Berliner Mauer Gegen Mauern anschreiben

Ausschnitt aus dem Cover des Buchs „Mur. 12 kawałków o Berlinie“
© Verlag Czarne, Pressematerialien

Dreizehn polnische und deutsche Autoren erzählen von Menschen, die im Schatten von Mauern leben oder unter den Folgen ihres Untergangs zu leiden haben.

Bis vor Kurzem waren die meisten von uns überzeugt, dass es in Europa keine Mauern mehr geben wird. Von der Mauer, die Deutschland viele Jahre lang in Ost und West teilte, sind nur noch Bruchstücke erhalten. Doch 26 Jahre nach ihrem Fall werden in Europa neue Barrieren errichtet, wie zum Beispiel an der Grenze zwischen Ungarn und Kroatien, und manche Politiker fordern bereits die Errichtung weiterer Grenzzäune. Unabhängig davon, wie man zu diesem Thema steht, sollte angesichts der aktuellen Entwicklungen doch daran erinnert werden, welche Veränderungen Mauern mit sich bringen – nicht nur für den Raum, in dem sie entstehen, sondern auch im Denken der Menschen, die durch sie voneinander getrennt werden.

Das von Agnieszka Wójcińska herausgegebene Buch Mur. 12 kawałków o Berlinie (dt.: Die Mauer. 12 Stücke über Berlin) besteht aus zwölf Reportagen von dreizehn deutschen und polnischen Autoren. Sie erzählen nicht von weltbewegenden historischen Ereignissen, sondern von ganz persönlichen Schicksalen – von Menschen, deren Leben durch physische oder geistige Mauern geprägt wurde.

Entführungen, Tunnels und die symbolische Versöhnung


Juliusz Ćwieluch erzählt die Geschichte einer Gruppe von Polen, die die Mauer auf äußerst spektakuläre Weise überwanden: Sie entführten ein Passagierflugzeug und zwangen es anschließend zur Landung auf dem West-Berliner Flughafen Tempelhof.

Die West-Berliner Fluchthelfer, von denen Agnieszka Wójcińska in ihrer Reportage erzählt, gruben Tunnel in den Ostteil der Stadt, um Freunden, Verwandten und DDR-Dissidenten die Flucht in den Westen zu ermöglichen. Viele Fluchthelfer und Flüchtlinge wurden von der Stasi festgenommen und zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Die Reportage zeigt aber auch, dass die Trennung in gute Oppositionelle und böse Funktionäre den Sachverhalt zu sehr vereinfacht.
Helmut Kohl war einer der Architekten der deutschen Wiedervereinigung und der symbolischen Versöhnung zwischen Deutschen und Polen im niederschlesischen Kreisau. In Maciej Wasilewskis Reportage erfahren wir, dass sein Sohn Walter Kohl sich ähnliche Ziele setzt, jedoch auf persönlicher Ebene: der Versöhnung mit seinem Vater. Wasilewski begegnet Walter Kohl auf einem Parkplatz in der Vorstadt von Auckland in den USA und unterhält sich mit ihm über die schwierige Beziehung zwischen dem Vater (einem großen Staatsmann) und seinem Sohn (einem erfolgreichen Schriftsteller).

Auch die jungen Türkinnen aus den Berliner Bezirken Wedding und Neukölln, von denen Katarzyna Brejwo in ihrer bewegenden Reportage „Tylko nie matura, córeczko“ (dt.: „Bloß kein Abitur, Tochter“) berichtet, haben ihre „Mauer“. Mit jeder Abweichung von den konservativen Werten ihrer Familien ziehen sie unweigerlich den Zorn ihrer Väter und Brüder auf sich. Die tragischsten Fälle enden mit der Flucht aus dem Elternhaus oder sogar der Ermordung der jungen Türkinnen.

Auch wenn sie verschwunden ist, wirkt sie fort


Die jungen Juden, die aus Israel nach Berlin kommen, wollen mit Mauern nichts mehr zu tun haben. Viele von ihnen bringen mit ihrer Emigration ihren Protest gegen die israelische Politik und die Sperranlagen am Gazastreifen und im Westjordanland zum Ausdruck. Doch mit ihrer Flucht vor physischen Mauern errichten sie neue Barrieren zwischen sich und ihren israelischen Angehörigen, die sich nicht damit abfinden können, dass ihre Kinder oder Enkelkinder ausgerechnet nach Deutschland gehen. Ihre Familien beschimpfen sie als Volksverräter und Antizionisten. Magdalena Kicińska erzählt ihre Geschichte.

Daran, dass man Mauern nicht nur mit Verzweiflungsaktionen oder Heldentaten, sondern auch mit kleinen menschlichen Gesten zum Einsturz bringen kann, erinnert Witold Szabłowski in seiner Reportage „Paczki solidarności“ (dt.: „Pakete der Solidarität“) über die Hilfspakete, die deutsche Privatpersonen (vor allem aus der Bundesrepublik Deutschland) in den Achtzigerjahren nach Polen schickten. „Es begann mit zweitausend, später viertausend Paketen täglich. Auf dem Höhepunkt haben wir bis zu siebzigtausend Pakete pro Tag abgefertigt“, erinnert sich Dieter Pawelka, ein Beschäftiger der Post in Hannover, über die die meisten Hilfslieferungen nach Polen gingen.

Auch Merle Hilbks Reportage „Maria nas widzi“ (dt. „Maria kann uns sehen“) handelt von einer grenzübergreifenden Verständigung auf ganz privater Ebene. Ein deutsches Paar fährt in die polnische Provinz, um dort ein Haus auf dem Land zu kaufen. Vor Ort stellt sich heraus, dass es sich bei der erträumten, idyllischen Hütte in Wirklichkeit um ein solides, noch von den Deutschen erbautes Wohnhaus handelt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wohnte darin eine aus den polnischen Ostgebieten umgesiedelte Familie, deren Tochter Gosia das Haus jetzt verkauft. Vertreibung, Umsiedlung, der „Ausverkauf polnischer Erde“ – die Geschichte lastet schwer auf dieser Transaktion und der Begegnung selbst.

Die Reportagen machen den Hauptteil des von Agnieszka Wójcińska herausgegebenen Buchs aus. Doch am Ende jeder Reportage – auch denen von Urszula Jabłońska, Antje Rávic Strubel, Kaja Puto und Ziemowita Szczerka, Jens Mühling und Nataša Kramberger – befinden sich Fotografien von Filip Springer, Bilder von Orten, an denen einst die Mauer verlief und an denen sich heute noch ihre Überreste befinden. Jede der Fotografien ist mit einem Kommentar versehen, in dem Springer seine Eindrücke während des Fotografierens beschreibt.

Die Frage, ob wir in Europa tatsächlich wieder Mauern benötigen, sollte jeder für sich selbst beantworten. Es sollte in dieser Diskussion jedoch nicht vergessen werden, dass Mauern eine eigentümliche Eigenschaft besitzen, die auch den Autoren der Reportagensammlung Mur. 12 kawałków o Berlinie nicht entgangen ist: Auch wenn sie längst verschwunden sind, wirken sie noch immer fort.