Breslau 2016 Pop-up pops up!

Pop up Pavillon: Silent disco
Fot. Marcin Oliva Soto

In der Nacht sieht er ein wenig aus wie ein großes Aquarium. Der durchsichtige Container erregt Aufmerksamkeit, sorgt für Verblüffung und fügt sich gleichzeitig nahtlos in den geometrischen Raum des Plac Nowy Targ in Breslau ein. Am Wochenende vom 22. bis 24. April 2016 wurde der Goethe-Institut Pop Up Pavillon eröffnet, der noch eine weitere Gemeinsamkeit mit einem Aquarium aufweist: Er beherbergt ein ganzes Ökosystem. Die gelungene Symbiose kultureller Veranstaltungen von Begegnungen mit Autoren über Performances und Musik-Events fand großen Anklang bei den Breslauern, die trotz des launischen Wetters zahlreich zu den Veranstaltungen am Eröffnungswochenende erschienen.

Ich bin in Breslau geboren und aufgewachsen, lebe und arbeite hier. Ich kenne die Stadt ziemlich gut, bin fasziniert von ihrem genius loci. Ich weiß, was in der Stadt los ist, und nehme an zahlreichen Veranstaltungen teil. Ich kann also mit gutem Gewissen behaupten, dass es so etwas wie den Goethe-Institut Pop Up Pavillon in Breslau noch nie gegeben hat. Ein verglaster Raum mit einer Fläche von 21 Quadratmetern, eine lautlose Freiluft-Disco mit 500 Kopfhörern sowie Performances und Theateraufführungen in der Stadt, in der einst Jerzy Grotowski wirkte? Fantastisch. Die besondere Energie, die mit dem Pavillon im Stadtzentrum Einzug gehalten hat, lässt sich nur schwer in Worte fassen. Besser, man sieht sich die Bilder an, oder noch besser, man erlebt diese Energie selbst. Kein Problem – die Veranstaltungen dauern noch bis zum 10. Juli.

Der Höhepunkt des ersten Wochenendes war zweifellos der Eröffnungstag, der 22. April. Nach der offiziellen Eröffnung und einer Podiumsdiskussion mit der deutschen Schriftstellerin Olga Grjasnowa und dem polnischen Reporter Filip Springer (der für seine großartigen Reportagen über Gesellschaft, Urbanistik und Architektur bekannt ist) erschienen die großen Marionetten DUNDU und boten den Zuschauern ein faszinierendes Spektakel aus Licht, Bewegung und Musik. Anschließend folgte eine Performance der Gruppe StratoFyzika , in der sich Elemente des Balletts und moderne Technologien miteinander verbanden. Neben mir flüsterte jemand begeistert: „Das ist ja besser als Fernsehen!“. Stimmt, um Längen besser, umso mehr, als unmittelbar nach diesem Auftritt die SILENT DISCO begann, der absolute Hit des Eröffnungswochenendes. Die Veranstaltung dauerte bis spät in die Nacht und endete mit einer Zugabe, bei der die DJs ein Stück von Prince spielten. Im Mittelpunkt des zweiten Tages stand eine überaus amüsante Begegnung mit dem sympathischen Keyboarder der Gruppe Rammstein, Christian „Flake“ Lorenz. Am Abend wurde der Pavillon zum Ort einer Begegnung mit Flüchtlingen, die bei einem gemeinsamen Abendessen den Breslauern von ihren schrecklichen Erlebnissen und den Gründen für die Flucht aus ihrer Heimat berichteten. Am Sonntag wurde der verglaste Container zu einem Spiegel der Zeit: Die Breslauer waren dazu aufgerufen, gemeinsam eine Landkarte des Gedenkens anzufertigen und sich vorzustellen, wie ihre Stadt in Zukunft aussehen könnte. Nicht umsonst stand das erste Wochenende unter dem Motto „IDENTITÄT(EN) – Zeit, Ort, Kultur“.

Um es noch einmal zu sagen: Eine Auflistung sämtlicher ästhetischer und intellektueller Reize, die der Goethe-Institut Pop Up Pavillon in den kommenden Wochen bieten wird, ist nachgerade unmöglich. Lassen wir also lieber die Bilder sprechen, die während des Eröffnungswochenendes entstanden und die bereits jetzt einen Vorgeschmack auf das nächste Themenwochenende, vom 12. bis 15. Mai 2016, geben.

Digesting History

  • Pop up Pavillon: Digesting History Foto: Sebastian Górecki
  • Pop up Pavillon: Digesting History Foto: Sebastian Górecki
  • Pop up Pavillon: Digesting History Foto: Artur Bryś @pana_ceum
  • Pop-up Pavillon: Digesting History Foto: Artur Bryś @pana_ceum
Dies sind die TORTEN bzw. Installationen des Projekts DIGESTING HISTORY von Olga Lewicka und Susanne Prinz. Ihre Nachbildungen von Gebäuden und nicht realisierten Entwürfen des Architekten Hans Poelzig, der in Breslau vor allem als Architekt des Vier-Kuppel-Pavillons (in dem sich nach dem Krieg das legendäre Filmstudio „Wytwórnia Filmów Fabularnych we Wrocławiu“ befand), waren bereits seit dem 13. April im Pavillon zu besichtigen. Doch das Beste an der Ausstellung war die Finissage, bei der sämtliche Kunstwerke von den Besuchern verspeist werden konnten. Mohrrübenkuchen, Marzipan und Zuckerguss – ein im wahrstem Sinne geschmackvolles Kulturerlebnis.
 

Eröffnung

  • Pop-up Pavillon: Eröffnung Foto: Filip Basara
  • Pop-up Pavillon: Eröffnung Foto: Filip Basara
  • Pop-up Pavillon: Eröffnung Foto: Filip Basara

Durch den offiziellen Teil der Eröffnung führte der deutsche Schauspieler, Kabarettist und Autor Steffen Möller, der in Polen ebenso bekannt wie beliebt ist. Was ich von der Veranstaltung mitgenommen habe? Bauchschmerzen vor Lachen. Steffen Möller erzählte unter anderem eine Anekdote über einen Freund, der in einem deutschen Flughafen einen Flug nach Breslau buchen wollte. Dort fungierte die Stadt nicht als WROCLAW, sondern als WROCLOVE – offensichtlich ist die Liebe ein wichtiger Teil unserer Identität. Ehrengäste der Veranstaltung waren der Präsident des Goethe-Instituts e.V., Prof. Dr. h. c. Klaus-Dieter Lehmann, die deutsche Generalkonsulin in Breslau, Elisabeth Wolbers, und der Stadtpräsident von Breslau, Dr. Rafał Dutkiewicz.

Diskussion „FLÜCHTIGE IDENTITÄT“

  • Pop-up Pavillon: Diskussion „FLÜCHTIGE IDENTITÄT“ Foto: Filip Basara
  • Pop-up Pavillon: Diskussion „FLÜCHTIGE IDENTITÄT“ Foto: Filip Basara

Die von Magdalena Kicińska geleitete Diskussion zum Thema FLÜCHTIGE IDENTITÄT mit Filip Springer und Olga Grjasnowa, war a) äußerst interessant; b) ungewöhnlich inspirierend; c) von besonderer Bedeutung für Breslau; d) alle Antworten sind zutreffend. Als Resümee dieser Begegnung, die ganz offensichtlich eine inoffizielle Fortführung fand, kann der folgende Bericht dienen, den Filip Springer am nächsten Morgen auf seiner Facebook-Seite veröffentlichte: „Der Plan war, um 4:50 Uhr aufzustehen (ich stand um 5:32 Uhr auf), um 5:15 Uhr ein Taxi zu nehmen (es wurde schließlich 5:37 Uhr), um den Zug um 5:40 Uhr zu erreichen (ich kam um 5:47 Uhr am Bahnhof an). Ich wollte um 9:29 Uhr in Warschau sein (was nicht der Fall sein wird), um rechtzeitig um 10 Uhr einen Vortrag mit anschließendem Spaziergang durch Służew zu halten (was ich aber doch schaffen werde, weil der Vortrag erst um 11 beginnt, ich habe gestern nicht richtig nachgeguckt). Das Problem ist nur, dass ich noch immer meinen Pyjama anhabe.“

Silent Disco

  • Pop up Pavillon: Silent disco Fot. Marcin Oliva Soto
  • Pop up Pavillon: Silent disco Goethe-Institut Polen
Es ist dunkel, fast Nacht. Inmitten des großen Platzes steht ein durchsichtiger Container, auf dem drei DJs hinter Mischpulten stehen. Um den Container herum warten Hunderte von Menschen. Stille. Plötzlich flammen bunte Scheinwerfer auf, die Fassaden der umliegenden Gebäude werden von großformatigen Projektionen erhellt, in der Menge beginnen rote, blaue und grüne Lämpchen zu leuchten. Doch es bleibt still. So in etwa begann die SILENT DISCO am Goethe-Institut Pop Up Pavillon, die erste Freiluftveranstaltung dieser Art in Breslau. DJ Mimi Love, DJ [dunkelbunt] und Maciek Przestalski vom Breslauer Radiosender RAM brachten die Menge – jeder in seinem Rhythmus – zum Tanzen. Selbst die Marionetten DUNDU wurden vom Tanzfieber erfasst.

Stratofizyka und Dundu

  • Pop-up Pavillon: Stratofyzika Foto: Filip Basara
  • Pop-up Pavillon: Dundu Foto: Filip Basara

Das Eröffnungswochenende des Goethe-Institut Pop Up Pavillons war in besonderer Weise von „Licht“ geprägt. Sowohl im übertragenen Sinne, zum Beispiel als „Erleuchtung“, aber auch im wörtlichen Sinne. Sobald es dunkelte, wurden die Zuschauer auf dem Plac Nowy Targ vom Auftritt der großen Marionetten DUNDU verblüfft, die von schwarz gekleideten, nahezu unsichtbaren Puppenspielern gesteuert wurden. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es sich bei den Marionetten nicht um seelenlose Puppen, sondern – fast wie bei Pinocchio – um Wesen mit einer eigenen Persönlichkeit handelte, so gelungen und glaubhaft war ihre Interaktion mit den Zuschauern.

Begegnung mit Christian „Flake“ Lorenz

  • Pop-up Pavillon: Begegnung mit Christian Flake Lorenz Foto: Filip Basara
  • Pop-up Pavillon: Begegnung mit Christian Flake Lorenz Foto: Filip Basara

Die große Popularität von Rammstein in Polen war sicherlich ein Grund dafür, dass sich so viele Besucher – trotz Kälte, Regen und Wind – zu der Begegnung mit dem Keyboarder der Band, Christian „Flake“ Lorenz, einfanden. Zum Schutz vor der Nässe verteilte das Goethe-Institut Hunderte von Regenschirmen an die Zuschauer und verlieh dem Plac Nowy Targ damit eine ganz spezielle farbliche Note: Das Publikum erinnerte ein wenig an einen Chor grüner Frösche. Lorenz erzählte überaus amüsant und offen von seinen Kindheitsphobien, seinen schlechten Sportnoten und von seiner Flugangst. Er erinnerte an die Zeit der DDR, die Angst vor dem Militärdienst und an seine Anfänge als Musiker. Ich würde mir sehr wünschen, dass so bald wie möglich eine polnische Übersetzung seiner Autobiografie „Tastenficker“ erscheint, damit noch mehr Menschen in Polen den sympathischen Musiker und Menschen Christian „Flake“ Lorenz kennenlernen können.


Abendessen mit Flüchtlingen

  • Pop-up Pavillon: Abendessen mit Flüchtlingen Foto: Filip Basara
  • Pop-up Pavillon: Abendessen mit Flüchtlingen Foto: Filip Basara

Das Thema Flüchtlinge steht derzeit sowohl in Deutschland als auch in Polen im Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion. Zu Recht. An die Stelle von gegenseitigem Misstrauen und Distanz sollten Dialogbereitschaft und Verständnis treten – so wie bei dem gemeinsamen Abendessen im Goethe-Institut Pop Up Pavillon, das die Möglichkeit zum Dialog mit in Deutschland und Polen lebenden Flüchtlingen bot. In einer Stadt wie Breslau, in der vor gar nicht so langer Zeit Millionen von Menschen fliehen mussten und andere eine neue Heimat fanden, ist dieses Thema von besonderer Bedeutung.

Performance WIRWARENSINDWERDENSEIN

  • Projekt: Byliśmy, jesteśmy, będziemy
  • Pop up Pavillon: WIRWARENSINDWERDENSEIN Foto: Filip Basara

Es gibt viele Gründe, warum ich Breslau liebe, aber einer der wichtigsten ist seine – durch und durch europäische – Geschichte. Bis heute kreuzen sich in dieser Stadt mindestens vier Narrationen: die polnische, die deutsche, die tschechische und die jüdische. Und eben hier kommt dem GEDENKEN eine besondere Rolle zu. Die Witkacy-Bühne in Breslau (scena witkacego.wro) fragte die Breslauer nach ihren Erinnerungen an die Zeit, als aus Breslau Wrocław wurde. Wie sehr ist unsere Identität noch heute von dieser Zeit geprägt?


Wellen der Erinnerung 


Den Abschluss des Wochenendes bildete die Vernissage der Installation WELLEN DER ERINNERUNG. Im Inneren des Pavillons wurde ein alter Radioempfänger aufgestellt, der Archivaufnahmen des Reichssenders Breslau (u. a. aus dem Nationalen Digitalen Archiv), des Polnischen Rundfunks (aus den Archiven des Polnischen Rundfunks und des Senders Radio Wrocław) und des 1981 tätigen Senders Radio Solidarność Wrocław wiedergibt. Man muss lediglich den Drehregler betätigen, um durch die Zeit zu reisen: in das Breslau der Vorkriegszeit, der Volksrepublik Polen und der Zeit der Solidarność-Bewegung.