Die Szene der Neuen Musik in Polen ​Mehr Experimente!

Bogusław Schaeffer
Bogusław Schaeffer | Fotograf: Michał Korta

Die politischen Umwälzungen im Jahr 1989 weckten in Polen ein neues Interesse am musikalischen Experiment. Nach Jahrzehnten postmodernistischer Behäbigkeit und Stagnation der musikalischen Entwicklung, die natürlich ihre Gründe in politischen und ökonomischen Krisen hatte, entdeckten die Komponisten und ihr Publikum wieder progressive Tendenzen in der Musik.


So gewann die sogenannte „polnische Schule“ der Sechzigerjahre, die mit dem Zufall, mit radikalen Klangeffekten und kontrastreichen Klangfarben arbeitete, als wichtige Tradition der Avantgarde wieder an Bedeutung. Die früheren „sonoristischen“ Werke von Krzysztof Penderecki (*1933), Kazimierz Serocki (1922-1981) und Witold Szalonek (1927-2001) sowie minimalistische Kompositionen von Tomasz Sikorski (1939-1988) und Zygmunt Krauze (*1938) wurden erst jetzt aufgenommen und auf Festivals vorgestellt. Wiederentdeckt wurde auch das reiche Schaffen von Bogusław Schaeffer (*1929), der als „Vater der Neuen Musik in Polen“ galt. Schaeffer arbeitete unter anderem im Experimentalstudio des Polnischen Rundfunks, eines der ersten Studios für Elektronische Musik in Europa, das zwar seit langem nicht mehr existiert, aber ein großes Archiv bewahren konnte.
 
Die Komponisten der jüngeren Generation wie Tadeusz Wielecki (*1954) oder Hanna Kulenty (*1961), die trotz ästhetischer und politischer Umwälzungen immer Kontakt mit der internationalen Neuen Musikszene bewahrt hatten, konnten mit ihren Werken eine Brücke zur jüngsten und progressivsten Generation schlagen. Besonders mit dem Wechsel des Millenniums hat sich die Landschaft der Neuen Musik in Polen stark verwandelt. Im 21. Jahrhundert betritt nun eine Generation von Komponisten die Bühne, die in einem freien Polen aufgewachsen ist. Diese Generation von Weltbürgern ist stark vernetzt mit Künstlern, die ähnliche ästhetische Interessen haben, und ist aktiver als ihre Vorgänger -  auch im Bereich der Selbstorganisation. Sie initiiert zahlreiche Festivals für Neue, experimentelle und improvisierte Musik, gründet eigene Stiftungen, Zeitschriften und Plattenlabel.
 
Zur wichtigsten Institution dieser neuen Generation avancierte die Zeitschrift „Glissando“, die 2004 von Studenten der Musikwissenschaft der Warschauer Universität gegründet wurde und sich rasch zu einem Forum für Komponisten, Musiker, Kritiker, Musikwissenschaftler und interessierte Hörer entwickelt hat. Man spricht in Polen von der „Glissando“-Generation, zu der Komponisten wie zum Beispiel Paweł Hendrich (*1979) zählen, Marcin Stańczyk (*1977), Jagoda Szmytka (*1982), Agata Zubel (*1978), Andrzej Kwieciński (*1984), Wojtek Blecharz (*1981), Prasqual (*1981) und Sławomir Wojciechowski (*1971). Sie alle verfolgen unterschiedliche Interessen und schöpfen aus der Philosophie, der Kunst, der alten Musik, der Psychologie oder den Naturwissenschaften. Was sie verbindet, ist die Lust an neuen Klangwelten.
 
Zur gleichen Zeit entstanden Ensembles für Neue Musik, darunter Kwartludium (Gdansk/Warschau), Kwadrofonik (Warschau), das Sepia Ensemble (Posen) und das NeoQuartet (Gdansk), die auch bei nur geringer finanzieller Unterstützung regelmäßig neue Werke uraufführen. Auch die Festivallandschaft erblühte mit vielen großen und kleinen Festivals in Warschau, Wrocław, Krakau, Gdańsk und Kattowitz.

Neben zahlreichen großen und alten Festivals, organisiert vom Komponistenverband, zu denen vor allem der "Warschauer Herbst" zählt, entstehen neue Konzertinitiativen und Projekte. Zu den interessantesten neuen Festivals des letzten Jahres gehören unter anderem Instalakcje, Eastern Waves und Kwadrofonik – alle nur in Warschau!
Aktiv werden nicht nur Musikinstitutionen wie Philharmonien oder Musikhochschulen, sondern auch Kunstgalerien, Theater und Clubs. Die Landschaft der Neuen Musik in Polen wird immer reicher und vielfältiger – auch dank eines staatlichen Unterstützungsprogramms, das allen Veranstaltern erlaubt, sich um Fördermittel für Komponisten und Musiker zu bewerben.

Noch nie in der Geschichte entstanden so viele neue Kompositionen, noch nie gab es in Polen so viele neue Festivals, noch nie war Neue Musik so weit und breit präsent – auch außerhalb der großen Zentren wie Warschau oder Wrocław. Die Szene der Neuen Musik blüht, mit vielen Ideen, ästhetischen Orientierungen und Experimenten.