Victoria Alles für die Liebe

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© Solopan; Pressematerialien

Auch wenn sich Sebastian Schippers Film „Victoria“ in formaler Hinsicht zwischen Experimentalfilm und Thriller bewegt, erzählt er doch eine bewegende Geschichte über Einsamkeit und Frustration – Befindlichkeiten, die jeden von uns aus der Bahn werfen können.

Victoria (Laia Costa) ist einsam. Dies wird an ihrem gesamten Verhalten, an jeder ihrer Bewegungen deutlich. Sie ist keineswegs hässlich, aber auch keine Schönheit. Und sie ist alles andere als forsch. Bei ihrem Besuch in einem Berliner Club wird dies schmerzhaft sichtbar: Niemand beachtet sie sonderlich, und ihre ungelenken Flirtversuche mit dem Barkeeper enden in einem Fiasko. Und wahrscheinlich wäre Victoria ohne männliche Begleitung nach Hause gegangen, wenn sie beim Verlassen des Clubs nicht vier betrunken Typen in die Arme gelaufen wäre. Die jungen Leute kommen ins Gespräch, ziehen gemeinsam durch die Stadt, klauen Bier in einem Spätkauf und steigen auf das Dach eines Hochhauses. Ganz allmählich nimmt der Streifzug immer bedrohlichere Formen an und gerät schließlich vollends außer Kontrolle. Ist der Alkohol schuld? Die eigene Naivität? Die einfache Antwort lautet: Ja. Doch wenn man sich Victoria näher ansieht, merkt man, dass die Hauptursache für ihr Verhalten in Einsamkeit und Frustration liegt – beides im XXL-Format.
 

Eine Niederlage – und weiter nichts

Victorias Einsamkeit ist besonders offensichtlich. Die junge Spanierin kommt aus Madrid und lebt erst seit drei Monaten in Berlin. Sie hat keine Bekannten, was sicherlich auch damit zu tun hat, dass sie kein Wort Deutsch spricht (oder besser gesagt nur eines, nämlich „Prost“). Sie arbeitet für einen Hungerlohn in einem Café. Und das ist auch schon alles: Langeweile, Einsamkeit und sicherlich die eine oder andere ins Kopfkissen geweinte Träne. Man fragt sich, wie es zu einem solchen Bruch in ihrem Leben kommen konnte. Was hat diese intelligente und durchaus sympathische junge Frau dazu gebracht, ihre bisherige Existenz, ihre Familie und ihre Freunde aufzugeben und in ein fremdes Land zu gehen? Die Antwort auf diese Frage ist nicht ganz einfach, wir müssen Victoria erst näher kennenlernen, mehr Zeit mit ihr verbringen, bevor wir in der zweiten Stunde des Streifzugs durch das nächtliche Berlin schließlich Zeugen ihres verschämten Geständnisses werden: Die junge Frau versucht, sich von einer beruflichen Katastrophe zu erholen. Der Beruf, dem sie ihre gesamte Kindheit und Jugend opferte, hat ihre Mühen nicht belohnt: Die junge Frau war nicht gut genug. Jetzt versucht sie, sich in einer anderen Stadt und einem anderen Land neu zu erfinden – mit kümmerlichen Resultaten. Und diese Lebenssituation erklärt – leider – nur zu gut ihr irrationales Verhalten. Es ist ihr egal, dass Sonne (Frederick Lau) und seine Kumpel sie nur deshalb mitnehmen, weil sie zufällig gerade da ist. Es ist ihr egal, dass die vier jungen Männer offensichtlich am Rande der Legalität agieren und dass der gemeinsame Abend unausweichlich auf ein böses Ende zusteuert. Es ist ihr egal, dass in ihrem Kopf sämtliche Warnlampen aufleuchten. Victoria folgt den vier jungen Männern wie eine Motte dem Licht und macht alle Ausschweifungen bereitwillig mit – ohne Rücksicht auf die Folgen.
 

Ferien vom Leben

Der Trip durch das nächtliche Berlin bedeutet für Victoria in gewisser Weise einen Urlaub vom Leben. Nach all der Bitterkeit, Verzweiflung und dem Gefühl des Scheiterns beschließt sie, sich dieses eine Mal völlig zu „betäuben“. Hinzu kommt, dass Sonne ihre Blicke immer häufiger erwidert und der nächtliche Wahnsinn neben der Flucht aus ihrer hoffnungslosen Existenz vielleicht doch Hoffnung auf Liebe und eine Veränderung ihrer Situation bietet. Leider gibt es jedoch keinen Urlaub vom Leben. Früher oder später kommt das Erwachen, der Kater und die unbezahlten Rechnungen. Doch in einer Situation, in der das Leben einfach keinen Sinn mehr macht, verdrängen selbst so intelligente und im Grunde vernünftige Menschen wie Victoria diese Tatsache aus ihrem Bewusstsein. Sebastian Schippers Film, der in einer einzigen 134-minütigen Einstellung gedreht ist (kein Witz!), gibt mit seinen pulsierenden Techno-Rhythmen und seiner fiebrigen Atmosphäre die Gefühlswelt der Heldin ausgezeichnet wieder: insbesondere ihr verzweifeltes Bedürfnis nach Bestätigung und Liebe. Leider macht er auch ihre passive Lebenseinstellung deutlich sichtbar. Victoria lebt ausschließlich in der Erwartung darauf, dass etwas passiert und ihr Leben verändert. Und als eine solche Situation schließlich eintritt, fliegen all ihre Hemmungen und der gesunde Menschenverstand zum Fenster hinaus. Von da aus ist es nicht mehr weit zu der Erkenntnis, wie zerbrechlich die Grundpfeiler unserer Existenz manchmal sind, wie oft die Dinge „außer Kontrolle geraten“, gewissermaßen „von selbst geschehen“ und wir lediglich „zum Zuschauen verdammt sind“. Die Erkenntnis, dass ein solcher Zustand uns alle befallen kann (und viele von uns tatsächlich befällt), macht die Aussage des Films so unbequem und auf beunruhigende Weise universell.