Gespräch mit Daniel Göpfert Ort der Begegnung und des Dialogs. Goethe-Institut Pop Up Pavillon

Der gläserne Pop Up Pavillon ist ein Raum, der sich in die Stadt einfügt und der geschlossen und offen zugleich ist. Künstler aus Polen und Deutschland treten hier gemeinsam auf, denn die Europäische Kulturhauptstadt ist Begegnung.

Gespräch mit Daniel Göpfert Direktor des Goethe-Instituts in Krakau


Dorota Oczak-Stach: Warum hat das Goethe-Institut entschieden, sich am Programm Europäischen Kulturhauptstadt in Breslau zu beteiligen?

Daniel Göpfert: Schon als wir erfahren haben, dass Breslau dieses Jahr den Titel „Europäische Kulturhauptstadt“ tragen würde, stand für uns fest, dass wir uns daran beteiligen wollten. Das ist ein großes Ereignis. Breslau ist erst die zweite Stadt Polens, die diesen Titel führt. Die erste war Krakau, aber das ist bereits 16 Jahre her. Das Goethe-Institut, das zeitgenössische Kultur aus Deutschlands in andere Länder bringt, trägt in vielen Ländern zum Programm der Europäischen Kulturhauptstädte bei. Wir zeigen, welche Themen in der öffentlichen Debatte von Bedeutung sind, was in der deutschen Gesellschaft vor sich geht. Zuletzt waren wir in Pilsen [Plzeň]; die Stadt war vergangenes Jahr Europäische Kulturhauptstadt. Für Pilsen hatten wir ein ganz anderes Programm ausgearbeitet als jetzt für Wrocław. „Why talk to animals“ entstand in Kooperation mit dem dortigen Zoo und behandelte die Beziehung zwischen Mensch und Tier.

Breslau ist aufgrund seiner Geschichte eine außergewöhnliche Stadt, und somit wussten wir, dass wir etwas Besonderes planen mussten. Wir wollten kein einzelnes Event organisieren, sondern dachten daran, einen Ort zu schaffen, der mit Bürgern und städtischem Raum in Interaktion tritt. Daher die Idee mit dem gläsernen Pavillon. 
 
Warum gerade ein solcher Raum?

Weil er sich in die Stadt einfügt, geschlossen und offen zugleich ist. Alle sehen, was sich in dem gläsernen Raum ereignet, und mit Hilfe von Kopfhörern können Gespräche und Diskussionen mitverfolgt werden. Die Sprache, in der sie mithören möchten, können die Zuhörer jeweils selbst auswählen. Bei Veranstaltungen sind die Künstler im Innern des Pavillons, das Publikum hingegen befindet sich – mit Ausnahme einzelner Programmpunkte – außerhalb, auf dem Neuen Markt. Wir gehen davon aus, dass der Pavillon sich harmonisch in diese Umgebung einfügen wird. Der Goethe-Institut Pop Up Pavillon ist speziell für diesen konkreten Ort in Wrocław entworfen worden.
 
Aber das ist nicht die erste Veranstaltung, die das Goethe-Institut in Wrocław durchführt.

Wir haben in Polen zwei Institute – in Warschau und in Krakau. Das erste ist im Norden Polens engagiert, das zweite im Süden. Aber wir sind nicht nur an diesen beiden Standorten aktiv, sondern haben ein Netz von Partnern in ganz Polen. In Wrocław arbeiten wir z.B. mit der Niederschlesischen Öffentlichen Bibliothek zusammen. Wir haben u.a. geholfen, während des Festivals Port Literacki ein Gespräch mit der Nobelpreisträgerin Herta Müller zu organisieren. Mit dem Kunstzentrum WRO führen wir ein gemeinsames Residenzprogramm durch, das sind Aufenthaltsstipendien für junge deutsche Künstler, die nach Wrocław kommen, hier arbeiten und ihre Kunst dem hiesigen Publikum vorstellen.
 
Wrocław hat eine deutsche Vergangenheit. Soll diese Vergangenheit bei den Veranstaltungen im Glaspavillon sichtbar werden?

Wir konzentrieren uns vor allem auf die Gegenwart. Dennoch gibt es im Programm des Pop Up Pavillons einige Projekte, die sich mit der deutsch-polnischen Geschichte der Stadt befassen. Noch vor der offiziellen Eröffnung wollen wir eine ganz besondere Ausstellung zeigen, die durch Zusammenarbeit einer polnischen Künstlerin mit einer deutschen Kuratorin entstanden ist: Die beiden bilden architektonische Werke aus Kuchenteig und anderen Konditoreierzeugnissen nach. Das klingt vielleicht erst einmal spaßig und wenig spektakulär, aber in dieser leichten Form wollen wir ein Stück Breslauer Architekturgeschichte darstellen. Wir zeigen die Werke Hans Poelzigs, der in der Stadt für seinen Vier-Kuppel-Pavillon bekannt ist. Viele Objekte dieses Architekten befinden sich auch in Berlin. Diese „süße Installation“ verbindet die beiden Städte.  

Auf die komplizierte deutsch-polnische Vergangenheit verweist ebenfalls die Kunstinstallation „Wellen der Erinnerung“: Sie präsentiert Radioaufnahmen aus und über die Stadt, von der Zwischenkriegszeit im deutschen Breslau über Aufnahmen aus der Nazizeit, Propagandasendungen aus der Volksrepublik Polen bis hin zu oppositionellen Aufnahmen aus der Zeit der „Solidarność“. Dieses Projekt hat sowohl die deutsche als auch die polnische Stadtgeschichte zum Inhalt. Der Pop Up Pavillon wäre aber für die Bevölkerung uninteressant, wenn wir uns drei Monate lang ausschließlich mit der Geschichte befassen würden. Wir wollen auch in die Gegenwart und in die Zukunft schauen.   
 

  • Daniel Göpfert i Steffen Möller otwierają Goethe-Institut Pop up Pavillion © Goethe-Institut
    Daniel Göpfert i Steffen Möller otwierają Goethe-Institut Pop up Pavillion
  • Goethe-Institut Pop Up Pavillon © Goethe-Institut Polska

  • Goethe-Institut Pop Up Pavillon Fot. Marcin Oliva Soto
  • Goethe-Institut Pop Up Pavillon Fot. Marcin Oliva Soto
  • Goethe-Institut Pop Up Pavillon Fot. Marcin Oliva Soto

 
Die Veranstaltungen im Pavillon konzentrieren sich auf bestimmte Leitthemen: Identität, Utopie und Spieltrieb. Wie kam diese Auswahl zustande?

Das ist das Ergebnis monatelanger Diskussionen. Die von uns ausgewählten Themen sollten für die Einwohner Wrocławs interessant sein, aber zugleich auch einen Bezugspunkt zu Deutschland haben. Die Identität einer Stadt ist vielschichtig. Der Begriff enthält historische Aspekte, ist aber auch stark mit der Gegenwart verknüpft. Zu einer der Begegnungen laden wir Flüchtlinge aus Syrien und Breslauer Bürger ein, um ihnen die Chance zu geben, sich über ihre Ansichten und ihre Kenntnisse übereinander auszutauschen und diese in Bezug zu setzen. Dabei werden Fragen aufkommen, was es heißt, in einem anderen Land, einer fremden Stadt zu sein, wie solche Menschen ihre Identität herausbilden. Es geht uns um das direkte Gespräch. Das Thema Utopie wiederum ist ein Kontrapunkt – dieses Schlagwort erlaubt uns, in die Zukunft zu blicken. Wir überlegen, was wir von Städten erwarten, nicht nur in Europa, sondern auf der ganzen Welt. Es sind zahlreiche Menschen eingeladen, die sich mit diesem Thema beschäftigen.
 
Dieses Thema ist auch Inhalt eines Programms namens „Stadt der Zukunft / Laboratorium Breslau“, das im Rahmen der Europäischen Kulturhauptstadt stattfindet. Ist das Zufall oder Absicht? 

Es ist ein gutes Zeichen, dass wir gleichzeitig auf dieselbe Idee gekommen sind. Und es zeigt auch, wie lebendig diese Thematik heute ist. Europa sollte sich die Frage stellen, welche Richtung es einschlagen will. Ich glaube, es wäre interessant, beide Vorhaben miteinander in Dialog treten zu lassen. Es ist auch ein Effekt unserer engen Zusammenarbeit mit dem Kunstzentrum WRO, das sich an beiden Projekten beteiligt.
 
Worin besteht diese Zusammenarbeit?

Der Pop Up Pavillon bietet Raum für fünf Kunstinstallationen. Sie werden einige Tage bis mehrere Wochen lang dort ausgestellt. Das Goethe-Institut hat sie gemeinsam mit dem Kunstzentrum WRO ausgewählt. Vor einem Jahr haben wir einen offenen Wettbewerb für Künstler aus Polen und aus Deutschland ausgeschrieben. Wir gaben ihnen nur sehr allgemeine Rahmenbedingungen vor: Wir teilten ihnen mit, dass in Breslau ein gläserner Pavillon aufgestellt werden solle, und fragten, was sie gern dort verwirklichen würden. Es meldeten sich rund 300 Künstler aus beiden Ländern. Gemeinsam haben wir dann die interessantesten Ideen ausgewählt.

Außerdem kooperieren wir mit der Universität Wrocław – das Institut für Germanische Philologie spielt eine wichtige Rolle bei der Realisierung des literarischen Programms unseres Pavillons, gemeinsam haben wir Veranstaltungen mit Schriftstellern konzipiert. Auch das Deutsche Generalkonsulat in Breslau unterstützt uns, ebenso wie das Festivalbüro IMPART 2016 und die Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit. Wir haben hier zwar keinen eigenen Sitz, aber dafür ausgezeichnete Partner, die sich mit den örtlichen Gegebenheiten gut auskennen und uns zur Seite stehen. Ohne sie wäre es viel schwieriger.
 
Das letzte Leitthema unterscheidet sich von den anderen beiden – es hat mit dem Spiel zu tun, ist sozusagen "spielerisch".

So war der Gedanke. Die beiden ersten Themen sind ernst, tiefgründig und geben – hoffentlich – zu denken. Doch wir wollen hinter die Veranstaltungen im Pavillon einen optimistischen Schlusspunkt setzen, daher das Motiv „Spieltrieb“. Doch bitte lassen Sie sich davon nicht in die Irre führen. Dass das Thema unterhaltsam ist, heißt nicht, dass es oberflächlich ist. Unsere Idee ist, dass man durch spielerische Formate die Stadt, aber auch Europa und sich selbst besser kennenlernt. Geplant ist ein großer urbaner Spielplatz, in dem man sein Wissen über Breslau unter Beweis stellen kann, aber auch ein „demokratisches Abendessen“, bei dem wir am Beispiel des Essens spielerisch mit den Mechanismen experimentieren, die ein demokratisches System definieren.
 
Demokratie, Flüchtlinge, utopische Zukunftsvisionen – das sind derzeit die wichtigsten Themen für die Deutschen?

In Deutschland ist eine neue politische Partei entstanden, die befürchtet, die Deutschen könnten wegen der vielen Flüchtlinge aus unterschiedlichsten Ländern ihre Identität verlieren. Wir wollen über diese Ängste sprechen und aufzeigen, was ihre Gründe sind und wie die Situation sich weiterentwickeln kann. Ich bin überzeugt, dass die Identität der Polen, Deutschen, Europäer sehr vielschichtig ist und unterschiedlichste Aspekte aufweist, dass sie sich im Laufe der Zeit verändert und weiterentwickelt. Wenn wir etwas Neues zu dieser Identität hinzufügen, können wir sie lediglich bereichern, nicht aber verlieren. 

Ich bin der Überzeugung, dass die von uns ausgewählten Themen von den Menschen, die in Wrocław leben oder die Stadt jetzt besuchen, mit Interesse aufgenommen werden. Wir heißen auch alle Touristen herzlich willkommen. Ich glaube auch, dass die Themen nicht nur im engeren Umfeld von Bedeutung sind, sondern einen weiteren Kontext besitzen.
 
In dieses Jahr fällt auch der 25. Jahrestag des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrags. 

Das ist ein weiterer Grund – neben der Europäischen Kulturhauptstadt –, ein Projekt wie den Pop Up Pavillon durchzuführen. Am Jahrestag der Unterzeichnung des deutsch-polnischen Vertrags, also dem 17. Juni, eröffnen wir die letzte Installation mit dem Titel „Music Construction Machine“. Der Künstler, der sie geschaffen hat, sagt von sich selbst, er sei ein Erfinder unnützer Dinge. Die Installation verwandelt den gesamten Pavillon in eine überdimensionale Spieluhr, auf der jeder spielen kann. Ich denke, das ist eine ebenso positive wie ungewöhnliche Weise, die gelungene Zusammenarbeit unserer Länder zu feiern. Bei der Eröffnung werden auch polnische Musiker spielen: Ähnlich wie bei zahlreichen anderen Veranstaltungen treten Künstler aus beiden Ländern gemeinsam auf. Uns waren der Dialog und die Möglichkeit des kulturellen Austauschs, des Ideentransfers, das Knüpfen neuer Kontakte sehr wichtig, denn die Europäische Kulturhauptstadt steht vor allem für eins – für Begegnungen.
 
Halten Sie die 25-jährige Zusammenarbeit unserer Länder für gelungen?

Aber ja. In jeder Freundschaft gibt es verschiedene Phasen. Manchmal läuft alles glatt, manchmal müssen Probleme gelöst werden. Ich denke, Breslau spielt eine besondere Rolle bei der Gestaltung der deutsch-polnischen Beziehungen. In den deutschen Medien wird momentan im Zusammenhang mit der Kulturhauptstadt viel über die Stadt berichtet. Bei uns fragen deutsche Journalisten an, die neugierig sind, was sich hier ereignet. Ich freue mich über das internationale Interesse. Ich finde, Wrocław trägt diesen Titel zu Recht.