungsrichtungen und nennt die Argumente, die für sie sprechen. Sie führt Buch über ihre Lebensmitteleinkäufe und schildert die Schwierigkeiten, geeignete Produkte zu finden. In ihrer vegetarischen Phase beschreibt sie ausführlich die Grundlagen der Massentierhaltung, aber auch die Bedingungen auf sogenannten Biohöfen. Als Veganerin verzichtet sie nicht nur auf sämtliche tierischen Lebensmittel (Fleisch, Milchprodukte und Eier) sondern auch auf andere tierische Produkte, wie zum Beispiel Schuhe und Kleidung aus Leder, Reitsättel und Daunendecken. Sie schließt sich einer Gruppe von Tierschützern an und befreit Hühner aus einer Massentierhaltungsanlage.

In ihrer frutarischen Phase schreibt sie über die Gewalt gegenüber Pflanzen und bekennt sich zur „Ermordung“ von Zwiebeln und Zuckerrüben. Sie hört auf, ihr Maultier zu reiten, um sich nicht dem Vorwurf des „Speziesismus“ auszusetzen. Sie macht sich Gedanken über den moralischen Aspekt des Tötens der Pferdebremsen und Dasselfliegen, die die Tiere auf ihrem Hof bis aufs Blut quälen.

Kotlett mit einem Gesicht

Karen Duves Ausführungen pendeln zwischen amüsant und verstörend, vor allem ihre Schilderungen der Massentierhaltungen jagen dem Leser nicht selten Schauer über den Rücken. Über den Sinn bestimmter Ernährungsweisen und über die Kommentare der Autorin muss jeder selbst urteilen. Doch bevor wir dies tun, sollten wir uns zunächst einmal fragen, was tagtäglich auf unseren Tellern landet. Es ist verblüffend, dass wir öffentlich über alle möglichen Aspekte unserer Physiologie, über Leben und Tod (Sterbehilfe, künstliche Befruchtung) sprechen, uns jedoch nur selten Gedanken darüber machen, was wir unserem Körper mehrmals täglich (und nicht selten in großen Mengen) zuführen. Duves Buch macht uns bewusst, dass das Kotelett auf unserem Teller nicht in diesem Zustand aus der Fabrik kam. Dass das Fleisch, das wir in wenigen Minuten hinunterschlingen, ein Tier war. Was wissen wir darüber, unter welchen Bedingungen es gelebt hat und wie es zu Tode kam? So unangenehm solche Fragen auch sein mögen, sind wir es doch wenn nicht schon unseren paarhufigen Freunden, so doch wenigstens unseren Mägen schuldig, sie zu stellen? Oder wir befolgen einfach einen anderen Ratschlag Karen Duves: Man muss sich nur dumm stellen, und schon wird das Leben ganz einfach.

Wie ernähren wir uns in Polen? Wir sprechen mit Agata Michalak, Chefredakteurin der Kochzeitschrift KUKBUK, über das schwere Los einer Warschauer Vegetarierin.

Wie lange isst du schon kein Fleisch mehr?

Seit zwölf Jahren. Genau gesagt bin ich Lacto-Pesco-Vegetarierin: Ich esse kein Fleisch, aber manchmal Fisch und Meeresfrüchte. Seltsamerweise gilt man damit in Polen schon als Vegetarier. Im Ausland essen Vegetarier überhaupt kein Fleisch und auch keinen Fisch.

In Polen gab es vor zwölf Jahren noch keine echte Debatte über die ethischen Aspekte der Fleischproduktion. Warum hast du aufgehört, Fleisch zu essen?

Der ethische Aspekt war wichtig, aber nicht entscheidend. Wenn ich mit meiner Ernährung dazu beitrage, dass ein Tier nicht gequält und getötet wird, dann freue ich mich selbstverständlich darüber. Aber das war nicht meine eigentliche Motivation. Ich mag ganz einfach kein Fleisch – weder den Geschmack noch die Struktur. Ich war als Kind total geschockt von der Aussicht, später einmal Fleisch zubereiten zu müssen. Ich bin in der Überzeugung aufgewachsen, dass die Frau für das Kochen zuständig ist: Ich habe geglaubt, dass es mir vorherbestimmt war, irgendwann einmal Rinder- und Schweinekoteletts zuzubereiten. Das war mein schlimmster Albtraum.

Und?

Ganz ehrlich: Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie ein Fleischgericht zubereitet. Fischgerichte ja, aber auch das empfinde ich als problematisch. Die Körperlichkeit eines Tieres ist etwas, das man nicht so einfach beiseiteschieben kann.

Wie hat dein Umfeld vor zwölf Jahren auf deine Entscheidung reagiert?

Ich galt als Sonderling. Beim Essen gab es immer irgendjemanden, der das System der Fleischproduktion verteidigen und mir meinen Irrtum aufzeigen wollte.

Ist das heute anders?

Es ist noch immer das Lieblingsthema bei Tisch. Ich werde nach wie vor gefragt: Warum? Wozu? Aber in den Restaurants verändert sich etwas, zum Beispiel bei den Mittagsangeboten. Die Restaurantbetreiber merken allmählich, dass es keinen „Durchschnittsgeschmack“ gibt, dass die Menschen unterschiedliche Bedürfnisse haben, dass es Menschen mit Glutenunverträglichkeit, Allergien und so weiter gibt. Aber ein Restaurant mit gutem vegetarischen Essen zu finden, ist nach wie vor ein echtes Problem.

Wie schaffst du es dann als Veganerin? Du hast vor einigen Tagen auf vegane Ernährung umgestellt.

Im Grunde habe ich es schon wieder aufgegeben. Ich war beruflich in Krakau und dort war es unmöglich, etwas Veganes aufzutreiben. Aber ich werde es irgendwann noch einmal versuchen.

Mein ganzes Leben lang habe ich gehört, Eier seien Cholesterinbomben und man solle nicht zu viele davon essen. Jetzt hat sich herausgestellt, dass sie gesund sind. Mit der Milch war es genau umgekehrt. Jahrzehntelang galt Milch als geradezu unentbehrlich. Jetzt gibt es Untersuchungen, die behaupten, dass sie schädlich ist. Wie soll man mit so widersprüchlichen Informationen umgehen?

Ich rate zu maßvoller und ausgewogener Ernährung. Einfach ein wenig von allem essen: zwei Tage Fleisch (sofern man Fleisch isst), zwei Tage Fisch, ab und zu einmal ein Tag ohne Milchprodukte, und natürlich viel Obst und Gemüse. Jeder sollte selbst herausfinden, nach welchem Essen er sich besten fühlt. Ernährung ist etwas Individuelles. Gesunder Menschenverstand ist der Schlüssel zum Erfolg.

Du hast anderthalb Jahre in Berlin gelebt. Gibt es Unterschiede zwischen Warschauern und Berlinern, was das Verhältnis zum Essen angeht?

Wir haben eine ähnliche Esskultur, schließlich leben wir in derselben Klimazone. Von meinem ersten Aufenthalt in Berlin vor zehn Jahren weiß ich noch, dass in den Universitätsmensen auch vegetarische Gerichte angeboten wurden. Es gab sogar Ranglisten der besten Universitätsmensen. An der Warschauer Universität gibt es bis heute keine anständige Mensa. Polen essen seltener auswärts. Das hängt mit den Gewohnheiten aus dem Kommunismus zusammen und auch mit dem Wohlstandsniveau. Der polnische Gastronomiemarkt hat jedoch ein enormes Potenzial und wird sich sehr rasch entwickeln.
 

Karen Duve Anständig essen: Ein Selbstversuch

Verlag Galiani, Berlin 2010
ISBN 978-3-86971-028-0