Installation Wellen der Erinnerung

Ausschnitt aus dem Foto von Radio TATRY
Radio Tatry | Foto: Darekm135 © CC

Ein altes Röhrenradio, das Aufnahmen aus der Vergangenheit spielt. Diese interaktive Klanginstallation von Dorota Błaszczak und Wojciech Barcikowski weckt auf Anhieb eine ganze Reihe von Assoziationen: von dem vagen Gefühl, sich in einem Horrorfilm zu befinden, bis zur Reflexion darüber, dass die flüchtigsten Elemente der Wirklichkeit sich schließlich als ihre dauerhaftesten erweisen – wie zum Beispiel eine über 50 Jahre alte Radiosendung.

 
Auf den ersten Blick sieht alles ganz einfach aus: Auf einem Tisch im Goethe Institut Pop Up Pavillon in Breslau steht ein Rundfunkempfänger der Marke „Tatry“ (für Kurz-, Mittel und Langwellenempfang), der in den Fünfziger- und Sechzigerjahren in den Kasprzak Radio-Werken in Warschau produziert wurde. Die Besucher können an dem Tisch Platz nehmen und den Rundfunkempfänger selbst bedienen. Mithilfe der Programmwahltasten wählen sie zwischen verschiedenen Themenkanälen und mithilfe des rechten Drehreglers bewegen sie sich durch die Zeit zu ausgewählten Abschnitten der Geschichte Breslaus – die korrekte Einstellung wird durch das grüne Leuchten eines sogenannten „magischen Auges“ signalisiert. Der linke Drehregler ist, wie man sich leicht denken kann, für die Lautstärke zuständig.
 
Die konzeptionelle und technische Seite des Projekts ist schon wesentlich komplizierter. Das Herzstück der „Wellen der Erinnerung“ bilden die bereits genannten Themenkanäle: In Zusammenarbeit mit den Archiven des Polnischen Hörfunks, des Nationalen Digitalen Archivs und des Senders Radio Wrocław trugen die Schöpfer der Installation – Dorota Błaszczak, Wojciech Barcikowski und Zbigniew Pietrzak – Tondokumente aus den vergangenen neunzig Jahren zusammen: von der Weimarer Republik und dem Dritten Reich (dem „Reichssender Breslau“), über die Zeit der Volksrepublik Polen (darunter Aufnahmen des 1981 tätigen Senders „Radio Solidarność Wrocław“) bis in die Gegenwart. Eine entsprechende Software, die mit den Tasten und Reglern des Empfängers verbunden ist, sorgt für die korrekte Zuordnung der digitalisierten Aufnahmen zu den einzelnen Themenkanälen. Zusätzlich sind im Goethe Institut Pop Up Pavillon Lautsprecher aufgestellt, die die ausgewählten Tondokumente in den Raum des Pavillons projizieren oder eine zusätzliche Klangebene schaffen – je nach den Einstellungen am Empfänger.
 
Es wird fünf Themenkanäle geben. Die ersten beiden widmen sich der Geschichte Breslaus im 20. und 21. Jahrhundert (der Weimarer Republik, dem Dritten Reich, der Volksrepublik Polen und der Dritten Polnischen Republik). Der dritte Kanal beschäftigt sich mit der Kultur der Stadt und enthält u. a. Vorkriegsaufnahmen des Breslauer Domchors, Äußerungen des Architekten Tadeusz Broniewski, Aufnahmen aus der unabhängigen Theaterszene (dem Teatr Laboratorium von Jerzy Grotowski und der Orangenen Alternative) sowie Mitschnitte von Festivals (Wratislavia Cantans, Nowe Horyzonty und Dialog) und Sportereignissen. Der vierte Kanal ist den Einwohnern Breslaus gewidmet und präsentiert vor allem Stimmen bekannter Breslauer Persönlichkeiten. Der fünfte Kanal stellt eine Verbindung mit der  Radio-Gegenwart Breslaus her – in Form eines Live-Streams des Senders Radio Wrocław. Darüber hinaus wird zu jeder vollen Stunde unabhängig vom gewählten Programm ein Zeitsignal zu hören sein, in dem sich die beiden Zeitströme, der historische und der aktuelle, gegenseitig überlagern. Die Installation „Wellen der Erinnerung“ fällt mit dem 70. Jubiläum des Senders Radio Wrocław zusammen: Die Eröffnung des Senders am 29. September 1946 war für die damalige polnische Regierung ein äußerst wichtiges Ereignis, zu dem sogar der spätere polnische Staatspräsident Bolesław Bierut anreiste.

„Das Anhören dieser historischen Aufnahmen war ein unglaubliches Erlebnis“. Wir sprechen mit Dorota Błaszczak und Wojciech Barcikowski, den Schöpfern der Installation „Wellen der Erinnerung“, über die „Befreiung“ von Klängen aus den Archiven, den Reiz alter Radioempfänger und die „Rundfunk-Archäologie“ Breslaus.

Woher stammt die Idee zu eurem Projekt?

Dorota Błaszczak: In erster Linie aus unserer Arbeit. Ich bin Tontechnikerin und beschäftige mich mit dem Thema Klangrekonstruktion, aber auch mit interaktiven Klängen. Im Archiv des Polnischen Hörfunks entwickeln wir zurzeit ein System, das einen Zugang zu den archivierten Aufnahmen ermöglicht. Dabei entstehen unterschiedliche Ideen zur Aufbewahrung und Nutzung der Aufnahmen – etwas, das ich als „aktives Archivieren“ bezeichnen würde. Man denkt darüber nach, wie man all diese Aufnahmen, die seit Jahren ungenutzt in den Regalen liegen, „befreien“ könnte. Die unmittelbare Inspiration zu den „Wellen der Erinnerung“ war jedoch ein anderes Ereignis: die letztjährigen Feierlichkeiten zum 90-jährigen Jubiläum des Polnischen Hörfunks sowie das Warschauer Wissenschafts-Picknick, für das ich ein ähnliches Projekt entwickelt hatte: Eine Installation, die neun Jahrzehnte Radio-Geschichte auf vier frei wählbaren Themenkanälen präsentierte. In „Wellen der Erinnerung“ haben wir dieses Konzept kreativ weiterentwickelt.
 
Warum habt ihr euch gerade einen Radioempfänger der Marke „Tatry“ ausgesucht?

Dorota Błaszczak: In erster Linie aus technischen Gründen. Wir besaßen ein gut erhaltenes Exemplar, das sich gut für einen Umbau eignete – diese Aufgabe hat Zbyszek Pietrzak übernommen. Das Gerät sollte eine große Senderskala und leicht bedienbare Drehregler haben. Aber selbstverständlich spielte auch die Tatsache eine Rolle, dass der „Tatry“ in gewisser Weise ein symbolischer Radioempfänger aus der Zeit vor der Transistor-Ära ist. Viele Menschen verbinden etwas mit dem Gerät oder kennen es sogar noch von früher. Na, und es sieht einfach toll aus.
 
Welche Kriterien entschieden über die Auswahl der Themenkanäle?

Dorota Błaszczak: Ganz prosaische: vor allem urheberrechtliche Gründe. Deshalb gibt es in unserer Installation so gut wie keine Musik. Auch die Verfügbarkeit der Materialien spielt selbstverständlich eine Rolle. Außerdem ging es uns in unserem Projekt in erster Linie um Rundfunkaufnahmen und ihre zeitliche Einteilung. Im Themenkanal, der den Einwohnern Breslaus gewidmet ist, sind überwiegend ihre Originalstimmen zu hören und nicht Sendungen über sie. Das war uns wichtig.
 
Was erwies sich als die größte Überraschung in der „Rundfunk-Ärchäologie“ Breslaus?

Dorota Błaszczak: Für mich ist es unglaublich, wie aktiv diese Stadt ist. Heute ist das selbstverständlich, wir alle kennen Festivals wie das Nowe Horyzonty. Aber diese Aktivität war schon immer da. Über die Sache nach Aufnahmen kann jedoch Wojtek Barcikowski, der für die Auswahl verantwortlich war, mehr erzählen.

Wojciech Barcikowski: Ich bin Geschichtswissenschaftler und höre leidenschaftlich gern alte Musikaufnahmen. Das Faszinierendste für mich war also die Entdeckung von Vorkriegsaufnahmen der Symphonien Anton Bruckners – gespielt vom Breslauer Rundfunkorchester unter der Leitung von Hermann Abendroth. Für unsere Installation stellte uns das Nationale Digitale Archiv freundlicherweise eine Aufnahme der 9. Symphonie aus dem Jahr 1936 zur Verfügung. Soweit ich weiß, haben nicht einmal das Deutsche Rundfunkarchiv und anerkannte Brückner-Experten eine Ahnung davon, dass diese Aufnahmen existieren und sich in unserem Besitz befinden. Viele Berliner Rundfunkaufnahmen wurden nach dem Krieg in die Sowjetunion gebracht und erst in der Zeit der Perestroika an Deutschland zurückgegeben. Aber diese Platten blieben in Polen. Ich kann nur sagen, dass das Anhören dieser historischen Aufnahmen ein unglaubliches Erlebnis war.
 

Installation. Wellen der Erinnerung

Installation. Wellen der Erinnerung
Vernissage: Dienstag, 26. April, 18.00 Uhr
Ausstellung: 26. April bis 9. Mai 2016
Goethe-Institut Pop Up Pavillon
Plac Nowy Targ, Breslau