Räumliche Erfahrungen

Filip Springer
Filip Springer | Foto: Privatarchiv

Ist die Architektur in der Lage, die modernen Nomaden sesshaft zu machen? Was sagt der Warschauer Kulturpalast über Polen aus? Haben Denkmäler heutzutage noch eine Daseinsberechtigung? Wir sprechen mit Filip Springer, dem Autor eines Buches über Raum und Architektur in Polen, über die Themen Erinnerung und Identität.

Sie haben einmal in einem Interview gesagt, dass die Begegnung mit dem Raum einen tieferen Eindruck auf Sie macht als der Kontakt mit Menschen. Warum ist das so?

Ich kann das nicht erklären. Wahrscheinlich müsste ich mich stundenlang  bei einem Psychoanalytiker auf die Couch legen, um zu erfahren, warum das so ist. Die Begegnung mit dem Raum macht auf mich immer einen tiefen Eindruck, es muss nicht unbedingt ein Gebäude sein, es genügt bereits ein kleiner, zwischen Häusern gelegener Platz oder ein Stück Wald. Einen tieferen Eindruck als die Begegnung mit einem anderen Menschen, selbst wenn es sich um einen sehr interessanten Menschen mit einer außergewöhnlichen Vergangenheit handelt. Der Ausgangspunkt meiner kreativen Arbeit ist der Raum und nicht die Begegnung mit Menschen. Ich benötige Protagonisten, jedoch nur dazu, um den Raum zu erklären, denn er selbst offenbar nicht viele Informationen. Man muss sie ihm entlocken, indem man mit Menschen spricht oder über sie liest.

Hatte der Raum schon immer eine solche Wirkung auf Sie?

Ich kann mich noch an Geschichten aus meiner Pfadfinderzeit erinnern, als wir lange Wanderungen unternahmen. Im Grunde geschah nichts Besonderes auf diesen Wanderungen, aber ich hatte das Gefühl, als würde ich mich an einem ganz außergewöhnlichen Ort befinden – und ich habe den anderen Pfadfindern angesehen, dass sie diese Emotionen nicht teilten.

Aber ich will die Bedeutung dieser Erlebnisse auch nicht übertreiben, ich will schließlich nicht als ein Neurotiker erscheinen, der jedes Mal völlig überwältigt ist, wenn er ein Stück von einem Gebäude oder einem Raum sieht. Ich schreibe Texte, die von Räumen handeln, oder von den Menschen, die ihn prägen. Das ist so bei mir, und ich versuche nicht, dagegen anzukämpfen.

Die Schriftstellerin Olga Grjasnowa, die gemeinsam mit Ihnen an einer Podiumsdiskussion im Goethe-Institut Pop Up Pavillon in Breslau teilnehmen wird, beschreibt in ihrem Roman „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ Menschen, die überall auf der Welt leben können, aber sich nirgendwo wirklich zu Hause fühlen. Hat die Architektur die Kraft, Menschen an einem bestimmten Ort zu verwurzeln?

Architekten haben tatsächlich diese Kraft. Sie sind in der Lage, Orte zu schaffen, die wir als „unseren Ort auf der Welt“ bezeichnen. Ich habe vor Kurzem das Monodram „Danuta W.“ (das Stück basiert auf der Autobiografie von Danuta Wałęsa, Anm. d. Red.) im Polonia Theater in Warschau gesehen. Krystyna Janda steht als Danuta W. auf der Bühne und erzählt mit einem wundervollen Lächeln vom Haus der Familie Wałęsa – es ist völlig heruntergekommen und doch ist es ihr „Ort auf der Welt“. Ich kann gut verstehen, was sich hinter diesem Lächeln, hinter dieser Schwärmerei verbirgt, wenn wir solche Äußerungen tun, wenn wir uns in einem bestimmten Raum völlig zu Hause fühlen. Dabei spielen selbstverständlich auch familiensoziologische, generationenübergreifende Faktoren eine Rolle.
Es fällt mir allerdings schwer, mir einen Raum vorzustellen, der in jeder Hinsicht architektonisch zerstört ist und dennoch ein Gefühl der Verbundenheit erzeugt. Obwohl sich andererseits in Polen eine ganze Subkultur entwickelte, die sogenannten „Blokersi“, die sich ein Leben außerhalb einer Wohnblocksiedlung gar nicht mehr vorstellen konnten.

Wenn Sie darüber nachdenken, wer Sie sind, kommen in Ihrer Selbstbeschreibung dann auch irgendwelche Räume oder Gebäude vor?

Es gibt in meiner Identität auf jeden Fall ein lokales Element: die Stadt Posen. Ich fühle mich eher als Posener denn als Pole. Vielleicht spielen dabei nicht so sehr konkrete Gebäude eine Rolle als vielmehr eine bestimmte Sicht des Raums, die sich aus der räumlichen Organisation Posens ergibt. Im Gegensatz dazu identifiziere ich mich überhaupt nicht mit der Art und Weise, wie der Raum in Polen generell organisiert ist. Am wohlsten fühle ich mich an Orten, die sich durch eine besondere Architektur auszeichnen.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel der der Posener Stadtteil Sołacz, zu dem ich eigentlich gar keine Verbindung habe, denn ich bin nicht dort geboren. In Polen fühle ich mich allgemein an Orten besonders wohl, die ehemals deutsch waren. Ich habe darüber vor Kurzem im Rahmen eines Leseabends in Gorzów Wielkopolski gesprochen. Es gefällt mir, wie die Deutschen ihre Städte gestalteten. Das hat etwas Harmonisches. Die besondere Struktur, die sie ihren Städten gaben, ihre „Stadtgestaltung im Kleinen“, zeugt von einem sehr hohen kulturellen Niveau und einer allseitigen Bildung. Deshalb haben diese Orte für mich etwas Humanistisches. Ich weiß nicht, ob es da einen Zusammenhang mit meiner eigenen Identität gibt, denn ich habe, soweit ich weiß, keine deutschen Wurzeln, obwohl ich einen deutschen Nachnamen trage.

Australien hat sein Sydney Opera House, Frankreich seinen Eiffelturm, Deutschland sein Brandenburger Tor. Ich habe mich gefragt, was ein solches universelles Symbol für die Architektur Polens sein könnte.

Und was kam dabei heraus?

Da ich in Warschau geboren bin, kommt mir als Erstes der Kulturpalast in den Kopf, aber die meisten Polen wären damit sicherlich nicht einverstanden.

Ich habe auch an den Kulturpalast gedacht, und ich würde mich gar nicht dagegen wehren. Nicht etwa, weil der Kulturpalast etwas wäre, worauf wir besonders stolz sein könnten, denn das ist er nicht, er wurde uns aufgezwungen. Nicht der Kulturpalast an sich ist ein Symbol für die polnische Architektur, sondern vielmehr die hinter ihm stehende Idee. Die Philosophie, anderen die eigene Meinung aufzuzwingen und auf arrogante Weise den Raum einzunehmen. Die meisten polnischen Gebäude, selbst die gelungeneren Projekte, lassen ein Stück weit den Willen erkennen, sich den Raum um jeden Preis zu eigen zu machen. Den Architekten des Kulturpalastes ist dies auf ideale und geniale Weise gelungen, nur dass sie, wie man weiß, keine Polen waren. Aber das ist ein Ideal, nach dem sehr viele Architekten und Investoren in Polen streben.

Wie äußert sich das?

Man muss sich nur die Architektur des Vitkac (ein exklusives Einkaufszentrum, Anm. d. Red.) auf der Aleje Jerozolimskie in Warschau ansehen. Das ist eine Weiterführung der architektonischen Ideologie des Kulturpalastes, lediglich unter einem anderen Banner – nicht des Kommunismus, sondern des Kapitalismus. Dieses Gebäude wurde mit einer ungeheuren Arroganz gegenüber dem räumlichen Kontext errichtet, als ein äußeres Zeichen der Kräfte, die die Stadt gegenwärtig beherrschen. Von einer ähnlichen „Genialität“ wie der Kulturpalast sind auch der Sky Tower in Breslau und der Sea Tower in Gdynia.

In ihren Büchern „Kupferberg. Eine Geschichte vom Verschwinden“ und „Schlecht geboren“ beschreiben sie Orte und Gebäude, die verschwanden oder in Vergessenheit gerieten. Warum ist das Erinnern, die Beschäftigung mit der Vergangenheit für Sie so wichtig?

Weil es mich interessiert. Wahrscheinlich müsste ich mich auch hier wieder bei einem Psychoanalytiker auf die Couch legen, um das zu erklären. Ich bin der Meinung – Achtung, jetzt kommt der Gemeinplatz des Jahres! – dass man sehr viel aus der Geschichte lernen kann. In meinem Buch „13 Stockwerke“ habe ich beschreiben, wie man vor dem Krieg erfolglos versucht hat, das Wohnproblem zu lösen. Das sollte man wissen, damit man die gleichen Fehler nicht noch einmal begeht. Ich habe vor Kurzem einen sehr ausführlichen Artikel gelesen, dessen Autor die Meinung vertrat, der in den polnischen Großstädten geführte Kreuzzug gegen das Automobil solle endlich ein Ende haben. So einen Artikel kann nur jemand schreiben, der die Geschichte nicht kennt. Es bedarf schon einer gehörigen Portion Unwissen darüber, wie sich die Großstädte weltweit entwickelt und welche Szenarien sie durchlaufen haben, wenn man im Jahr 2016 einen solchen Artikel verfasst und ihn auch noch ernst meint.

Was war für Sie die wichtigste Lektion, die sie aus ihrer Arbeit an „Kupferberg“ mitgenommen haben?

In erster Linie eine Lektion für mich als Reporter. Ich habe mir damals bewusst gemacht, warum ich überhaupt Bücher schreibe. Ich kam zu dem Schluss, dass ich schreiben will, um Dingen auf den Grund gehen, die mich bewegen, und nicht, um mir eine journalistische Nische als Weltverbesserer zu schaffen. Und wenn es bei mir so ist, dass ich ein Thema aus reinem Egoismus angehe, weil es mich bewegt und ich das Bedürfnis habe, es mir mithilfe einer Reportage zu erklären, dann enthebt mich das des Mandats, in menschlichen Biografien und Traumata zu wühlen.

Eine allgemeinere Lehre, die ich aus „Kupferberg“ gezogen habe, war die Erkenntnis, dass es ein tiefes menschliches Bedürfnis gibt, sich die Wirklichkeit komplizierter zu erklären, als es notwendig wäre. Die Überzeugung der ehemaligen Bewohner Kupferbergs, die Stadt sei das Opfer einer Verschwörung, eines Mysteriums oder eines Fluchs geworden, war überwältigend, jedoch ohne jegliche reale Grundlage. Kupferberg verschwand, weil die Kräfte der Geologie und der Physik auf den Plan traten. Daran war nichts Geheimnisvolles, die Stadt verfiel einfach, und basta. Man könnte das in einem einzigen Absatz abhandeln, aber es war unendlich interessant, zu sehen, wie sich die Menschen dort gewisse Dinge erklärten.

Welches Verhältnis haben Sie zur Erinnerungsarchitektur, also zu Denkmälern?

Manche gefallen mir, und manche nicht (lacht).

Glauben Sie, dass Denkmäler heutzutage, angesichts unserer zweifelhaften ästhetischen Sensibilität, noch irgendeine Wirkung auf die Menschen haben können?

Für mich hat ein Denkmal dann einen Wert, wenn es nicht nur an etwas erinnert, sondern eine konkrete Erfahrung vermittelt. Ein gutes Beispiel ist die Gedenkstätte Belzec, die sehr starke emotionale Reaktionen hervorruft. Und zwar durch eine besondere Organisation und Gestaltung des Raums: Es ist eine große Skulptur, an der man selbst teilhaben kann.

Auch das Konzept des Denkmals auf der Insel Utøya hat mich sehr angesprochen. Die Architekten hatten die Idee, eine benachbarte Halbinsel durch eine Spalte in zwei Teile zu trennen. Ein solches Denkmal hinterlässt einen bleibenden Eindruck, es ist eine räumliche Erfahrung, die bestimmte Emotionen vermittelt.

Ein Denkmal hingegen, das einfach nur eine mehr oder weniger gelungene Skulptur ist (und in letzter Zeit überwiegen die weniger gelungenen), gibt mir nichts. Vielleicht wird es in hundert Jahren für irgendjemanden von Nutzen sein.